Neue Rundschau 1/2008 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2008/1

Neue Rundschau 1/2008
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809072-2

Inhalt

Mit Gedichten von
Emily Dickinson, Paul Celan, Uda Strätling, Amy Clampitt, Anne Carson, Durs Grünbein, Henning Ahrens, Sjón, Nico Bleutge, Michael Donhauser, Monika Rinck, Jan Volker Röhnert, Christopher Edgar, Ron Winkler, Kerstin Preiwuß, Christian Schloyer, Ulrike Almut Sandig, Robin Robertson, Léonce W. Lupette, Mark Boog, Dirk Von Petersdorff, José Luis De Juan, Sabine Schiffner, Marcus Roloff, Nadja Küchenmeister, Andreas Altmann, Silke Scheuermann, Matthias Göritz, Hendrik Rost, Michael Lentz, Martine Bellen, Aleš Šteger Protuberanzen, Ann Lauterbach, Mara Genschel, Gabriel Rosenstock

Olga Martynova
Emily Dickinsons Briefe (Die Biene und der Imker)

Matthias Bauer
Rose Ausländers amerikanische Sprachwende

Nykur
Der Papagei im Norden

Carte blanche

Thorsten Palzhoff
Greuthers Orpheus

Julika Griem
Laudatio auf Felicitas Hoppe, Roswitha-Preisträgerin des Jahres 2007

Axel Honneth
Ethos der Illusionslosigkeit. Jan Philipp Reemtsma als Intellektueller

Beilage

Henning Ahrens
Ankleben verboten. Die Technik des Schriftstellers in 13 Thesen

Editoral

»Hier in der Houghton Library gibt es einen Emily Dickinson-Raum – ich hatte nie den Mut, hineinzugehen und ihn zu besichtigen«, schrieb Elizabeth Bishop 1972 in einem Brief. In ihre Lebensspanne hatte sich die eigentliche Entdeckung Emily Dickinsons ereignet – ihre Gedichte wurden zum größten Teil erstmals und dann immer wieder aus den Handschriften ediert, ihr Leben wurde zur Legende und ihr Grab zu einem Wallfahrtsort. Da mag ein Gedenkraum schon fast zuviel Gegenwart bedeuten – Elizabeth Bishop begegnete ihr lieber auf ihrem Terrain, bei der Lektüre im Gedicht und nicht in Faksimiles und Schaukästen, unter denen sie wohl Dickinsons berühmten großen Hund auf der Lauer vermutete. Die Emily Dickinson-Editionen zu Beginn des letzten Jahrhunderts haben das Bild der Lyrik des 19. Jahrhunderts genau so tiefgreifend ver-ändert wie die fast gleichzeitigen Hölderlin-Bände bei uns, die sein hymnischen Bruchstücke vorlegten. Über hundert Jahre hinweg artikulierte sich plötzlich unvermutet eine Zeitgenossenschaft, deren Anspruch man sich stellen musste. Auf der Spur dieser Gedanken rückten Maria Gazzetti und Matthias Göritz Emily Dickinson in den Mittelpunkt des Lyrikfestivals MainPoesia, das im April 2007 zum ersten Mal im Frankfurter Literaturhaus stattfand. Stephan Krass’ Installation des Dickinson Gedichtes I Dwell In Possibility im Treppenhaus und der Dickinsonabend mit Gunhild Kübler, Uda Strätling und Felicitas von Lovenberg bildeten die Achse für die Frage nach ihrer Gegenwart, die in zögerlichen bis emphatischen Widmungsgedichten der eingeladenen Lyriker Antwort fand. Dieses Projekt, das wir in der vorliegenden Neuen Rundschau dokumentieren (wobei wir leider auf Ulf Stolterfoht verzichten müssen, dessen holzrauch über heslach bereits vollständig als Buch vorliegt), zeigt eine Facette der Lyrikosmose, die wir in den letzten Jahren beobachten konnten. Als beinah komplementären Bewegung zur poetischen Selbstreflexion, die aus den auslaufenden Endmoränen der Spätmoderne noch einmal Befehlshügel bauen will, gibt es eine virulente Neugier auf die Nachbarschaften in anderen Sprachen, für die Bewegungen des umgebenden Materials, seine Verwerfungen und seine Musikalität. Um zu verstehen, wie man den Reim aus seiner parodistischen Umklammerung befreien könnte, hilft es, die Übersetzungen von Ossip Mandelstam, Tomas Venclova oder Don Patterson zu lesen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten entstanden sind. Der Bewegung nach innen, auf sich selbst zu, scheint eine pulsierende Anverwandlung, ein Telos nach außen zu antworten: »Anverwandlung ist das unaufhörliche Geschäft des Geistes.« (Novalis).
h j b

0 Artikel  0 €