Neue Rundschau 1/2013 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2013/1

Neue Rundschau 1/2013
288 Seiten
Preis € 12,00
ISBN 978-3-10-809092-0

Inhalt

Martine Bellen
Mit Tieren leben

Ron Winkler
Venezia non finito

Jan Volker Röhnert
Uccello und seine Nachfolger

Georgi Gospodinov
Fünf Gedichte

Ulf Stolterfoht
Telemann

James Brown
Ich komme aus Palmerston North

Ashleigh Young
Wie ich erwachte und alle Vergleiche waren weg

Holly Painter
Wir hüten

Marc McMillan
Tiefseesphären

Jo Thorpe
Medealektüre

Caroline Dubois
Talala

Jelena Schwarz
Die Herkunft von Arno Zart

Uwe Kolbe
Gedichte

Christian Schloyer
Statist in einer Übung

Antje Quast
Gedichte

Nils Fabian Brunschede
Tempelcafé

Martin Piekar
Sechs Gedichte

Tom Schulz
Gedichte

Carolin Callies
12 unveröffentlichte Gedichte

Manfred Enzensperger
headset

Kevin Powers
Gedichte

Mark Strand
Delirium Walzer

Dänische Lyrik 2010–2012


Moby-Dick
Ein historisch-spekulativer Kommentar

Leander Scholz
Kapitel 8: The Pulpit

Søren Frank
Kapitel 9: Die Predigt

Armin Schäfer
Kapitel 31: Queen Mab



Carte Blanche

Jürgen Egyptien
Ein Houdini aus Wörtern

Horst-Jürgen Gerigk
Swetlana Geier und die russische Literatur

Uwe Kolbe
Über den Nachteil

Denis Scheck
Laudatio auf Silvia Bovenschen

Silvia Bovenschen
Ehrbar aus gewonnener Feigheit?

Rainer Merkel
Ankleben verboten. Die Arbeit des Schriftstellers in 14 Thesen

Die Autorinnen und Autoren

Editoral


»Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander« (Hölderlin)
Wie begegnen sich Gedichte? Als sie einmal um Auskunft gebeten wurde, erinnerte die Frage Martine Bellen an die mobile Architektur im alten Japan: Durch opake, nicht für Augen, aber für Schatten durchlässige Schiebewände wurden ständig neue Zimmer geschaffen. Jeder Raum ein Gedicht. Aber auch, wenn durch bemalte Wandschirme der Blick abgeleitet wurde, konnte das Ohr hören, was auf der anderen Seite der Papiertüren geschah, die Nähe wurde nicht dadurch aufgehoben, dass der Weg zwischen den Räumen durch die vielen Schiebewände zu einem Labyrinth geworden ist. Das Auge ist das Organ der Ferne, das Ohr das der Nähe. Es ist das letzte Sinnesorgan, das uns verlässt, stellte Emily Dickinson fest. Und das innere Ohr, das der Erinnerung lauscht? Der Leser ist so gleichzeitig aus- wie eingeschlossen, das Innere der Räume offenbart sich, aber auf diskrete Weise – nicht auf den ersten Blick, nicht im ersten Hören. Manchmal erst nach Jahren. Und das macht das Gedicht so kostbar: seine Dauer. Gedichte sind wandernde Räume, sagt Martine Bellen: »Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander«.
Werden Gedichte wie diese Räume transparent für einander? Vielleicht eher gegeneinander als uns gegenüber? In der Beziehung ist das Zusammenstellen einer Lyriknummer nichts anderes als das Lesen selbst. Man begegnet neuen Texten, und noch bevor man mit der Lektüre und dem Einrichten eines Beitrags fertig ist, meldet sich der nächste, man liest weiter. Man beobachtet, dass die Vogelrufe länger werden, wenn man die Rückseite der Paravents ablauscht wie Ulf Stolterfoht oder sich in den neuen Gedichten von Ron Winkler, Jan Volker Röhnert und Uwe Kolbe andere Perspektiven anzukündigen scheinen – und man greift zu den letzten Bänden um festzustellen: Alles war schon da, aber nun hat sich eine Schiebetür beiseite bewegt und alles steht in neuem Licht.
Zwischen ihnen stehen neue Namen: Caroline Dubois, Jelena Schwarz mit ihrem Heteronym sowie Mark Strand – wie W. S. Merwin (Neue Rundschau 4/2012) ein bei uns leider wenig bekannter Amerikaner seiner Generation –, übersetzt von Matthias Göritz, wie Uljana Wolf und Jan Wagner einer der vielen zum Übersetzer gewordenen Dichter und Dichterinnen, ohne die die Lyrikosmose nicht in Gang gekommen wäre. Aber zu den Namen aus Übersee kommen junge Lyriker von hier. Es ist atemberaubend zu sehen, wie in den letzten Jahren sich von überall her neue Stimmen meldeten: in den letzten Ausgaben konnten wir u. a. Leonce Lupette und Christian Schloyer vorstellen, diesmal sind es Nils Fabian Brunschede, Carolin Callies und Martin Piekar.
Alles in allem scheint es keine schlechte Zeit für Lyrik. Die Kompassrose rast und selten ist soviel übersetzt und wiederentdeckt worden wie heute. Wären nur mehr Leser und Besucher zwischen den Wandschirmen unterwegs, um den diskreten Offenbarungen zu lauschen. Denn daran, falls überhaupt, mangelt es dem Gedicht: dem Gespräch.

Hans Jürgen Balmes
0 Artikel  0 €