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Neue Rundschau 2011/2

Neue Rundschau 2/2011
240 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809085-2

Inhalt

Okkultismus
Thomas Steinfeld Unsere Gespenster
Thomas Steinfeld Das Rumoren der Klopfgeister. Die Physik, das Experiment, der Okkultismus und die Anfänge der modernen Kunst.
Entwurf einer Gespensterkunde
Sibylle Lewitscharoff Wolken, Schleier, Hautläppchen
Das Gespenst des Kapitals. Der Berliner Germanist und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl im Gespräch mit Thomas Steinfeld
Lorenz Jäger Material und Talisman. Die Schwitters-Dialektik
Veit Loers Luce Nera. Zur Geschichte der Hermetischen Ausstellung
Hanns Zischler The Lady Vanishes
Joachim Kalka Entsetzen und Tiefschlaf. Aus Anlaß einer willkommenen Neuerscheinung von Gustav Meyrink
Georg Klein Spirthoffers Turm
Burkhard Müller Welchem Gott opferst Du? Fortschreibung statt Festschreibung: Über Alternative Formen des Religiösen
Christoph Türcke Der okkultistische Untergrund der Avantgarde
Gespensterkunden. Dreizehn Anmerkungen zu einer verborgenen Volksbewegung

Lyrikradar
Jan Röhnert Kohlmeisenherbst Jan Röhnert >Turbulenz ist besser als Psychoanalyse. Eines von Brinkmanns letzten Gedichten


Carte Blanche
Antonio Ungar Verstreute Notizen zur letzten Rückkehr. Jaffa-Tagebuch 1
Auf dem Weg zur »Grammatik der vollkommenen Klarheit«. Ernst-Wilhelm Händler im Gespräch mit Joachim Unseld
Clemens Meyer Nur ein Blick
Christina Althen Alfred Döblin und Theodor Heuss.
Mit Edition einer Rede Döblins bei Theodor Heuss am 30.5.1946 und eines Berichts über einen Besuch beim Bundespräsidenten am 1.4.1950

Beilage
Marlene Streeruwitz Ankleben Verboten. Die Technik des Schriftstellers in 13 Thesen

Editoral

Warum ein Heft mit dem Schwerpunkt Okkultismus?

Wenn es um Okkultes geht, trifft man schnell auf ein populäres Vorurteil: Beim Okkulten gehe es um eine Flucht; im Verlangen nach Übersinnlichem artikuliere sich der Wunsch, den Rationalismus und die Entfremdung der modernen Welt hinter sich zu lassen, etwas Anderes, Größeres, Höheres zu finden, das all die Erfüllung und die Harmonie bietet, die das gewöhnliche Dasein verweigert. Vor allem das späte neunzehnte und frühe zwanzigste Jahrhundert, die Zeit, in der so viele apokryphe Glaubenslehren entstehen, von den Zeugen Jehovas über Aleister Crowleys Satanismus und G. I. Gurdjeffs »Lehre vom harmonischen Menschen« bis hin zu Carl Gustav Jungs »Energiekomplexen«, erscheint wie eine Periode unablässiger Bemühungen, das Menschliche und Geistige vor den Ansprüchen einer zunehmend naturwissenschaftlich und ökonomisch bestimmten Welt in Sicherheit zu bringen.

Tatsächlich ist auch das Gegenteil der Fall, was sich leicht erkennen lässt, wenn man die Geschichte okkulter Strömungen im neunzehnten Jahrhundert bedenkt: Die Klopfgeister, die nach 1848 Nordamerika und ganz Europa beschäftigten, traten im selben Augenblick auf, in dem das naturwissenschaftliche Experiment zu einer Darbietung für das große Publikum wurde – und im selben Jahr, als die kommerzielle Nutzung des Überland-Telegraphen und des Morse-Alphabets begann. Die Geschichte der Entdeckung des Elektromagnetismus, der frühen Fotografie, die Entwicklung der Röntgentechnik und des Rundfunks, all diese Entwicklungen werden begleitet von okkulten Experimenten. Und das liegt nicht daran, dass man Wissenschaftliches für unwissenschaftliche Zwecke benutzen wollte, sondern es geht auf den Umstand zurück, dass Radiowellen einiges mit Geistern gemeinsam zu haben schienen: Beide waren mit menschlichen Sinnen nicht wahrzunehmen. Bei beiden wusste man nicht, worin sie bestanden oder wie sie in die Welt gekommen waren. Und beidem rückte man mit streng positivistisch angelegten Experimenten zu Leibe. Tatsächlich währte die enge Verbindung vor allem zwischen der Physik und der Gespensterkunde bis in die vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Seltsame Orte gebe es, merkwürdige Regionen des Geistes, hoch und ärmlich, befand Thomas Mann. »An den Peripherien der Großstädte, dort, wo die Laternen spärlicher werden und die Gendarmen zu zweien gehen, muss man in den Häusern emporsteigen, bis es nicht mehr weiter geht, bis in schräge Dachkammern.« Dort, berichtet der Schriftsteller in seiner Erzählung »Beim Propheten«, lebten »junge, bleiche Genies, Verbrecher des Traums«. Seit langem ist bekannt, dass dieser kleinen Geschichte ein Erlebnis Thomas Manns im Jahr 1904 zugrunde liegt: Hinter der Gestalt des »Daniel« verbirgt sich der katholische Schwärmer Ludwig Derleth. Zu jener Zeit indessen gab es viele solche Glaubensstifter, und die meisten, wenn nicht alle von ihnen betrieben den Okkultismus auf der Höhe des wissenschaftlichen Fortschritts, als nach vielen Seiten hin offene, wenngleich im Ziel sehr bestimmte Auseinandersetzung mit dem physikalischen, chemischen, historischen Wissen ihrer Gegenwart.

