Neue Rundschau 2/1999 Zur Übersicht

 

Inhalt

KULTURKRITIK?
Wolfgang Ullrich Zentrifugalangst und Autonomiestolz. Ein Nachruf auf die Kulturkritik
Gustav Seibt Kulturkritik? Allerdings! Über Historisierung, kulturkritische Diätetik und das Pathos des Stammhirns
Stefan Heidenreich Unterscheiden statt urteilen. Kritik als Differenzagent
Manfred Schneider Kollekten des Geistes. Die Zerstreuung im Visier der Kulturkritik
Gustav Falke Wer ist absolut modern? Über den Fetischcharakter des strukturellen Hörens
Joe Klein Die Stadt, die sich selbst fraß. Washingtons politische Kultur des hemmungslosen persönlichen Angriffs
Vittorio Magnago Lampugnani »Hier könnte, sollte oder müßte geschehen«. Möglichkeitssinn in Architektur und Städtebau: ein (kulturkritischer) Versuch
FORUM
Rudolf Helmstetter Unvollständige Listen. Drei Gedichte
Hafid Bouazza Mamette raucht. Erzählung
Stefan Monhardt Drei Gedichte
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Dieter Thomä Der bewegte Amerikaner (2). Nachrichten aus der immer noch Neuen Welt
Jakob Stephan Lyrische Visite (12). Bei Philip Larkin und den Anthologisten (I).
Manfred Durzak Die drei Leben des Dieter Forte. Zum Abschluß seiner Romantrilogie
Wolfgang Matz Montaigne pur? Zur Neuübersetzung der Essais

Editoral

»Keine Kultur ohne Dienstmädchen« Heinrich von Treitschke Das Signet »Kulturkritik« mit einem Fragezeichen zu versehen ist in mehr als einem Sinne angebracht. Zum einen ist damit die Frage gestellt, was sich Kulturkritik heute überhaupt zumuten kann. Schließlich sind die großen Gesten, wie sie noch Horkheimer und Adorno im Kulturindustrie-Kapitel ihrer Dialektik der Aufklärung übten, mittlerweile recht verschlissen; ganz abgesehen davon, daß es gar keine leichte Übung ist, aus dieser Kritik jene bildungsbürgerlichen Urteile abzuscheiden, die lediglich als Idiosynkrasien der Autoren gelten können. Womit eine weitere Frage angeschnitten ist: Kann und soll »Kulturkritik« jenseits der mehr oder minder raffinierten Ausgestaltung solcher Idiosynkrasien allgemeine Anmutungen formulieren? Oder haben wir uns damit zu begnügen, Ausdifferenzierungen von Geschmacksniveaus zu konstatieren, die sich von verschiedenen Lebens- und Bildungsgeschichten herschreiben — wobei diese Bildungsgeschichten mittlerweile auf durchaus interessante Weise quer zu sozialen Schichtungen liegen können? Wem das zu wenig ist, der muß freilich angeben, welche Kriterien er in Anschlag bringt. An ihnen bemißt sich, was »Kulturkritik« überhaupt heißen soll, von welchem Ort aus sie argumentiert, an welchen Vorbildern und Paradigmen sie sich orientiert. Denn ohne weiteres klar ist ja nicht — und das führt auf eine weitere Bedeutung des im Titel gesetzten Fragezeichens —, was unter »Kulturkritik« verstanden werden soll. Wer sich an der altehrwürdigen, zur Ausmalung von Verfallsgeschichten neigenden Traditionslinie der aufs Ganze gehenden Zeitdiagnostik orientiert, wird gegenwärtigen Formen kulturkritischer Ambitionen eine andere Diagnose stellen als jener, der die Vollform kulturkritischer Ansprüche und Überbietungsgesten in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ortet. Und wieder anders sieht die Sache aus, wenn die Langlebigkeit einer prominenten kulturkritischen Argumentationsfigur ins Visier genommen wird oder das Interesse der Frage gilt, welche Funktion Kritik im Status quo kultureller Ausdifferenzierungen eigentlich zukommen kann. Woraus schon zu ersehen ist: Auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner läuft es in den Beiträgen zum Schwerpunkt dieses Hefts nicht hinaus, sondern auf Annäherungen an das kulturkritische Repertoire aus verschiedenen Blickwinkeln; hinreichend unterschiedlichen, um keine Einstimmigkeit befürchten zu müssen. Sollte der Tonfall des Nachrufs auch auf die eine oder andere Weise hervorstechen, so doch nicht ohne Gegenstimmen — und vor allem nicht mit jener Aufgeräumtheit, welches hochgemute Abschiede so schnell ungenießbar und für darauffolgenden Katzenjammer so anfällig macht. P.S. Druckfehler sind heimtückisch, ganz besonders dann, wenn sie zu einer Lesart führen, die durchaus stimmig aussieht. So ist es uns im Goethe-Parcours der letzten Nummer im Beitrag von Peter von Matt passiert. Erich Schmidts Kommentar zur Umarmung Fausts und Helenas vor versammeltem Volk liest sich dort so: »Der Chor war an anderer Stelle gedacht, und die Liebesvereinigung sollte dringend stattfinden. Da ja nun nach antikem Muster alles im Freien spielt, muß der Thron wohl oder übel draußen stehen.« Selbst wenn die Unterstellung der Dringlichkeit in diesem Zusammenhang keinesfalls als ganz kontextfremd ins Auge sticht — richtig muß es natürlich heißen: »...die Liebesvereinigung sollte drinnen stattfinden.« Wir bitten den Autor und die Leser um Nachsicht für diesen eklatanten Mangel an Sublimierungsaufwand beim Korrekturlesen. Martin Bauer, Helmut Mayer und Uwe Wittstock
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