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Neue Rundschau 2009/4

Neue Rundschau 4/2009
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809079-1

Inhalt

Hans Keilson (100)

Unschuld? Nebbich!
Hans Keilson im Gespräch mit Jörn Jacob Rohwer

Tilman Krause
Dank an Hans Keilson

Gerhard Kurz
Hans Keilson oder Die Erfahrung des Exils

Heinrich Detering
Ich war der Niemand
Über Hans Keilsons Roman Der Tod des Widersachers

David Becker
Hans Keilson und die Revolutionierung der Traumatheorie
Gedanken über einen großen Wissenschaftler zu seinem 100. Geburtstag

Ralf Syring
»… es immer wieder aufs neue versuchen«
Hans Keilson und die Ermutigung zur Arbeit mit traumatisierten Menschen

Lyrikradar

Erín Moure
Kleine Theater
Auszüge

Elisa Sampedrín
Ein paar Worte über Kleine Theater

Jan Skudlarek
Gedichte

Daniela Seel
ich kann diese stelle nicht wiederfinden

Carte Blanche

Franz Mon
Carlfriedrich Claus: Die sprechende Hand

Alexander García Düttmann
Quasi
Antonioni und die Teilhabe an der Kunst

Editoral

Am 12. Dezember 2009 wird der Dichter, Arzt und Psychiater Hans Keilson hundert Jahre alt. Wir nehmen dieses Datum zum Anlass, auf ein langes, schmerzreiches und doch immer wieder glückliches Leben zurückzublicken und sein Schaffen zu würdigen. 1933 erschien bei S. Fischer Hans Keilsons erster Roman ›Das Leben geht weiter‹, gleichzeitig unterrichtete er als Turn- und Schwimmlehrer an verschiedenen jüdischen Einrichtungen in Berlin, spielte nächtens in einer Band bei Tanzveranstaltungen und war im Begriff, sein Medizinstudium abzuschließen. Mit der Machtübernahme Hitlers wurden die Weichen anders gestellt: Der Roman des Debütanten durfte nicht mehr verkauft werden, der jüdische Arzt unterlag dem Berufsverbot. Bis 1936 hielt sich Hans Keilson als Sportlehrer über Wasser, schließlich verließ er Deutschland und emigrierte in die Niederlande, wo er zunächst inkognito, später im Versteck den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung überlebte, während die Eltern in Auschwitz-Birkenau von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Hans Keilson hörte nie auf, in deutscher Sprache zu schreiben. Neben den großen erzählerischen Werken ›Komödie in Moll‹, ›Der Tod des Widersachers‹ und ›Dissonanzen-Quartett‹ entstand eine Vielzahl an Gedichten, die zuerst 1986 als Sammlung unter dem programmatischen Titel ›Sprachwurzellos‹ erschien, und zahlreiche Essays, die in ihrer behutsamen Art des Nachfragens und Analysierens ein literarisches und menschliches Zeugnis besonderer Güte darstellen. Während der deutschen Besatzung begann Hans Keilson, jüdische Kinder zu betreuen, deren Verhalten als Folge von Unterdrückung und Versteck auffällig wurde. Die Situation der Kinder blieb auch nach dem Krieg Gegenstand seiner Arbeit als Psychiater. In einer groß angelegten Studie untersuchte er die spezifische Form der Traumatisierung jüdischer Kriegswaisen. Die bahnbre-chende Arbeit ›Sequentielle Traumatisierung bei Kindern‹ erschien 1979. Bis vor wenigen Jahren arbeitete Hans Keilson als Psychiater in seiner Praxis in Bussum, Holland. Das ausführliche Gespräch, das Jörn Jacob Rohwer im August 2009 mit Hans Keilson geführt hat, ist nicht nur ein bewegender Rückblick auf ein Jahrhundertleben, sondern ein feinsinniges Porträt, ein Nachdenken über Erinnerung, ein persönlicher Gedankenaustausch. Tilman Krause erzählt in seinem Beitrag die Geschichte einer Freundschaft – von der ersten Begegnung über die zahlreichen gemeinsamen Veranstaltungen bis hin zur Verleihung des ›Welt‹-Literaturpreises 2008. Die beiden Herausgeber der Werke Hans Keilsons – Heinrich Detering und Gerhard Kurz – würdigen in ihren Essays den Dichter und Schriftsteller. Gerhard Kurz stellt das Schaffen Hans Keilsons in das Umfeld der holländischen Exilliteratur, während Heinrich Detering in seiner exemplarischen Studie zu dem grandiosen Roman ›Der Tod des Widersachers‹ die literarische Ästhetik dieses Autors herausarbeitet. Die beiden Traumaspezialisten David Becker und Ralf Syring betonen die Bedeutung von Hans Keilsons Arbeit als Arzt. Seine Dissertation über die Traumatisierung von jüdischen Kriegswaisen hat die Schulpsychiatrie von Anfang an irritiert. David Becker zeigt die Gründe dafür, indem er die spezifi-sche Traumakonzeption Hans Keilsons erläutert. Welche Relevanz Hans Keilsons ganzheitlicher Ansatz noch heute hat, belegt der beeindruckende und bewegende Bericht Ralf Syrings über die Betreuung von ehemaligen Kindersoldaten in Angola. Wir gratulieren Hans Keilson sehr herzlich zu seinem hundertsten Geburtstag. R. S.
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