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Neue Rundschau 2009/2

Neue Rundschau 2/2009
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809077-7

Inhalt

Afrika

binyavanga wainaina
Wie man über Afrika schreiben sollte

chnua achebe
Mädchen im Krieg. Eine Erzählung

helon habila
Das Hotel Malogo

chimamanda ngozi adichie
»Ich liebe das verdammte Land nun mal, aus dem ich komme«.
Ein Gespräch mit Joshua Jelly-Shapiro

susan kiguli
Ich bin wieder daheim

binyavanga wainaina
Die Entdeckung der Heimat

brian chikwava
Im Rhythmus des Jazz-Kobolds

chirikure chirikure
Gestohlenes Licht – Chimanimani

monique ilboudo
Nennen Sie mich Ouaga

florent couao-zotti
Altes Eisen

hedley twidle / sean christie
Main Road, Kapstadt

lebogang mashile
Meine Farbenlehre

uwem akpan
Das Schlafzimmer meiner Eltern

abdourahman a. waberi
Rwanda: Die Flamme der Hoffnung


Carte blanche

rainer merkel
My Christmas on you. Weihnachten in Liberia

joachim kersten
Schreiben, um zu leben. Über Herman Bang

gert loschütz
Zwischenzeit

Kritik und Versprechen. Über Jürgen Habermas.
Harro Zimmermann im Gespräch mit Stefan Müller-Doohm


Beilage

binyayanga wainana
Ankleben verboten.
13 Thesen, wie man über Afrika schreiben sollte

