Neue Rundschau 3/2000 Zur Übersicht

 

Inhalt

IMPROVISATIONEN
Joachim Kalka Das haben wir gleich! Zur Dialektik des plötzlichen Schlages
Peter Uehling Regula und Digitus. Über die Improvisationspraxis der Komponisten
Caroline Fetscher 13. Juni 1999. Improvisationen zwischen Krieg und Frieden
Joscha Schmierer Das Improvisorium. Anmerkungen zur Improvisation im Politischen
WERKGESPRÄCH
Die Wörter sind vor dem Leben da Interview mit Adolf Muschg von Daniel Lenz & Eric Pütz
FORUM
Avishai Margalit Die Dauer der Vergangenheit. Geteilte Erinnerung
Reiner Stach Wahre Sätze, falsche Sätze. Vom Handwerk des Biographen
Georg Klein Altkayser. Erzählung
Jane Heller Levi Ich bin Dichterin, mich interessiert Schönheit nicht. Vier Gedichte
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
György Konrád Distanz und -Liebenswürdigkeit. Die Mann-Familie
Hans Joachim Schädlich Sarah. Ein Geburtstagsgruß
Reinhard Mehring Das Politikum der Kritik. Geschichtstheorie nach Carl Schmitt
Reinhard Mehring Das Politikum der Kritik. Geschichtstheorie nach Carl Schmitt
Friedrich Balke Kreuzzug und Kartei. Carl Schmitt und die Juden
Wolfgang Ullrich Historische Zeitschriftenschau (3). Constanze 21/1954

Editoral

In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen, was er »kann«. In der Improvisation liegt die Stärke. Walter Benjamin Wer improvisiert, begibt sich auf unsicheres Gelände. Die Welt der Üblichkeiten ist verlassen, das eingespielte Können außer Kraft gesetzt. Routinen laufen leer und Panik könnte um sich greifen. Doch nun ergreift die Phantasie das Zepter, schwingt sich auf die Höhe des Augenblicks, beweist auf sandigem Grund, was situative Intelligenz und Spontaneität vermögen. Jetzt - da die Ingenieure abdanken, ihr Können an seine Grenzen stößt - schlägt die Stunde der Bastler, der Virtuosen im Augenblick. So jedenfalls pointiert es Joachim Kalkas kleine Geschichte des Slapsticks. Sie porträtiert Situationskünstler par excellence, die sich dem drohenden Aufstand widerspenstiger Dinge stets gewachsen zeigen. Ob Stan und Olly, Buster Keaton oder Charlie Chaplin, all die verkannten Helden bitterernster Naturbeherrschung wittern in der Tücke des Objekts die unwiederbringliche Chance, eigene Klugheit und Motorik auf die Probe zu stellen. Was in Ohnmacht und Niederlage münden, was Technik wie Moral blamieren sollte, verwandelt ihr unheimliches Geschick in die nächste heroische Tat. Der Bastler scheint in Wahrheit also weniger der Gegenspieler des Ingenieurs als vielmehr sein feindlicher Bruder zu sein. Von Daidalos bis Black & Decker treibt ihn der Ehrgeiz an, die Schwerkraft zu überwinden, dem Material zu trotzen und ein phantastisches Loch zu bohren... So müssen die Ergebnisse dieser Kunstfertigkeit beileibe auch nicht flüchtig und schon gar nicht bloßer Behelf sein. Tatsächlich treibt die Kunst der Improvisation erstaunlich dauerhafte Gestalten hervor. Davon legt nicht zuletzt der Jazz bis heute Zeugnis ab - Improvisiertes wird Standard, an dem sich improvisierende Praxis wieder entzündet. Wie sich Improvisation und Komposition aber auch in der sogenannten ernsten Musik ineinander verschränkt haben, zeigt Peter Uehlings Studie. Selbst das Götterkind Mozart bedurfte des Klaviers, um improvisierend zu erspielen, was am Ende in Notationen festgehaltener Ausdruck wurde. Freilich nährt die Praxis des Phantasierens je näher wir der Gegenwart kommen den Zweifel am Junktim zwischen Spontaneität und Innovation. Der Verdacht, dass in der Eingebung des Augenblicks nur das Althergebrachte wiederkehrt, gehört zum historistischen Bewusstsein der Spätgeborenen. Spontaneität bürgt also nicht a priori für Erneuerung. Wie oft bringt sich Abgeschmacktes zu Gehör, was Neuanfang zu sein beansprucht, war doch nur Stereotyp. Und auch die Politik ist gut beraten, dem Pathos absoluter Anfänge zu misstrauen. Sie braucht ein anderes Verständnis von Kreativität und Freiheit. Schon deshalb steht politisches Handeln für Joscha Schmierers Begriffe in einem problematischen Verhältnis zur Improvisation. Die politische Praxis wägt komplexe Interessenlagen ab, sucht zwischen ihnen zu vermitteln und bleibt auf solche Herkünfte bezogen. Aus diesem Bezug gewinnt sie letztinstanzlich ihre Legitimität. Deshalb kann Spontaneität als solche kein Gütezeichen politischer Handlung sein. Sie verfährt vielmehr proleptisch, jenem schon bei den Griechen beschriebenen und prämierten Verfahren verwandt, mit dem ein guter Rhetor seine Gedanken in ständiger Anknüpfung an Positionen seiner Vorredner entwickelt. Wo sich Politik solcher Bezugnahmen entledigt, wo ihr Ideal die tabula rasa wird, schlägt sie in Totalitarismus um. Gerade weil die Politik aber eine Kunst ist, die sich nicht auf Schemata und abstrakte Regeln bringen lässt, gerade weil das politische Handeln im eminenten Sinne situationsabhängig ist, kann es sich der Notwendigkeit zur Improvisation nicht entwinden. Bei aller Planung, Verwaltung und Zivilisierung, in aller Anstrengung, den möglichen Konflikten vorzubeugen, bleibt immer Unverfügbares, zu dem sich die Politik nicht nur in extremen Lagen zu verhalten hat. Von solchen Ausnahmesituationen berichtet Caroline Fetschers Reportage. Tage werden erinnert, in denen sich niemand mehr auf das versteifen durfte, was er konnte, sollte ein prekärer Friede eine dauerhaftere Chance haben. Martin Bauer
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