Neue Rundschau 1/2012 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2012/1

Neue Rundschau 1/2012
192 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809088-3

Inhalt

Rysuke Saegusa
Wo steht die japanische Literatur nach Fukushima

Kenzabur 0e
Der Tag, an dem ein Mensch weggeschwemmt wurde

Hiromi Kawakami
Der Bärengott

Keiichir Hirano
Distanz zu den Orten der Katastrophe

Kazushige Abe
Ride on Time

Tomoka Shibasaki
Hier, hier

Natsuo Kirino
Ist der Himmel für Ziegen blau?

Yurie Nagashima
Erinnerungen an einen Rücken

Kotaro Isaka
Die mobile Bibliothek

Toshiki Okada <
>Ein Problem wird gelöst

Kenzabur Oe
Darüber hinaus erinnert sich (meine Seele). Lesen, Lernen und Erfahrung

Hans-Jürgen Heinrichs
Der Wettlauf gegen die Zeit.
Von der kurzen Haltbarkeit der Nachrichten und der Rolle der Schriftsteller und Geisteswissenschaftler in den Medien

Carte Blanche

Silvia Bovenschen
Durch die Jahre

László Krasznahorkai
Spätestens in Turin

Morten Kyndrup
Ästhetik, Kunst und Kunstverständnis.
Die Kunst und das Kunstwerk

Martin Lüdke
Bumm, bumm, bumm, der Revisionismus geht um.
Eine Lobrede auf Christoph Hein aus Anlass der Verleihung des Gerty-Spies-Preises

Ludger Lütkehaus
Ein Despot der Liebe.
Die »Brautbriefe« Sigmund und Martha Freuds

Michael Lentz
Live aus Realostan.
Laudatio auf Jan Peter Bremer anlässlich der Verleihung des Döblin-Preises in der Akademie der Künste Berlin

Xaver Oehmen
Omar Rodriguez-Lopez

Günter de Bruyn
Preußisches Mosaik.
Dankrede zum Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2011

Wolfgang Thierse
Fernab jeder Verklärung.
Laudatio auf Günter de Bruyn

Clemens Meyer
Auf der Insel

Christoph Schröder
Chronist und Zauberer.
Laudatio auf Peter Kurzeck zum Grimmelshausenpreis 2011

Beilage

Toshiki Okada
Ankleben verboten!
Die Technik des Schriftstellers in 13 Thesen

Editoral

Lieber Kazuto, ich erinnere mich noch genau an unser erstes Telefongespräch im März 2011, nachdem ich wieder in Frankfurt war. Der Tsunami hatte vor fünf Tagen die Ufer Japans erschüttert, und jeder war in tiefer Furcht, dass die Reaktoren in Fukushima explodieren könnten. Immer noch fehlte jede Spur von ganzen Städten, Dörfern, Zügen. Du sprachst aus dem Hochhaus von Kodansha, wo wir noch vor einer Woche die Zusammenarbeit von Gunz und der Neuen Rundschau vereinbart hatten, und erzähltest von neuen Erdbeben, von der verhaltenen Panik auf den Straßen wegen der angekündigten radioaktiven Wolke und von Deinem Wunsch, mit der Familie aus Tokyo wegzuziehen. Und von der Wut der Menschen über die schleppenden und falschen Informationen von Politikern und Kraftwerkbetreibern. Die Feuerwehren, die zum Löschen der brennenden Reaktoren ausrückten…

Das alles war so nah und so fern wie der gespenstige Samstag in Kyoto nach dem Freitag des Tsunamis, als Sebastian und ich aus unserem Hotelzimmer mit Fernseher und den SMSen von Freunden und Familie flohen, die uns so andere Nachrichten sendeten; von außen sah alles schlimmer aus. In Kyoto wurde damals das Laternenblütenfest gefeiert, und nach unserem Besuch des Tempels Sanjsangen-do sahen wir immer wieder junge Paare in traditionellen Kimonos. Wir fühlten uns, als ob man uns in eine alte Welt zurückziehen würde, die von allem nichts zu bemerken schien. Aber gleichzeitig gab es Mobiltelefone, Bildschirme, und in den Seitenstraßen baute sich Angst auf. Und nicht einmal die tausenden Arme der tausend Kannon-Statuen im Sanjsangen-do konnten die Furcht zurückhalten, obwohl die Figuren mit ihrem an niemanden und alle gerichteten Lächeln so unbewegt und friedlich wirkten, dass es ein ungewisser Trost war.

In den nächsten Tagen telefonierten wir öfter miteinander. Aber die Stimmen brachten die Erinnerungen nicht zum Verblassen. Stattdessen gewannen sie eine Tiefenschärfe, als ob jede Erinnerung in einem eigenen Rahmen gefasst wurde. Als ich die Geschichten las, die Du und Saegusa Ryosuke nach dem Tsunami gesammelt hatten, schienen diese Rahmen schwerer zu werden, schwärzer und schwerer. Und unter ihrem Druck veränderte sich das spezifische Gewicht der Erinnerungen, ihre Dichte. Uns blieben die Stimmen.

Hans Jürgen Balmes

Kazuto Yamaguchi und Rysuke von Gunzo haben die Erzählungen unseres Heftes in den letzten Monaten gesammelt und zusammengestellt. Ihnen unser großer Dank. – Gunzo erscheint seit 1946 in dem 1909 gegründeten Verlag Kodansha. Ziel der Tokyoter Monatszeitschrift ist es, das Beste der zeitgenössischen Literatur ohne Zuspitzung auf ein Genre oder einen Stil zu veröffentlichen. Am bekanntesten ist Gunzo für ihre literarischen Beiträger, unter denen Klassiker wie Tanizaki Jun’ichir, Mishima Yukio und Abe Kobe, Nobelpreisträger wie Kawabata Yasunari und Kenzaburo Oe, junge Autoren wie Tawada Yoko und Murakami Haruki – und natürlich die Autoren unserer Auswahl. Seit 2010 gibt es eine regelmäßige Zusammenarbeit mit der Londoner Zeitschrift Granta. Neben Literatur, Kritik, Übersetzungen von Klassikern und jungen Autoren wie Chimamanda Ngozi Adichie und Miranda July finden sich auch Filmkolumnen und Interviews mit Regisseuren.

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