Editoral

Rund zweihundert Seiten Literatur unter dem Titel »Afrika« herauszubringen mag manchem als eine Provokation erscheinen. Darum soll hier gleich zu Beginn jeglicher Anspruch auf Repräsentativität verworfen werden. Die überreiche Vielfalt an literarischen Äußerungen eines ganzen Kontinents in auch nur einigermaßen überschaubarem Rahmen abbilden zu wollen wäre selbstverständlich ein vollkommen größenwahnsinniges Anliegen. Beim (wohl niemals ganz erfolgreich zu verwirklichenden) Versuch, eine sinnvolle, nicht willkürliche Auswahl zu treffen, ist man also auf andere Kriterien angewiesen. Die Tatsache, dass Afrika über eine große literarische Tradition verfügt, braucht heute glücklicherweise nicht mehr näher belegt zu werden. Jede gegenteilige Behauptung wäre lediglich Ausdruck literarischer Provinzialität – und damit nicht weiter von Belang. Das Vorhandensein dieser Tradition soll hier indes nicht bloß festgestellt, sondern – am Beispiel der nigerianischen Literatur – auch unmittelbar sicht- und lesbar gemacht werden. Chinua Achebe, einer der weltweit bedeutendsten Autoren englischer Sprache, vertritt die Generation der Begründer einer modernen nigerianischen Literatur. Seine Kurzgeschichte Mädchen im Krieg, die hier erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, setzt sich auf psychologisch sensible Weise mit dem Biafra-Krieg auseinander, einem Ereignis, dessen massenmediale Vermittlung bis heute das einseitige westliche Bild von afrikanischen Krisenschauplätzen prägt. Über denselben Stoff schrieb auch die erst 1977, sieben Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs geborene Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie. Im hier abgedruckten Interview spricht sie mit ebenso nachdenklicher wie frischer Stimme über ihr Verhältnis zu den literarischen Vorvätern und das Schreiben der jungen afrikanischen Autoren. Zu diesen zählt auch der ebenfalls aus Nigeria stammende Helon Habila, der sich seinerseits nicht nur von den Gründern, sondern vor allem von Dambudzo Marechera aus Zimbabwe als einem Schriftsteller der zweiten Generation beeinflusst sieht. In seiner spannenden Kurzgeschichte Das Hotel Malogo führt Habila uns nach Lagos und fängt auf sinnlich-plastische Weise die zugleich bedrohliche und inspirierende Atmosphäre dieser pulsierenden Megacity ein. Und damit ist auch schon das zweite Kriterium unserer Auswahl angesprochen, nämlich die Lokalität der Texte, die – bei aller Problematik solcher Diagnosen – eine »Tendenz« der neuesten afrikanischen Literatur auszumachen scheint. Ob wir mit Susan Kiguli nach Hause kommen und »über die launischen Wasser unserer Bucht sausen« oder uns von Hedley Twidle und Sean Christie im überfüllten Minibus durchs literarische Kapstadt kutschieren lassen; ob wir der Stadt »Ouaga« lauschen, der Monique Ilboudo eine so selbstbewusste wie sympathische Stimme verleiht, oder mit Brian Chikwava in Harares Musikerszene eintauchen: Stets ist der Ort viel mehr als nur Kulisse für ein sich abspielendes Geschehen: »ein spezifischer und partikularer Schauplatz für menschliche Erfahrung und menschliches Bestreben, etwas, das einen verwundbar macht; wovon man Besitz ergreift und von dem man besessen wird.« (Barry Lopez, A Literature of Place) Vor genau fünfzehn Jahren, am 6. April 1994, begannen mit dem Attentat auf Präsident Juvénal Habyarimana die einhundert schlimmen Tage, die heute als der Genozid von Rwanda bekannt sind. Bis zum Juli desselben Jahres wurden schätzungsweise 800 000 Menschen umgebracht, deren Pässe sie (gemäß einer von der Kolonialmacht eingeführten Regelung) als Tutsi identifizierten, die mit dieser Bevölkerungsgruppe sympathisierten oder die sich einfach weigerten, beim allgemeinen Morden mitzumischen. Die militärische Machtübernahme durch die RPF, die der Mordwelle schließlich ein Ende setzte, forderte Zehntausende weiterer Opfer und löste einen gewaltigen Flüchtlingsstrom in die östlichen Kongoprovinzen aus, durch deren nachhaltige Destabilisierung der Konflikt bis in die Gegenwart fortwirkt. Rwanda selbst ist heute, unter der von vielen als autoritär kritisierten Regierung Paul Kagamés, ein politisch stabiles Land, das in den vergangenen Jahren einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt hat. Neben dem besonderen Weg der rechtlichen Aufarbeitung des Völkermordes durch die Gacaca-Tribunale hat sich auch eine intensive Erinnerungskultur herausgebildet. Unabhängig von der offiziellen Vergangenheitspolitik leistet hierzu auch die Literatur ihren Beitrag, etwa durch das von Nocky Djedanoum initiierte Projekt Rwanda: écrire par devoir de mémoire, in dessen Rahmen zehn afrikanische Schriftsteller das Land bereisten und über den Genozid schrieben. Diesem Anliegen – Schreiben aus der Pflicht zur Erinnerung – versuchen wir in diesem Band durch zwei Texte Rechnung zu tragen: Der erste – Uwem Akpans Kurzgeschichte Das Schlafzimmer meiner Eltern – wirft uns noch einmal mitten hinein in die Ereignisse von 1994, indem er die Tragödie mit dem Blick und der Stimme eines Kindes inszeniert. Weitaus reflexiver, aber deshalb nicht weniger engagiert ist die Sprache von Abdourahman A. Waberis Essay Rwanda – Die Flamme der Hoffnung, der uns das Land und seine Hauptstadt Kigali fünfzehn Jahre nach dem Völkermord zeigt und damit eine wichtige Ergänzung zu Akpans Erzählung bietet. Die vorliegende Auswahl zeitgenössischer afrikanischer Literatur ruht damit auf diesen drei Säulen: (1) auf der Tradition, die kein verstaubter Kanon, sondern ein lebhafter Dialog zwischen den Generationen ist; (2) auf der Örtlichkeit der Texte, die nicht etwa das literarische Surrogat des modernen Ferntourismus bildet, sondern in der Aneignung partikularer und gerade darum auch vermittelbarer menschlicher Erfahrungsmuster besteht; (3) auf der Erinnerung, die nicht als rituelle Pflichtübung zu verstehen ist, sondern als Verpflichtung auf die gemeinsame Zukunft, zu der es keine Alternative gibt. Aber lesen Sie selbst! Markus Kessel
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