Neue Rundschau 3/2008 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2008/3

Neue Rundschau 3/2008
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809074-6

Inhalt

Editorial

László Krasznahorkai
Christo Morto

Nikola Richter
Mit roter Farbe markieren. Zehn Gedichte

Ron Winkler
Parabolschwarm in Emily Dickinsons Garten

Dave Hickey
Der Kunstkritiker als Luftgitarrist

Peter Szondi

Andreas Isenschmid
»Wir sind alle Überlebende«. Zum Briefwechsel von Hilde Domin und Peter Szondi

Hilde Domin • Peter Szondi
Briefwechsel

Andreas Isenschmid
»Von großer Meisterschaft«. Géza Ottliks Erzählung »Die Drahtbrille« und ihr Fürsprecher Peter Szondi

Géza Ottlik
Die Drahtbrille

Thomas Schestag
Philologie, Erkenntnis

Carte blanche

Ermittlungen zu Samuel Fischer. Ein Gespräch mit Barbara Hoffmeister

Michael Lentz
Infekt. Über Poetik und Poesie. Kieler Liliencron-Dozentur

Anja Utler
Auf dem Stuhl des Vergessens. Eine Wegbeschreibung. poetikdozentur mainz, 04.07.2008

Beilage

Clemens Meyer
Ankleben verboten. Die Technik des Schriftstellers in 13 Thesen

Editoral

Vor fünfzig Jahren erschien in der Neuen Rundschau Peter Szondis »Traktat über philologische Erkenntnis«, der die Literaturwissenschaft auf die Bedeutsamkeit der kleinsten Dinge hinwies und in ihnen einen Drehpunkt entdeckte, dessen polemisches Moment sich in den Germanistikdebatten der folgenden Jahre zeigte und zur Inspiration ganzer Generationen wurde. Dieses Jubiläum wäre Grund genug, um an einen der Gründungstexte einer neuen Germanistik zu erinnern und ihn, wie Thomas Schestag es tut, auf seine eigene Philologie hin zu lesen. Doch auch Peter Szondis Leben ist Gegenstand philologischen Interesses geworden und sein Lebenslauf, der eng mit der Wissenschaftsge-schichte der Literaturwissenschaft im deutschen Raum verknüpft ist, wird biografisch erforscht – so von Andreas Isenschmid in seiner groß angelegten -Biografie. In Peter Szondis Briefen, die wir in einer Auswahl schon seit einiger Zeit le-sen können, werden wir noch in den nebensächlichsten Passagen zu Ohren-zeugen dramatischer Monologe, die in ihrer Entschiedenheit auf eine beklemmende Engführung hinweisen, die für ihn wie für Paul Celan in den frühen Tod führte. Der hier zum ersten Mal veröffentlichte Briefwechsel mit Hilde Domin bildet da keine Ausnahme. Er führt uns unmittelbar zurück in die Atmosphäre der sechziger Jahre, als der unbedingte Wunsch, es solle etwas Neues beginnen und man sollte an das Alte nicht mehr rühren, eine fast hysterische Hochzeit mit der Angst vor Wiederbewaffnung und der Wiederkehr des Braunen einging. Wenn demnächst der Retrozug unserer Gegenwart vor dieser Ära hält, wird es gut sein, sich daran zu erinnern. Der Optimismus ging Hand in Hand mit einer fahlen Hellsichtigkeit, die bis an die Überbelichtung der Paranoia reichte. Dazwischen bleibt nicht der geringste Zwischenraum, in dem sich eine nostalgische Sehnsucht einrichten könnte. Die sechziger Jahre waren ein kaltes Jahrzehnt, das hat Szondi wie kaum ein zweiter gespürt – und in den freundlichen Einladungen Hilde Domins Vereinnahmung und falsche Gemütlichkeit gewittert. Diese Gemütlichkeit verbot sich Szondi wie auch jede Fraternität mit Menschen, die er nicht zu durchschauen glaubte – und diese Insistenz wurde bei ihm zum philologischen Programm. Bei all der Bewunderung, die seine aus diesem Geist entstandenen Schriften fanden, ist es merkwürdig, dass erst Andreas Isenschmid auf den Text einer Erzählung stieß, die Szondi selbst übersetzen wollte. Beide, die Erzählung des ungarischen Autors Géza Ottlik wie die Briefe an Hilde Domin, berühren Szondis Judentum und beleuchten so seine Gestalt aus einem unerwarteten Blickwinkel. Ihm sei dieses Heft gewidmet. Hans Jürgen Balnmes
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