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Neue Rundschau 2007/4

Neue Rundschau 4/2007
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809071-5

Inhalt

Details

durs grünbein Gedichte
sjón Unter den Flügeln der Walküre
alberto fuguet Dort draußen ist niemand

Details

uli winters Gouda, Millie, Zeit
andreas bernard Der Detektiv ohne Auftrag
lászló krasznahorkai Brüllen unter der Erde
christina viragh Das Mückengitter
iris hanika Schöne Sätze, guter Stil
rainer merkel The Fashionistas. Lichtjahre entfernt
thomas macho Letzte Details. The Virgin Suicides von Jeffrey Eugenides und Sofia Coppola
markus krajewski Elektra am Herd. Einige medienhistorische Details am Rande einer Technovision

Naomi Klein

john berger Die Vergangenheit ausradieren. Einige Notizen am Rand einer Zeichnung
slavoj žižek Das liberale Utopia
renate künast Ein Schock ohne Schock-Therapie

Carte blanche

birgit vanderbeke To read or not to read. Vorlesung anläßlich der Brüder-Grimm-Professur
uwe wittstock Die eigene Freiheit suchen. Der Romancier Martin Mosebach
jana hensel Von einem, der übrig geblieben ist. Laudatio auf Clemens Meyer

Beilage

Ankleben verboten. Adam Thirlwell

Editoral

Um die großen Linien wird oft gerungen, dabei liegt das Wesentliche im Detail. Es gerät nur gerne aus dem Blick, weil es als langweilig gilt, Umstände macht, Fachleute erfordert und oft als Nebensache diffamiert wird. Vielleicht liegt das an seiner Wortherkunft aus dem französischen »détailler«, was im Deutschen »abtrennen«, »ausführlich darstellen« oder »in Einzelheiten zerlegen« heißt. Das sind keine Tätigkeiten, die positive Reaktionen hervorrufen. Trotzdem kann am Detail alles gelingen und alles scheitern. Das wird jeder bestätigen können, der in seiner täglichen Arbeit mit Einzelheiten zu tun hat und sich oft mit ihnen herumschlagen muss. Überhaupt scheint es ein Vorurteil zu sein, dass die große Linie und das Detail kein inniges Verhältnis pflegen, dass es sich nicht um zwei Pole einer selben Sache handelt. Als guter Dialektiker hätte man wissen können, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist: Wenn man ein Detail ändert, gerät oft die ganze Konzeption ins Wanken, und wenn man die große Linie verschiebt, zeigt sich dies zuerst an den Einzelheiten. Beispiele dafür gibt es wie Sand am Meer: Wie oft erleben wir, dass ein falsches Wort den ganzen Satz zerstört, dass ein Paragraph den Vertragsabschluss unmöglich macht, dass ein ins Bild hängendes Mikrophon die Illusion des gesamten Films zerstört. Oder im Gegenteil, oft mögen wir Menschen wegen ihrer Art, zu lachen oder sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen, lieben wir ein gesamtes Buch wegen einer sympathischen Figur oder einem einzigen besonderen Satz, bewundern wir eine ganze Symphonie wegen der ersten Takte ihres zweiten Themas, das die Holzbläser spielen. Dabei kann das Detail nicht nur das Arbeitsleben bestimmen, sondern auch unseren gesamten Alltag. Es ist in der Lage, die Macht über unser Leben zu übernehmen, sodass wir uns regelrecht in Details erschöpfen. Von großer Linie ist dann keine Rede mehr, es geht nur noch darum, den Auftrag der Einzelheiten zu erfüllen. Und weil Details dazu neigen, in Gruppen aufzutreten und weitere Details nach sich zu ziehen, wächst die Aufgabe ins Unendliche. – Von der Macht der Details und ob der Teufel wirklich in ihnen steckt, berichten in diesem Heft Schriftsteller, Wissenschaftler und Essayisten. Ein weiterer Schwerpunkt dieses Hefts ist Naomi Kleins neues Buch Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. Nach seinem Erscheinen am 11. September hat es weltweit eine Debatte um den Neoliberalismus und seine Durchsetzung entfacht. Wir möchten diese Debatte mit drei ganz unterschiedlichen Texten begleiten: von einem Schriftsteller, einem Philosophen und einer aktiven Politikerin. In diesen Texten spiegelt sich die ganze Bandbreite und Spannung von Kleins Buch wider. Wir hoffen, damit die Diskussion weiterzutragen, denn das Thema, um das es geht, ist wichtig und berührt den Kern unserer Gesellschaft. Alexander Roesler
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