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Neue Rundschau 2008/4

Neue Rundschau 4/2008
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809075-3

Inhalt

Editorial

Dmitri Sawizki
Ein Walzer für K.

Film und Erzählen

Fritz Göttler
Drehbuch und Passion. Zwei oder drei Dinge über die Ordnung im Film

Hanif Kureishi
Hochzeiten und Enthauptungen

Jörn Ahrens
»Imitation of Life«. Über filmische Literatur

Erzählen heißt auflösen. Piero Salabè im Gespräch mit Alexander Kluge

Ernst-Wilhelm Händler
Der Glamour des Romans. Zum Deutschen Buchpreis

Thorsten Palzhoff
Livia

Chuck Klosterman
Über Roadmovies. Was ist der Unterschied zwischen einem Roadmovie und einem Film, in dem einfach nur Straßen vorkommen?

Sarah Khan
Die Familie der Gespenster. Über alte und neue Versuche von Film und Literatur, mit (Un-)Toten Umgang zu haben.

Mit den Augen des Schriftstellers. Piero Salabè im Gespräch mit Claudio Magris

Martin Seel
Bewegtsein und Bewegung. Elemente einer Anthropologie des Films

Christian Kracht
Nerd versus Proll, Nerd siegt: The Darjeeling Limited

Michaela Krützen
Adaptation. Ein Film über das filmische Erzählen

Scott Bradfield
Dazzle kommt nach Hollywood

Thomas Brussig
Bücher sind das andere

Thomas von Steinaecker
Reality. Wie Reality-Shows unser Konzept von der Wirklichkeit verändern und was das für die Literatur bedeutet

Werner Herzog
Lektionen in Finsternis. Minnesota-Erklärung: Faktum und Wahrheit im Dokumentarfilm

Landschaften darf man nicht stehlen. Werner Herzog im Gespräch mit Errol Morris

Carte blanche

Uwe Wittstock
Von Wirklichkeit und Schnirklichkeit. Über Robert Gernhardt, seinen Roman »Ich Ich Ich« und das Absurde

Beilage

Heinrich Breloer und Oskar Roehler
Ankleben verboten! Die Technik des Filmemachers in 13 Thesen

Editoral

Zu den schönen Künsten hat der Film nie wirklich gezählt. Entwicklungsge-schichtlich wurde er zu spät erfunden, um in den relevanten geistesgeschichtlichen Diskussionen eine Rolle spielen zu können. Außerdem verhinderte seine Nähe zum Kommerz eine rasche Aufnahme in die Gruppe der seriösen künstlerischen Ausdrucksformen. Das hat sich heute jedoch geändert. Der Film hat in seiner über hundertjährigen Geschichte bewiesen, über welchen Reichtum an Gestaltungsmitteln er verfügt. Er ist fast schon zu einer Leitkunst geworden, die technische Entwicklungen ebenso vorantreibt wir erzählerische und visuelle Experimente. Dass man mit ihm auch Geld verdie-nen kann, beschleunigt diese Entwicklung nur. »Der Film hat den Roman als die dominierende Erzählform abgelöst«, so drückt es Thomas Brussig in diesem Heft aus. Tatsächlich kann man beobachten, dass viele Autoren nicht mehr nur andere Autoren als Vorbilder für ihr Schreiben nennen, sondern zunehmend Filme als ihre Inspirationsquelle angeben. Der Einfluss der Filme auf das Erzählen geht dabei über die Anpassung filmischer Erzählformen auf den Roman hinaus, wie sie etwa im Nouveau Roman praktiziert worden ist. Jetzt sind es nicht nur stilistische Techniken, sondern auch Aufbau der Geschichte, Handlungsführung, psychologische Motivierung usw., die vom Film in den Roman wandern. Wurde früher in der Belletristik viel stärker mit Schreibweisen experimentiert und formal nach neuen Wegen gesucht, könnte man heute die angeblich neue »Rückkehr des Erzählens« auch mit der Dominanz des Films in der gesamten Kultur in Zusammenhang bringen. Vielleicht verdankt sich der Erfolg vieler Romane der letzten Zeit dem gleichen Bedürfnis nach gut erzählten Geschichten, die sie in ihrer Machart vom Film abschauen. Erstaunlich dabei ist, dass diese Dominanz historisch gesehen genau in die Zeit fällt, in der es dem Film gelungen ist, in seiner Bildproduktion nicht mehr auf die irgendwie vorhandene Welt angewiesen zu sein, sondern mit den Mitteln digitaler Bearbeitung alles zeigen zu können, was er zeigen möchte. Die Beschränkungen der »normalen« Welt, die man zwar ausstatten, aber dann eben nur ablichten kann, sind ebenso beseitigt wie die unvollkommenen »Tricks«, die man in noch jedem der alten Filme sofort hat sehen und belä-cheln können. Jetzt ist alles möglich, jede Kamerafahrt und jedes Bild, das ein Regisseur sich ausdenken kann. Es gibt keine visuellen Schranken mehr. So neu die Bilder sind, so alt sind allerdings oft die Geschichten. Vielleicht verhält es sich tatsächlich so, wie viele der Drehbuchstars im Hollywoodkino sagen, dass alle möglichen Geschichten auf den immergleichen und wenigen Grundzügen beruhen. Gibt man dann in seiner Produktion viel Geld für digitale Effekte aus, will man sich durch unsichere Erzählexperimente nicht die Einnahmen ruinieren. Dass es auch anders geht, – zeigen zum Glück manche neuere Filme – und die Literatur. Sie konnte schon immer alles darstellen, was sie darstellen wollte, ihr Material, die Sprache, ließ schon immer alle möglichen und unmöglichen Bilder und Geschichten zu. Zeit, in einem Heft der Neuen Rundschau auf den Film zu sprechen zu kommen.

Alexander Roesler

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