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Neue Rundschau 2010/3

Neue Rundschau 4/2010
272 Seiten
Broschur
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809082-1

Inhalt



Wells Tower Mein Haschjob
Lavinia Meier-Ewert/Andreas Resch The End of the Road
David Gilmour Mein Leben mit Tolstoi
Milena Kameric Erzählungen
Kathrin Röggla Von Parallelwelten und deren Türhütern
Martin Maurach In den Schrank gesprochen

Lyrikosmose2
Seamus Heaney District and Circle
Cole Swensen Landschaft bei Viarmes / Gravesend
Anne Carson wild, beständig
Andre Rudolph Gedichte
Sünje Lewejohann Gedichte
Carsten Zimmermann Der Blick auf die Hardthöhe
Manfred Enzensperger Gedichte
Alexander Gumz Vor Sekunden
Henning Ziebritzki Gedichte
Ralph Dutli Hörsturz
Cecilia Pavón 27 Gedichte mit den Namen von Personen


Carte Blanche
Ulrich Peltzer Rom
Hubert Fichte Ein Leben Jäckis
Jan-Frederik Bandel Messer und Scheide.
Androgynie, Bisexualität und Gewalt bei Hubert Fichte
Hans-Jürgen Heinrichs Eine lebenslange Geschichte der Kränkungen.
Fritz J. Raddatz’ »Tagebücher«
Rüdiger Görner Die Le(h)(e)re der Fülle.
London in Katharina Hackers »Die Habenichtse«
Erich Kleinschmidt Autorschaft der Stimme(n)
Clemens Meyer Im Stein
Andreas Platthaus Laudatio sine titulo
Anne Weber Dankesworte
Liao Yiwu Meine Feinde, meine Lehrmeister


Beilage
Jan Faktor Ankleben verboten!
Die Technik des Schriftstellers in 13 Thesen



Editoral

»Süß ist’s, zu irren / In heiliger Wildnis«
Hölderlin

Im Umblättern liest man einen Satz wieder, überfliegt eine Strophe auf der vorherigen Seite, springt zwischen Zitaten hin und her. Kein Zweifel, die lyrische Landschaft ist unübersichtlich geworden. Und das ist eine gute Nachricht. Keine Plantagen, keine Lager – hier gibt’s die Wirklichkeit und dort spricht die Sprache –, stattdessen moving frontiers und hidden lines. Wollte man einen Atlas zusammenstellen, sähe er wohl aus wie ein alter Schulatlas: Neben größeren Kartenwerken fände man Detailschemata der linguistischen Nachbarschaften – die Übersetzungsprojekte, der Versschmuggel –, während auf der gegenüberliegenden Seite die Bodenschätze neu kartographiert wären: Plötzlich findet man wie Ralph Dutli in französischen Nonsense-Versen des Mittelalters ein Spurenelement, das das zeitgenössische Gedicht mit einer neuen Legierung versieht. Wie im Atlas ändern sich die Maßstäbe von einer Karte zur anderen. Hat man hier eine Aufsicht aus großer Entfernung, findet man bald Nahblicke, Umrisse, die sich erst im Zurücktreten erkennen lassen – markieren sie eine Insel, einen Biotop oder nur einen Fleck? Das nächste Upgrade des Lyrikatlasses wird wohl ein holographisches 3D werden müssen, das die Kling-Stolterfohtsche-Furche mit den Verästelungen der übersetzten Gedichte und der übersetzenden Lyriker zu einer Schautafel der Lyrik-osmose vereint.

Das Gedicht selbst scheint nicht mehr in seinen Grenzen zu bleiben – sein Wesen war von jeher Transgression; es wächst in andere Gattungen hinein, und sie beleuchten einander. Aber dem Licht wird immer der Schimmer eines ratlosen Staunens über sich selbst innewohnen - das Staunen des Dichters wie das Sich-Wundern des Lesers. Denn bei der Multiplikation der Sprechweisen, der Stilreminiszenzen an die Vergangenheit, der semantischen Mutationen kommen wir einer Identität nicht näher – je präziser wir sie im Fluchtpunkt unserer Gedanken zu fassen meinen, desto ferner rückt sie uns. Wir müssen ihrer Ambivalenz immer neu nachhorchen – den Weg immer wieder neu nachziehen, Gedicht für Gedicht: »Ein Zeichen sind wir, deutungslos« (Hölderlin).

Cole Swensen, deren Texte wir in der Übersetzung von Uljana Wolf vorstellen, spricht in ihrer Norton Anthology of New Poetry, »American Hybrid«, von einem neuen Gedicht, das in Amerika zwischen den beiden – konventionell so bezeichneten – Lagern der Traditionalisten und der Experimentellen entstanden sei. Diese Zuspitzung war schon immer eine Vereinfachung, doch haben sich in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends so viele Ansätze eines fruchtbaren Oszillierens zwischen den beiden Polen entwickelt, dass man von einem neuen Aggregatzustand des Gedichtes sprechen kann: dem »hybriden«. Auch das »hybrid« will Cole Swensen nicht als ein »Modell« gelten lassen, denn auch dieser Begriff ist noch zu statisch für die Gegenwart sich rhizomisch verästelnder Beziehungen.

»Making being there enough«, der gnomische Satz der Künstlerin Roni Horn, die Anne Carson einlud, in ihrer Gletscherbibliothek zu arbeiten, kann als Leitfaden dienen, mit dem jeder Leser einen eigenen Pfad finden muss – durch unvermutete Nachbarschaften, von dem Oszillieren des Selbst vor dem matten Glanz des Sujets bis zu den pointierten Fragen des Materials: »Süß ist’s, zu irren / In heiliger Wildnis«. Solche Offenheit gegenüber ihren Nachbarschaften hat man in der deutschsprachigen Lyrik lange nicht mehr gefunden, und solch eine internationale Beachtung hat sie seit Paul Celan nicht mehr erfahren.

Hans Jürgen Balmes
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