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Neue Rundschau 2009/1

Neue Rundschau 1/2009
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809076-0

Inhalt

Alfred Döblin

Norbert Niemann
Verschränkung der Welten, Sprenkelung des Daseins.
Versuch über das Epische in Alfred Döblins Spätwerk

Dietmar Dath
Vier Treppen durch Döblin

Reinhard Jirgl
Planetengeschrei

»Ich habe einen Bahnhof in mir; von dem gehen viele Züge aus«.
Günter Grass und Ingo Schulze im Gespräch mit Wilfried F. Schoeller

Hans-Ulrich Treichel
»Bin mir außerdem psychisch ein Rühr-mich-nicht-an«. Alfred Döblin über sich selbst

Peter Härtling
Die Sprünge des Alfred Döblin

Ulrich Peltzer
Mieze im Volkspalast. Ein Abriss. Mit Zwischenbemerkungen von Kathrin Kollmeier

Monika Rinck
berlin alexanderplatz – was deine arme halten. (der leser hat kein herz)

Iris Hanika
ohne Titel

Wilhelm Genazino
»Vögel sollen auf mir nisten«. Alfred Döblins Mut zur Nachlässigkeit

Friedrich Christian Delius
»Mein Name existiert nicht«. Zur Eröffnung der Alfred-Döblin-Ausstellung in Berlin

Thomas Lehr
»In Tod und Trümmern – finde«. Alfred Döblins Wallenstein-Roman als Glanzpunkt der literarischen Kriegsberichterstattung

Wilfried F. Schoeller
Die Odyssee des Rückkehrers. Ein biographischer Bericht

»Er strebte immer nach Verbesserung«. Gespräch mit Stephan Döblin

Karl-Heinz Ott
Besuch in Housseras

Carte blanche

Dieter Kühn
Gitler kaputt?

Beilage

Günter Grass zeichnet seinen Lehrer Alfred Döblin

Editoral

von döblin habe ich mehr als von jemand anderm über das wesen des epischen erfahren. seine epik und sogar seine theorie über epik hat meine dramatik stark beeinflusst.
Bertolt Brecht

Wenn ich einen literarischen Patron benennen sollte, dann wäre das Alfred Döblin. Ich kenne keinen anderen Autor, der mich als Leser von Buch zu Buch derart zu überraschen vermag. Wer sich das Vergnügen gönnt, ›Berlin Alexanderplatz‹ zu lesen, kennt aber nur eine Sonne in der Döblin-Galaxie.
Ingo Schulze

