Neue Rundschau 3/2012 Zur Übersicht

 

Inhalt

Seit einiger Zeit ist der Begriff »Graphic Novel« in aller Munde und sorgt für den bescheidenen, aber erstaunlichen Boom einer Kunstform, die besonders in Deutschland als dubios angesehen wurde und wird: der Comic. Dass die sogenannte ›Neunte Kunst‹ nicht nur Werke hervorgebracht hat, die ohne weiteres neben denen der Belletristik bestehen können, sondern dass sie auch maßgeblichen Einfluss auf die Literatur, den Film, die Malerei und Architektur hatte, das zeigt das vorliegende Heft.

INHALT

Editorial
Ole Frahm
Die Zeichen sind aus den Fugen

Thomas Kling
ausgerottete augn

Jan-Frederik Bandel
Heftiger Zug nach unten

Martin tom Dieck
ausgerottete augn

Christoph Haas
Graphische Romane?

Georg Klein
Meisterstück

Clemens J. Setz
And when at last poor Emblus died, the Osbick Bird was by his side

Andreas Platthaus
Comic und Architektur

Jochen Schmidt
Tim in Deutschland

Klaus Schikowski
Wie kleine Kinder

Christoph Hochhäusler
In der Lücke

Georg Seeßlen
Comics & Film

Christian Petzold
Über »Hawaiian Getaway« von Adrian Tomine

»Wie so Fraggles …«
Sascha Hommer über sein China-Projekt

»Welcher Boom?«
Interview mit Dirk Rehm über den Comicmarkt



Moby-Dick , Ein historisch-spekulativer Kommentar

Leander Scholz
Kapitel 2: The Carpet-Bag

Markus Krajewski
Kapitel 84 Pitchpoling

Matthias Bickenbach
Kapitel 122: Midnight Aloft. Thunder and Lightning



Lyrikradar
Christoph Wenzel
Grauskalen


Carte Blanche

Clemens Meyer
Die Farben und die Bilder
Ulrich Peltzer
Anfänge
Michael Lentz
»Und da haben du und ich«

Die Autorinnen und Autoren

Editoral

Yeah! Comics sind Literatur! Schon seit einigen Jahren macht dieser Slogan die Runde. Er ist Ausdruck eines der erstaunlichsten Booms des Buchmarkts in den vergangenen Jahrzehnten: Comics, die besonders in Deutschland immer einen schweren Stand hatten, sind salonfähig geworden. Man muss sich nicht mehr in kleine, düstere Läden begeben, um sich vom Nerd hinter der Kasse beraten zu lassen, sondern wird auch in großen Buchhandlungen problemlos Bestseller wie Maus oder Persepolis finden. Ja, mehr und mehr Publikumsverlage probieren es mit Graphic Novels, die in Vorschauen selbstbewusst neben Belletristikneuerscheinungen präsentiert werden. Und: Kaum ein Feuilleton, das nicht regelmäßig Comics bespricht oder sich sogar eine eigene Serie leistet. Während allerorts die Angst umgeht, dass sich das gedruckte Buch in digitale und womöglich rechtsfreie Räume verflüchtigt, hat es den Anschein, als könnten Comics von dieser Krise des Buchmarkts profitieren. Gab es sie früher in erster Linie in Heftform, sind sie nun zu Büchern geworden, die zudem alle Aspekte des Drucks auskosten. Der Comicmeilenstein Asterios Polyp von David Mazzucchelli musste wegen seiner Farben auf speziellem Papier gedruckt werden, das nur in China hergestellt wird; wie die meisten Graphic Novels hat auch Mazzucchellis Buch ein ungewöhnliches Format, das mit der Handlung korrespondiert: Man kann hinter dem Boom der Graphic Novel auch die Sehnsucht des Publikums nach schön gestalteten Buchobjekten erkennen, an deren Sinnlichkeit kein E-Book heranreicht. Im Jahr 2012 steht es also gut um die Neunte Kunst. Und trotzdem: So wohlwollend der Eingangsslogan gemeint ist, so unglücklich gewählt ist er doch auf den zweiten Blick. Denn dahinter verbirgt sich die typisch bildungsbürgerliche, elitäre Einstellung, bei Comics habe es sich bis vor kurzem um ein minderwertiges Medium gehandelt. Nun aber seien sie endlich so gut, so anspruchsvoll wie Literatur, eben: ernst zu nehmen. Einspruch! Auch der gern gebrauchte Begriff Graphic Novel ist nicht zufriedenstellend. Denn noch einmal: Wer in Comics gezeichnete Romane sieht, verwässert die Traditionen und Genres und verkennt, dass der Comic seit seinen Anfängen ein völlig selbständiges System mit einer mittlerweile ganz eigenen Tradition darstellt, die kaum etwas mit jener der Literaturgeschichte gemein hat, wie der Eingangsessay Ole Frahms zeigt. Was freilich auf Leser und Wissenschaftler, die auf klare Kategorisierungen angewiesen sind, so verwirrend wirkt, ist der Chamäleon-Charakter des Comics: Haben wir es nun mit Bildern oder Texten zu tun? Mit einer exemplarischen Ausprägung des Trivialen, Massenhaften, das sich wegen seiner »Bildchen« und sprechenden Tiere vor allem an Jugendliche oder Ungebildete richtet, oder mit intellektuellem Kulturgut, das, wie der frühe Comicstrip Krazy Kat, von Größen wie James Joyce und Gertrude Stein begeistert gelesen und analysiert wurde? Formal und inhaltlich sitzt der Comic zwischen den Stühlen. Sein System hat keine Grenzen. Das macht ihn für die Rezeption zum Problem; seinen Produzenten aber erschließt sich dadurch eine erfreuliche Vielzahl von Möglichkeiten, können sie doch Inspirationen sowohl aus den Text- als auch aus den Bildmedien, sowohl aus den No-Gos des Elitären als auch zum Beispiel aus poststrukturalistischen Theorien ziehen. Die wechselseitige Beeinflussung der Neunten Kunst und ihrer Geschwister Literatur, Film, bildende Kunst und Architektur (Liste fortsetzbar): Sie aufzuzeigen, ohne die Selbständigkeit des Comics zu vergessen, ist das erste Anliegen dieses Bandes. Konsequenterweise kann dies nur bimedial geschehen: in den Aufsätzen einiger der bekanntesten Comicwissenschaftler hierzulande als auch in Originalbeiträgen von vier Comiczeichnern. Von Anfang an war klar, dass es für dieses ungewöhnliche Projekt der Zusammenführung so vieler heterogener Elemente nicht nur »Paten« brauchen wird, also Künstler, die ihr Verhältnis zum Comic beschreiben, sondern auch einen guten Geist. Schnell war er gefunden. »Die Einbeziehung aller existierenden Medien ist gefragt.« So schrieb Mitte der 1990er der viel zu früh verstorbene Lyriker Thomas Kling. Die stilistische Bandbreite, mit der fünf Zeichner sich der Mission Impossible widmeten, das Gedicht ausgerottete augn aus dem Band brennstabm mit den Mitteln des Comics zu interpretieren, wird hoffentlich anschaulich machen, über was für eine grandiose Szene das einstige Comic-Entwicklungsland Deutschland mittlerweile verfügt (in der übrigens der Frauenanteil überraschend hoch ist) – »Auf dass die vorher geschlossenen Augen und Mund aufgehen!« (Thomas Kling) Ah! Oh! Let’s go! Thomas von Steinaecker
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