All diesen Spuren einmal nachzugehen, herauszufinden, in welchem Maße der Okkultismus eines der zentralen Motive der Moderne ist, in der Technik, in den Naturwissenschaften, in der Kunst, im gesellschaftlichen Leben, in der Wirtschaft – das ist ein großes Projekt, das noch kaum begonnen ist. Vorausgegangen war, vor einigen Jahren, der Leipziger Philosoph Christoph Türcke mit einem Traktat über den »ästhetischen Fundamentalismus«, den er für diesen Band überarbeitete und ergänzte. Thomas Steinfeld setzt sich in seinem Essay mit den Verbindungen zwischen dem Okkultismus und den Naturwissenschaften auseinander und öffnet am Ende die Perspektive zu den Heilsversprechen der Neurophysiologie. Burkhard Müller betrachtet die privaten Religionen, so wie sie heute einen großen und weitgehend unerschlossenen Teil des deutschen Alltags bilden. Und im Gespräch mit Thomas Steinfeld klärt der Berliner Germanist und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, der Autor einer jüngst sehr erfolgreichen Studie über »Das Gespenst des Kapitals« (2010), über die »theologischen Mucken« des Finanzkapitals auf. Der Kunsthistoriker Veit Loers, der Kurator der maßstabsetzenden Ausstellung »Okkultismus und Avantgarde«, die im Jahr 1998 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt stattfand, beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Ausstellung moderner Kunst, genauer: mit der Hermetischen Ausstellung. Lorenz Jäger und Joachim Kalka widmen sich einzelnen Figuren mit teils heftigen Neigungen zum Okkultismus, Lorenz Jäger den »Schicksalideen« von Kurt Schwitters, und Joachim Kalka dem Prager (und Münchner) Schriftsteller Gustav Meyrink. Begleitet werden diese Essays von einer Prosaskizze der Berliner Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die in ihrem Roman »Consummatus« (2006) die Gespenster der populären Kultur herbeibeschwor, und von einem Kapitel aus einem zukünftigen Roman des Schriftstellers Georg Klein, der in vielen seiner Werke nicht nur ein heftiges Interesse an den Nachtgestalten der volkstümlichen Mythologie erkennen lässt, sondern auch an Wanderungen und Mischungen zwischen Phantasie und Realismus. Sibylle Lewitscharoff illustriert die Sammlung darüber hinaus mit zwei magischen Wort-Bild-Collagen, und Hanns Zischler fand in seinen Beständen eine sonderbare Daguerreotypie, deren Geschichte und Wirkung er in einer kleinen Szene beschreibt.

Erprobt wurden die Ideen zum ersten Mal im Frühjahr 2009 in einem Seminar am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Luzern. Wäre es nicht gelungen, die Studenten für diesen Gegenstand zu interessieren, wäre die Initiative schnell aufgegeben worden. Doch ließen sich die Studenten mit Neugier, Phantasie und Einsatz auf dieses Unternehmen ein, schwärmten aus in die Kulturgeschichte und brachten bald eigene Stoffe in die Veranstaltung ein. Ein kleiner Teil ihrer Arbeiten ist unter der Überschrift »Gespensterkunden. Dreizehn Anmerkungen zu einer verborgenen Volksbewegung« dokumentiert. Zusammengehalten, betreut und beflügelt hat dieses Unternehmen Regula Moser, und es ist überhaupt zweifelhaft, ob das ganze Unternehmen ohne ihre Aufmerksamkeit und Hart­näckigkeit zustandegekommen wäre. Zu danken ist zum Schluss dem S. Fischer Verlag, insbesondere Hans-Jürgen Balmes und Jörg Bong, die es mir gestatteten, einen großen Teil dieser Ausgabe der »Neuen Rundschau« dem Okkultismus zu widmen.

Thomas Steinfeld
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