Im Jahre 1929 erschien in der ›Neuen Rundschau‹ Alfred Döblins Akademievortrag Der Bau des epischen Werks, der maßgebend für die literarische Moderne des 20. Jahrhunderts werden sollte. Mit diesem Essay hat Döblin nicht nur eine Poetologie des modernen Romans geschaffen, er war auch so etwas wie der Urtext für die in den darauffolgenden Jahren entstehenden Theorien in den anderen Gattungen – Brechts Theorie des epischen Theaters und Benns Poetologie der modernen Lyrik.
Aber vor allem hatte er mit Der Bau des epischen Werks und seiner Neubestimmung des Epischen einen Roman vorbereitet, der schon kurz nach seinem Erscheinen zum Welterfolg wurde, den Berlin Alexanderplatz.
Das Wechselspiel von Theorie und Epik war für Döblin immer selbstverständlich, den meisten seiner großen erzählenden Werke gingen theoretische Aufsätze voraus. Das fing mit seinem Berliner Programm von 1913 an. Mit den Schlagworten und Forderungen nach »Tatsachenphantasie!«, »Entäußerung des Autors« und dem »Mut zur kinetischen Phantasie« wurde es das Programm für die Romane Die drei Sprünge des Wang-lun und Wallenstein. Und auch noch das monumentale Geschichtsepos November 1918 wurde 1936 von dem Essay Der historische Roman und wir vorbereitet. Döblin war ein leidenschaftlicher Anhänger des Resonanz-Prinzips: Resonanz zwischen den Dingen, zwischen seiner Theorie und seiner Epik, zwischen seinen zwei Berufen als Armenarzt und als Schriftsteller, Resonanz in Form des Gesprächs. Aber vor allem kam es ihm als Wirkungs-emphatiker auf den Resonanzraum Autor – Publikum an. Dieser Austausch, den er bis 1933 wie kaum ein anderer Autor mit Enthusiasmus und zuweilen auch Polemik pflegte – er war ein begehrter Redner und Interviewpartner, er war eines der engagiertesten Mitglieder der Akademie der Künste und hatte zwischen 1928 und 1933 aus dem »Lorbeerstall« eine »aktive Akademie« gemacht, und er war einer der wortgewaltigsten und regelmäßigsten Beiträger der ›Neuen Rundschau‹ –, brach nach seiner Flucht aus Nazideutschland am 28. Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, von einem Tag auf den anderen weg. Dass er nach der Isolation des Exils auch nach seiner schnellen Rückkehr im November 1945 kaum Gehör fand und es zehn Jahre dauerte, bis sein letzter hochaktuellen Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende publiziert wurde, das hatte ihn so verbittert, dass er Deutschland abermals verließ. »Ich kann nach den sieben Jahren, jetzt, wo ich mein Domizil in Deutschland wieder aufgebe, mir resumieren: es war ein lehrreicher Besuch, aber ich bin in diesem Lande, in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig.«
Im Gegensatz dazu steht die außerordentliche Wertschätzung unter Schriftstellerkollegen, die Döblin zeitlebens entgegengebracht wurde, nicht nur unter Zeitgenossen wie Brecht, Musil und Broch, sondern auch nach 1945 – eine Bewunderung, wie sie unter Schriftstellern ungewöhnlich ist. Wolfgang Koeppen, Ernst Kreuder und Arno Schmidt holten bei ihm Rat und beriefen sich ausdrücklich auf ihn. Selbst für einen Lyriker wie Peter Rühmkorf war Döblin die prägende Instanz, Ähnliches gilt für Uwe Johnson und Alexander Kluge. Doch niemand hat sich so zu Döblin bekannt und so viel für die Renaissance seines Werks getan wie Günter Grass, angefangen von seiner großen Akademie-Rede zum 10. Todestag Döblins 1967 mit dem bekennenden Titel Über meinen Lehrer Döblin bis zu seiner Stiftung des Alfred-Döblin-Preises und des Alfred-Döblin-Hauses in Wewelsfleth für Berliner Stipendiaten. Diese Beispiele sind alle bekannt.
Doch auch für jüngere Autoren ist Döblin von größter Bedeutung. Überraschend waren die vielen Reaktionen auf unsere Einladung, über Döblin, sein Werk, seine Aktualität nachzudenken. Die Beiträge, die sich in unterschiedlichster Weise mit Döblins vielfältigem Werk oder seiner Biographie beschäftigen, zeigen: Döblins Wirkung hat nicht abgenommen, vielleicht sogar zugenommen. Viele der heute schreibenden Autoren haben sich intensiv mit ihm auseinandergesetzt, für viele ist er nach wie vor ein Maßstab.
In seinem Werk scheinen sich Ansätze zu finden, wie man der heutigen globalisierten, durchtechnisierten Welt mit ihren Klima- und Finanzkrisen literarisch begegnen kann. Vielleicht hat ja Norbert Niemann mit seinem Satz recht: »Anders als bei Brecht und Kafka scheint Döblins Rolle als Pionier noch lange nicht ausgespielt.« Die verschiedenen Beiträge, aber auch eine Neu- oder Wiederlektüre seiner zahlreichen Romane zeigen, wie anregend Döblin geblieben ist. Ihm würde es auf jeden Fall gefallen, mit seinem selbstbewussten Satz von 1938 in einem Brief an Ferdinand Lion recht zu behalten: »Ich aber habe im Ganzen viel Zeit. Ich kann sehr warten; das wissen Sie doch. Man lernt von mir und wird noch mehr lernen.«
Jörg Feßmann

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