Neue Rundschau 4/2011 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2011/4

Neue Rundschau 4/2011
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809087-6

Inhalt

Editorial

Beyond Brooklyn

Raymond Carver
Ein neuer Pfad zum Wasserfall.
Ein bisschen Prosa über Gedichte

Raymond Carver
Ihr wisst ja nicht, was Liebe ist.
Ein Abend mit Charles Bukowski

Morton Marcus
Raymond Carver und Charles Bukowski

Charles Bukowski
Aus einem weingetränkten Notizbuch

Charles Bukowski
Ein hin und her schweifender Essay über Poetik und das verfluchte Leben, verfasst bei einem Sechserpack Bier

Charles Bukowski
Los Angeles für Li Po.

Lawrence Ferlinghetti
Poesie als rebellische Kunst

Sam Shepard
Days out of Days

Junot Díaz
im Gespräch mit Dave Eggers

Andrew Sean Greer
Gentlemen, start your engines

Justin Torres
Rückkehr in die Wildnis

Richard Powers
Die siebente Welle

Andrew Porter
Das Loch

Sven Birkerts
Essays


Sagas revisited

Klaus Böldl
Isländersagas:
Erzählen jenseits von Literatur?

Tilman Spreckelsen
Hallgerds Haar und Gudruns Träume oder wie ein Lochstein beim Nacherzählen der Sagas hilft

Úlfur Gunnarsson
der große holmgang in strophen oder saga von gunnlaug schlangenzunge und brueti, dem nämlichen


Carte Blanche

Adam Thirlwell
Der Tod Roland Barthes’
Vita Nova

Über runde und flache Charaktere, Realismus und Wahrheit, Fontane und Sebald.
Ein Gespräch mit James Wood und Gregor Dotzauer

Luke Williams
Eine Uhr an jedem Arm.
Zwölf Seminare mit W. G. Sebald

Peter Stamm
Warum ich ein Alemanne sein möchte.
Dank anlässlich der Verleihung des Alemannischen Literaturpreises vom 18.9.2011

Bettina Schulte
»Dieses Glück ist ein sehr kompliziertes Gefühl.« Laudatio auf Peter Stamm

Alexander García Düttmann
Der Verblendungszusammenhang.
Sokrates, Adorno und Jacques Vergès


Beilage

Thomas Hürlimann
Ankleben verboten!
Die Technik des Schriftstellers

Editoral

Nach einer alten Geschichte laufen zwei Zen-Mönche im Regen und sehen am Rand einer großen Pfütze ein Mädchen in einem neuen Kimono. Sie muss über die Pfütze springen, doch ihr Gewand ist so frisch. Der eine Mönch hebt sie einfach hinüber. Als die beiden gegen Abend im Tempel ankommen, sagt der andere: »Ich kann immer noch nicht glauben, dass du es gewagt hast, eine Frau anzufassen! Das ist uns doch verboten.« Erwidert der eine: »Du trägst sie ja immer noch.«

Helmut Frielinghaus hat schon unzähligen Autoren, Übersetzern und Kollegen so einfach über die Pfütze geholfen: spontan, überlegt und mit sicherem Griff, aber immer ohne viel Aufhebens. Ebenso selbstverständlich wie er für so viele Autoren, Übersetzer, Kollegen – und Bücher zum Freund wurde.

Wenn man die Übertragungen von Carvers letzten Gedichten liest, aus denen wir hier eine persönliche Auswahl von Helmut Frielinghaus bringen, denkt man, diese Texte müssen zu seiner zweiten Haut geworden sein: die Zurückgenommenheit der Stimme, die Lakonie der Worte, die aufmerksame Zugewandtheit, mit der die sinnliche Präsenz der Dinge und Personen gegen die eigene Endlichkeit abgewogen wird. Mit einer zärtlichen Gleichmut hat jemand jede Unentschiedenheit abgelegt, weil er sich über den Lauf der Welt keine Illusionen mehr macht.

In den 80er und 90er Jahren hatte man den Eindruck, dass der amerikanische Kontinent literarisch vom Westen aus besiedelt wurde: die Beat Generation mit Ferlinghetti und seinem City Lights Bookstore, Bukowski, Carver, Sam Shepard, die heute schon wieder vergessene Kathy Acker – sie bildeten große Energiezentren, die nach Osten wirkten und wirken und, wie im Falle Carver, ganze Generationen amerikanischer Schriftsteller tief prägten. Aber es gibt auch die metaphysisch hellhörige Marilynne Robinson, bei der Andrew Porter studierte, Andrew Sean Greer, der in Montana sich zum Schreiben zurückzieht. Nicht jeder Absolvent des Iowa Workshops wollte nachher zu einem Hipster in den Straßen und Parks von Brooklyn werden.

Aber es gibt sie noch, die Welt hinter der schmalen Backsteininsel, in der deutsche Journalisten so gern den Zeitgeist vermuten. Es gibt ihn noch, den großen Kontinent der weiten Fahrten. Von hier kommen die Autoren dieser Nummer der Neuen Rundschau – mit Ausnahme von Junot Dáaz, der zwischen New Jersey, wo er das Schreiben lernte, und Boston, wo er es lehrt, lebt. Seinen Ausführungen im Gespräch mit Dave Eggers über den verlorenen Kontakt zur Jugend, über die schwierige Beziehung zwischen Autor und Leser, und dem unvergleichlichen Helmut Frielinghaus ist dieses Heft gewidmet. Heb uns hinüber, Helmut.

Hans Jürgen Balmes
0 Artikel  0 €