Aktuelles Heft - Neue Rundschau 1/2015 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2015/1

Neue Rundschau 1/2015
192 Seiten
Broschur
Preis € 15,00
ISBN 978-3-10-809101-9

Inhalt

Moritz Baßler
Junge Türken – alte Tiegel

Marlene Streeruwitz
Schäferspiele im Park.

Teresa Präauer
Das O, das der Schönheit ein Loch reißt

Franz Friedrich
Futurismus und Hysterie

Peer Trilcke
Versuch über die Köttbullarfalle

Michael Lentz
Das Imaginäre und das Konkrete

Elke Erb
Poetologische Bemerkungen

Dorothee Elmiger
Hinters Licht

Monika Rinck
Der Leere zum Verwechseln ähnlich

Olga Martynova
(Gescheiterter) Versuch, Ornithologe zu sein

Ann Cotten
Total Pandaemonium

Silke Horstkotte
Zitatraum und Epiphanie

Anna Katharina Hahn
Rollende Schlafzimmer

Joe Paul Kroll
Der vertagte Aufstand oder: Theorie als Handlung

Thomas Stangl
Treffende Worte, Unendlichkeit

Dietmar Dath
Realismus als nötiger Irrtum

Jan Beuerbach
Einige überstürzte Gründe und Abgründe,
von Literatur als Kunst zu sprechen

Moby-Dick

Joseph Vogl
Kapitel 59: Squid

Roland Borgards
Kapitel 61; Stubb kills a Whale

Christoph Neubert
Kapitel 85: The Fountain


Lyrikradar

Durs Grünbein
Viele Festivals später

Franz Josef Czernin
reisen, auch winterlich


Carte Blanche

Dieter Kühn
Dante übertragen

Viola Roggenkamp
Noch einen schönen Tag
Buddy Elias
Rede zum 9. November 2014
in der Paulskirche Frankfurt

Hans Jürgen Balmes
Wortgesang


Olga Martynova
Ankleben verboten!
Das Teufelsdutzend des Schreibens

Editoral

Einmal galt die Literatur als kritisches Instrument, das die Gegenwart korrigiert. Heute beruhigen wir uns gerne mit dem Glauben, sie wollte uns unterhalten. Aber will uns Literatur nur unterhalten? Geht es im Erzählen um Glanz und Schmerz – oder um Erkenntnis? Um was geht es überhaupt in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart? Um Gefühle? Um Dinge? Ist, wer die Dinge beseelt, nur zu feig und zu faul für Menschen? Verändert ein Satz eine Welt? Für was interessiert sich die Literatur? Und für was interessieren wir uns, wenn wir von ihr sprechen?

Wir Herausgeber sind uns einig: Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur erlebt derzeit eine einzigartige Blüte. Selten waren so viele konkurrierende Poetiken zu beobachten, und wohl noch nie waren so viele Altersgruppen ins literarische Feld involviert. Die üble Nachrede, mit der lesemüde Sensationsjäger es sich bequem machen, kommt einer Verleumdung gleich. Wir wollten die prächtige Vielfalt der gegenwärtigen Literatur zeigen und sie feiern. Doch das war leichter gesagt als getan. Zum einen mussten wir uns auf wenige Beispiele beschränken, es fehlen in diesem Heft sehr viel mehr Autorinnen und Autoren, als wir aufnehmen konnten. Zum anderen sind wir zwar von der Vitalität gegenwärtiger literarischer Posi-tionen überzeugt, doch waren wir uns in deren Einschätzung keineswegs immer einig.

Die Texte in diesem Heft liefern im Nachhinein die Fragen, die wir vielleicht hätten stellen sollen: Gibt es ein befreites Lesen? Ist der Text eine Realität? Ist unrealistisch, was man sich nicht vorstellen kann? Und kann Realismus poetisch sein? Was passiert, wenn man ganz still in einem Raum sitzt? Ist ein Bild schon eine Erzählung? Will Literatur immer die Zukunft der Literatur sein? Rechnet sich Kunst? Schreibt, wer hofft im Kanon aufgenommen zu werden, für ein Publikum, das erst kommt? Übermitteln Träume Sätze, die der Literatur angehören? Warum kämpft das Perlhuhn im Grunde ohne Grund? Sollten Schriftsteller über Methoden nachdenken? Ist das Schöne des Schrecklichen Anfang? Sind Begriffe Herrscher? Ist das Imaginäre schwarz? Und sind Buchstaben die Materialisierung des Imaginären? Ist jeder Schreibende Migrant? Eröffnet das Lesen Einsichten? Wie kann man etwas aufschreiben, das man sieht? Wie kann man etwas sehen, ohne zu beschreiben, was man sieht? Oder ist Mimesis die Kunst, ein anderer zu werden? Verwandelt sich die Beschreibung von kleinen selbsterlebten Krankheiten im Erzählen in große und schreckliche Krankheiten? Kann man sehr traurig viel lachen? Lauert das Literarische an der Grenze zum Abgrund? Und sollte es das überhaupt? Ein Literaturwissenschaftler, eine Kritikerin und ein Lektor: drei unterschiedliche Perspektiven, verschiedene Erfahrungen und Zielsetzungen. Wir verpflichteten uns zu einer Diskussion, aber am Ende wurde die Sache entsetzlich lang, artete in Pamphlete, Bekenntnisse und hochtrabende Methodenfragen aus. Unzumutbar! (Die Reste unseres E-Mail-Gesprächs finden Sie unter www.hundertvierzehn.de.)

Viel wichtiger sind die Texte in diesem Heft und diejenigen, von deren Einfallsreichtum und Sprachkraft wir uns immer noch, immer wieder und hoffentlich noch lange überraschen und begeistern lassen: die Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Wir schlugen ihnen Stichworte vor, sie hatten aber alle Freiheit, zu schreiben, was sie wollten. Und sie nutzten diese Freiheit. Wir freuten uns über Zusagen und dann über originelle, unbequeme oder einfach schöne Texte, die trotz knapper Fristen entschlossen eintrafen. Das Ergebnis ist dieses Heft: provisorisch, gelenkig, fragend und sich selbstbewusst behauptend.

Gegenwartsliteratur? Gegenwartsliteratur! Denn sie bewegt sich doch. Großer Dank an die Autorinnen und Autoren!

Ina Hartwig
Christian Metz
Oliver Vogel

0 Artikel  0 €