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Neue Rundschau 2014/2

Neue Rundschau 2/2014
272 Seiten
Broschur
Preis € 15,00
ISBN 978-3-10-809097-5

Inhalt

László Krasznahorkai
Die Akropolis mit Sonnenbrille

Adam Thirlwell
Als der Teufel in Ungarn tanzte

Manuela Reichart
Liebes Leben

Barry Lopez
Ein Splitter vom Himmel

Andrei Hvostov
Sillamäe Passion

Gianna Molinari
Von hier aus gut sichtbar

Gianna Molinari und Lorena Simmel
Über Land

Lorena Simmel
Sankt Au

Michael Lentz und Studenten
Das Tagessoll ist erreicht

Kathrin Röggla und Ulrich Peltzer
Geisterfahrer: Büchner

Peter von Matt
Die Form und die Vergänglichkeit

Clemens Meyer
Nicht neu kann sein, was du beginnst

Roman Ehrlich
Die Freiheit des Erzählens


Moby-Dick

Moby-Dick – Ein historisch-spekulativer Kommentar

Bernhard Siegert
Kapitel 68: The Blanket

Harun Maye
Kapitel 88: Schools and Schoolmasters

Armin Schäfer
Kapitel 91: The Pequod meets the Rose-bud

Burkhardt Wolf
Kapitel 104: The Fossil Whale


Lyrikradar

Lorine Niedecker
Gedichte

Daniela Seel
TERRITORIEN, FLIMMERN

Jan Wagner
Gedichte

Alice Oswald
Memorial

Willem van Toorn
Gedichte

Annette Hagemann
Gedichte

Anja Utler
Zur Zuneigung in arrangierter Partnerschaft


Beilage

Etgar Keret
Ankleben verboten.
10 Thesen zum Beruf des Schriftstellers

Editoral

Gedicht, Textur, Gewebe – die Metapher für die Struktur des Textes, die auf das antike Griechenland zurückgeht, weitete die chinesische Philosophie auf die Welt der Erscheinungen selbst aus: All die zehntausend Dinge entstehen auf einem großen Webstuhl, in dem sie auch wieder verschwinden. »Das Werden im Vergehen«, nannte es Hölderlin. Durch diese Wendung wird aus dem Text als Gewebe aber nicht weniger als das Welt­geschehen selbst, das Gedicht wird zur Textur der Welt.

Verlassen wir aber die daoistische Höhle, in der diese fortwährende Entstehung der Welt stattfindet, verlieren wir uns zwischen den Fäden. Sie sind gegeneinander gespannt, überkreuzen sich, zerreiben sich aneinander, die unterschiedliche Spannung lässt das Gewebe aufreißen – dem Zauber des Beginns ist immer schon der Schrecken des Endes eingeschrieben. Von den europäischen Schriftstellern seiner Generation hat keiner diese ewige Zerreißprobe so in der eigenen Schrift, am eigenen Körper erfahren wie László Krasznahorkai. Gegen Anfang des Jahres fanden überall in Ungarn große Symposien und Feiern zu seinem 60. Geburtstag statt. In seinem Werk, das im Moment eine aufsehenerregende Rezeption im angelsächsischen Raum erfährt, wird eine so betörend luzide wie dunkle Karte unserer Gegenwart gezeichnet. Es ist das »leuchtende Dunkel« Becketts, in dem er sich mit Kafkas Kompass bewegt und im Reflex auf die geborstene Welt wie Sebald die Scherben einer zersprungenen Transzendenz sammelt.

Vielleicht ist es eine Signatur unserer Tage, dass in der Kakophonie des Netzes der Autorenkommentar neue Beachtung und Bedeutung findet: nicht als Homestory oder als biographische Seitenerzählung, sondern als ausführliche Selbstaussage wie jene von Philip Roth zu seinem Werk, die Briefe von J.  M. Coetzee über die Fallstricke einer Lektüre, die selbst­bewusst und wie selbstverständlich ihre Ignoranz als Aufmerksamkeit preist. Oder eben die Gespräche, mit denen László Krasznahorkai seine Romane und Erzählungen kommentiert – und uns die Spannungen der Fäden, die zwischen seinem Schreiben und Lektüren, seinen Begegnungen und Reisen, seinen Figuren und Sujets verlaufen, neu erschließt. Einiges davon muss, trotz der hervorragenden Arbeit seiner Übersetzerinnen, hinter der Scheibe der fremden Sprache bleiben, und so sind diese Gespräche unverzichtbar. Mit dieser Nummer beginnen wir den regelmäßigen Abdruck aus dem Band »Nem kérdez, nem válaszol«, »Ich habe keine Frage, habe keine Antwort«, in dem Krasznahorkai seine Interviews sammelte und untereinander so abstimmte, dass ihnen Werkcharakter zukommt.

Hans Jürgen Balmes

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