Neue Rundschau 2/2010 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2010/2

Neue Rundschau 2/2010
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809081-4

Inhalt

Chile. Texte von Hubert Fichte, Teil 2.
Zusammengestellt von Jan-Frederik Bandel

László Krasznahorkai
El último lobo

Ulrich Schmid
Literaturwissenschaft als Fiktion. Andrej Sinjawskijs frühe Arbeiten zur Sowjetliteratur

Horst-Jürgen Gerigk
Vom Unheil der Eschatologie. Andrej Sinjawskijs Manifest »Sozialisti-scher Realismus – was ist das?« und sein Aufsatz über Gorkij von 1958

Thomas von Steinaecker
Der Spiegel und das Nachtsichtgerät. Über die Wiederkehr der realisti-schen Literatur

Sjón
Das Buch S.

Charlotte Jørgensen
Manchmal muss man schreien, um gehört zu werden. Zu Valerie Sola-nas SCUM-Manifest

Beatrice von Matt
Von einem weisen Tänzer. Klaus Merz und sein Argentinier

Mathias Mayer
Tapferes Vergessen. Christoph Ransmayrs Der fliegende Berg


Lyrikradar

Monika Rinck
Sieben Skizzen zu Gedichten, welche sehr gut sind

Liao Yiwu
Liebeslieder aus dem Gulag

Schilfrohrschatten. Japanische Haiku aus amerikanischen Internierungslagern


Carte Blanche

Josef Haslinger
Intertextualität und Urheberrecht

Ilija Trojanow
Laudatio auf den Mainzer Stadtschreiber 2010 Josef Haslinger

Hanjo Kesting
Zwischen Journalismus und Literatur. Laudatio auf Klaus Harpprecht


Beilage

Anne Weber
Ankleben verboten! Die Technik der Schriftstellerin in 13 Thesen

Editoral

Editorial – Heft 2/2010 Im Jahr 1965 malte René Magritte unter dem Titel »Carte Blanche« ein Bild, das eine Frau beim Ritt durch einen Wald zeigt. Wie immer bei Magrittes Bildern gibt es etwas Verstörendes zu sehen, in diesem Fall ein unterschiedliches Vor- und Hintereinander von Pferd, Reiterin und Bäumen. Der Effekt ist der, dass man gar nicht mehr sagen kann, was wo steht, dass Baumstämme zu Zwischenräumen und Zwischenräume zu Baumstämmen werden. Was kann hier »Carte Blanche« wohl mei-nen? »Donner carte blanche« heißt im Französischen so viel wie »je-mandem freie Hand lassen«, »jemandem einen Freibrief für etwas ausstellen«. Magritte lässt dem Betrachter freie Hand oder stellt ihm einen Freibrief aus, wie er die Bildelemente räumlich verteilen möchte; was Vorder- und was Hintergrund ist, bestimmt dieser selbst. Auch das Englische kennt diese Wendung, wobei Carte Blanche auch »Blanko-vollmacht« heißen kann und damit dem Blankoscheck nahekommt, dessen Summe der Empfänger selber eintragen durfte – was ein Be-weis für allerhöchstes Vertrauen darstellte. In einer Zeit, wo man hier-zulande keine Schecks mehr ausstellt, sondern elektronisch zahlt mit Kreditkarte, EC-Karte, über Online-Zahldienste wie z. B. PayPal oder gleich selbst die Überweisung am Heimcomputer erledigt, gerät der Blankoscheck und die große Geste, die er ermöglicht hat, in Verges-senheit. Man muss ihn wohl verständlicher mit »Vollmacht« wiederge-ben. In diesem Heft der Neuen Rundschau haben wir Herausgeber den Texten eine »Carte Blanche« ausgestellt, das heißt, wir haben bewusst auf einen Schwerpunkt verzichtet. Damit Sie, geneigte Leserin und geneigter Leser, selbst die Vorder- und Hintergründe in der Gewich-tung der Texte bestimmen können. Gleichzeitig drücken wir damit un-ser Vertrauen in die Texte selbst und ihre Kraft aus, das heißt, wir ge-ben auch Ihnen freie Hand, sich nicht einem Thema unterzuordnen, sondern wie auf Magrittes Bild das irritierende Spiel von Vorder- und Hintergrund aufzunehmen. Denn egal welcher Text, alle verdienen es, Schwerpunkt eines Heftes zu sein. Erwähnt werden solllen an dieser Stelle lediglich Hubert Fichtes aufregende Beobachtungen aus dem Chile kurz vor dem Militärputsch, weil sie eine Fortsetzung unserer »Carte Blanche« zu Hubert Fichte aus dem Heft 1–2010 sind. Wenn man im Kartenspiel »Piquet« aus dem 16. Jahrhundert, das erstmals schriftlich in Rabelais’ Gargantua und Pantagruel Erwähnung findet, »Carte Blanche« erklärt, dann erleidet man den taktischen Nachteil, dass der Mitspieler nun weiß, womit er zu rechnen hat. Was im Kartenspiel ein Nachteil sein kann, ist hier vielleicht von Vorteil. Sie, liebe Leserin und lieber Leser, wissen nun, womit Sie in diesem Heft zu rechnen haben: Bestimmen Sie Ihren eigenen Schwerpunkt. In diesem Sinne: »Carte Blanche«. Die Herausgeber
0 Artikel  0 €