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Neue Rundschau 2009/3

Neue Rundschau 3/2009
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809078-4

Inhalt

Editorial

wells tower
Tür im Auge

scott bradfield
Goodbye neuerdings

richard powers
Modulation

Raymond Carver: Uncut

david remnick
Harte Schnitte. Die Eingriffe in Raymond Carvers Erzählungen

raymond carver
»Hombre, danke für die großartige Hilfe«. Aus dem Briefwechsel mit seinem Lektor Gordon Lish

raymond carver
Schreiben

raymond carver
Anfänger

raymond carver
Soviel Wasser so nah bei uns

raymond carver
Der Mond, der Zug

raymond carver
Sag den Frauen, wir gehen

reinhard kaiser-mühlecker
From bed to desk back to childhood. Notizen zu der Dichtung Raymond Carvers

Carte blanche

maria frisé
Szenen einer Ehe

jochen hieber
Das Buch Alice. Laudatio zur Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg vor der Höhe an Judith Hermann am 7. Juni 2009

judith hermann
Vom Kommen und Gehen der Dinge. Dankesrede zur Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises 2009 der Stadt Bad Homburg vor der Höhe

young-ae chon
»im lied jedoch« – in der globalisierten Welt. Zu den Korea-Gedichten Reiner Kunzes

jürgen wertheimer
Der Fall Streeruwitz oder die Ästhetik des Widerstrebens. Verleihung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises der Stadt Meersburg (2009) an Marlene Streeruwitz

marlene streeruwitz
Zertrümmerte Weiblichkeit. Dankesrede zur Verleihung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises der Stadt Meersburg (2009)

bernhard j. dotzler
2 °— 40 Jahre Mondlandung

wilfried f. schoeller
Eine Farbenlehre der Melancholie. Laudatio auf Roger Willemsen

martin seel
Paradoxien der Verständigung. 17 Stichworte

Beilage

roberto bolaño
Ankleben verboten! 12 Ratschläge zur Herstellung von Erzählungen

Editoral

»Arrive late, leave early« – der beste Rat für Partygänger lautet, spät zu kommen und früh zu gehen. Genauso stellte sich Raymond Carver eine gute Short Story vor, und vielleicht hatte er die vier Worte auf einer der Karteikarten über seinem Schreibtisch stehen. So arbeitete er und hauchte damit der amerikanischen Short Story in den Siebzigern neues Leben ein. Viele hatten das gewusst, aber nach der Erzählsammlung »Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden« wusste es die ganze Nation: Es war sein Durchbruch. Was zu dem Zeitpunkt vielleicht nur wenige ahnten: das Carvereske war ihm selbst ein wenig unheimlich geworden. Aber es besaß einen Virtuosen, den Lektor Gordon Lish, dem Carver – die Briefe belegen es auf bewegende Weise – vieles verdankte, wenn nicht gar alles. Die neue Sammlung »Wovon wir reden …« gewann unter Lishs Händen ihre Kontur und in dieser Fassung ihren Ruhm. Zu einem Zeitpunkt, als Carver das Wort nicht mehr hören wollte, galt die Sammlung als Musterbeispiel des Minimalismus, sie war der Gipfel einer Popularität, der er nicht mehr traute. Er wusste zu genau, welchen Anteil Lish daran hatte und dass das Buch seiner Welt, wie er sie um 1980 sah, nicht mehr hundertprozentig entsprach. Es stand schräg zu seinem inneren Lot: »Eine einzigartige und exakte Sichtweise auf die Dinge zu haben und den richtigen Rahmen zu finden, um diese Sichtweise auszudrücken.« Er muss unter dem Windschiefen der Geschichten, das allein er als ihr Schöpfer erkennen konnte, gelitten haben, denn in seiner kurz vor seinem Tod zusammengestellten Sammlung »Where I’m Calling From« ersetzte er drei Geschichten aus »Wovon wir reden …« durch die ursprünglichen Fassungen. Und in dem folgenden Band »Kathedrale « blieb er seinem neuen Ton treu: Das »Arrive late, leave early« sollte auf einem federnden Zwischenboden stattfinden, der minimalistische Raum an Resonanz gewinnen. Gleichzeitig zu unserem Abdruck zweier Geschichten in der ursprünglichen Fassung erscheint auf englisch der vollständige ursprüngliche Text: in New York als Teil von Carvers »Collected Stories« und in London einzeln unter dem Titel »Beginners«. Wie jede editorische Entscheidung hat dies Diskussionen ausgelöst: Darf neben dem vom Autor damals autorisierten Text eine zweite Fassung stehen? Anders als in London hat man in New York von einer Einzelpublikation Abstand genommen, zu sehr ist »Wovon wir reden …« als Ikone des Minimalismus zu einem kanonischen Text geworden. Vielleicht hat man in London wie hierzulande durch die editorischen Großprojekte der letzten Jahre einen anderen Zugang. Denn was wäre, wenn wir Kafkas Willen beachtet hätten? Und dürften wir nur das von Hölderlin lesen, was er selbst durch Drucklegung autorisiert hätte, würde uns das Beste fehlen, und das wenige wäre noch von Schiller lektoriert. Das letzte Wort über eine editorische Entscheidung fällt immer der Leser, und es gibt kein Zurück: Auch wenn man sich entscheidet, bei dem etablierten Text zu bleiben, wird man dies im Licht des Neugewonnenen tun. In der Zeit des ganzen Tumults schrieb Raymond Carver in seinem poetologischen Essay »Schreiben«: »Denn alles, was wir haben, sind am Ende die Wörter, und da sollten es besser die richtigen sein.« Vielleicht werden wir uns als Leser nicht dafür und dagegen entscheiden, sondern zweimal für dafür. »Unterschiedenes ist gut«, hat Hölderlin gesagt, und Raymond Carver hätte es auf eine seiner Karteikarten notiert. h. j. b.
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