Über Alfred Döblin

Alfred Döblin
Foto: Archiv S. Fischer Verlag

Vita

Alfred Döblin, 1878 in Stettin geboren, arbeitete zunächst als Assistenzarzt und eröffnete 1911 in Berlin eine eigene Praxis. Döblins erster großer Roman erschien im Jahr 1915/16 bei S. Fischer. Sein größter Erfolg war der 1929 ebenfalls bei S. Fischer publizierte Roman ›Berlin Alexanderplatz‹. 1933 emigrierte Döblin nach Frankreich und schließlich in die USA. Nach 1945 lebte er zunächst wieder in Deutschland, zog dann aber 1953 mit seiner Familie nach Paris. Alfred Döblin starb am 26. Juni 1957.


Interview

Interview mit Stephan Döblin, 25.07.2011
Er strebte immer nach Verbesserung
Gespräch mit Stephan Döblin

Stephan Döblin ist der jüngste Sohn von Alfred und Erna Döblin. Er wurde 1926 in Berlin geboren, floh mit der Familie 1933 nach Frankreich und 1940 in die USA. 2005 übernahm er die Vertretung der Erbengemeinschaft Döblin. Er lebt in Louveciennes.
Neue Rundschau: Vor 80 Jahren erschien ein Foto von Ihnen und Ihren Eltern im Ersten Rückblick, und Ihr Vater schrieb dazu: ›Anbetung des Jüngsten‹. – Wie war Alfred Döblin als Vater?
Stephan Döblin: Es kommt ganz darauf an, an welche Zeit Sie denken. Als ich ein kleiner Junge war, war er kein ›guter‹ Vater. Er sah sein Kind durchaus gern, aber er hatte keine Zeit für Kinder und mochte keinen störenden Kinderlärm. So war er jedenfalls für mich – bei meinen Brüdern weiß ich es nicht – in den Jahren von 1926 bis 1933 in Deutschland kein besonders ungewöhnlicher Vater. Ich hatte ein Kindermädchen, Greta. Vater und Mutter waren oft auf Empfängen und reisten in Deutschland herum. Ich erinnere mich nicht, dass sie viel Zeit mit mir verbracht hätten. Ich kam neun Jahre nach meinem nächst älteren Bruder und bin wohl der ›Unfall‹ in ihrem Leben, mehr oder weniger erwünscht. Mein Bruder Claude nannte mich ›das Versöhnungskind‹. Vater spielte gern mit mir, er war lieb zu seinem Kind, aber Aufmerksamkeit für ein sehr junges Kind war zu dieser Zeit nicht seine Priorität.
In Frankreich war er so bestürzt über das, was in Deutschland geschah und über die Flucht aus seinem Heimatland. Er pflegte regen Kontakt mit deutschen Schriftstellern und Intellektuellen im Exil und war nicht übermäßig am Alltag eines Kindes interessiert. Ich stand nicht auf einer Stufe mit ihm. Er hatte mehr Zeit und war als Vater stärker an mir interessiert, kümmerte sich aber wenig um meine alltäglichen ›kleinen‹ Probleme. Meine Mutter hingegen war extrem um meine Erziehung besorgt; natürlich trug sie den größeren Teil der familiären Lasten. Sie war daran gewöhnt, ein Dienstmädchen zu haben, und urplötzlich hatten wir keine Hilfe mehr im Haushalt. Als ich jedoch Probleme mit dem Rücken bekam, und zwar ernsthafte Probleme mit einer Skoliose, die mich mein ganzes Leben lang geplagt hat, nahm Vater sich Zeit und ging zweimal die Woche mit mir zu einem Krankengymnasten, wo ich körperliche Übungen machte. Er wollte sicher sein, dass man sich gut um mein körperliches Wohl kümmerte. An meiner Erziehung allerdings war er bis dahin niemals sonderlich interessiert gewesen.
Als wir in den USA waren, begann eine ganz andere Phase. Er war damals so einsam, so verloren, er verstand die Sprache nicht. Wir lebten im selben Raum, im selben Schlafzimmer, und dort wurde er auf einmal zu einem Vater. Jetzt interessierte er sich dafür, was ich lernte, welche Probleme ich als Jugendlicher hatte (ich war 13, als wir in den USA ankamen, und mit 18 ging ich von zu Hause fort), und versuchte, mich für einige der Gefahren zu sensibilisieren, denen Jugendliche gegenüberstehen. Er bestärkte mich immer sehr darin, etwas zu tun. Und dann wurde ihm ganz plötzlich klar, dass ich nicht die richtige Ausbildung bekam. Die öffentlichen Schulen in Los Angeles waren nicht das Angemessene für mich. Sie boten nicht die ›richtige‹ Art von Bildung wie in Europa; der Lehrplan hatte keinerlei ethische oder kulturelle Bestandteile. Er traf die Entscheidung – es war nicht Mutter – , mich für einige Monate bei einem von Jesuiten geleiteten Gymnasium anzumelden, hauptsächlich um mein Englisch zu verbessern, und dann auf eine Highschool zu schicken. Er war sehr auf meine schulischen Leistungen bedacht. Ebenso sollte ein Jugendlicher wie ich noch etwas anderes, Kulturelles tun. Also verfolgte er die Idee, ich sollte Musik hören. Mutter kaufte einen großen Plattenspieler, damals waren das riesige Geräte. Er besorgte Schallplatten, und er hörte diese Platten gemeinsam mit mir an. Er beschloss, dass ich ein Musikinstrument lernen sollte. Er stellte mich Wanda Landowska vor, denn sonderbarerweise meinte er, ich sollte das Harpsichord spielen lernen. Bei Wanda Landowska verbrachte ich etwa vier Stunden. Aber freilich war das Harpsichord nicht das richtige Instrument für den Anfang. Bei einem Treffen von Intellektuellen und Künstlern in Hollywood ergab sich die Gelegenheit, Igor Strawinsky um Rat zu fragen. Vater sagte Strawinsky, er wisse nicht, welches Instrument am besten für einen Jugendlichen geeignet sei, und Strawinsky empfahl die Klarinette. Er drängte meine Mutter dazu, mir eine Klarinette zu kaufen, und meine Mutter bezahlte den Musikunterricht. Aber die Initiative ging von ihm aus.
Und dann kam schließlich die Zeit, sich wegen des Wehrdienstes zu entscheiden – denn in den USA wurde man mit 18 wehrpflichtig, in Frankreich erst mit 21. Deshalb stand mir die Einberufung in die amerikanische Armee bevor. Ich beschloss – es war meine Entscheidung – dass ich nicht zur amerikanischen Armee gehen wollte. Ich wollte zur französischen Armee. Vater sagte mir, dies sei eine falsche Entscheidung, aber eben meine Entscheidung. Und er nahm großen Anteil daran, meine Haltung in diesem Punkt zu vertreten.
Und zuletzt erwies er sich nochmals als Vater, als er nach Frankreich zurückkam und ich meine heutige Frau kennen lernte. Meine Mutter war gegen unsere Heirat, ihre Haltung war sehr hart und streng. Mein Vater traf meine zukünftige Frau, und nachdem er eine halbe Stunde lang allein mit ihr gesprochen hatte, sagte er Ja, sie lieben einander, sie sollen heiraten.

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