Neue Rundschau 3/1999 Zur Übersicht

 

Inhalt

NATURALISIERUNGEN
Franz Josef Wetz Die Naturalisierung der Kultur. Ein unvollendetes Projekt
Michael Pauen Materialismus und Metaphysik. Können naturwissenschaftliche Erkenntnisse Bewußtsein und Subjektivität in Frage stellen?
John McDowell Moderne Auffassungen von Wissenschaft und die Philosophie des Geistes
Michael Hagner/Cornelius Borck Brave Neuro-Worlds
PORTRÄT
Aussichtsturm unter der Erde Der ungarischsprachige Lyriker Géza Szöcs, vorgestellt von Hans-Henning Paetzke
Géza Szöcs Spiegeleule und Glasohren. Sechs Gedichte
FORUM
Marlene Streeruwitz Samstag, 3. März 1990
Harald Hartung Geräusch der Flammen. Vier Gedichte
Martin Amis Lage der Nation. Eine Erzählung
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Dieter Thomä Der bewegte Amerikaner (3). Nachrichten aus der noch immer neuen Welt
Jakob Stephan Lyrische Visite (13). Mit Merkur bei den Dichtern: Montale und zwei Einzelfälle namens Grünbein und Kolbe
Ralph Ubl Widerständiges Material. Über die Kunstkritikerin Rosalind Krauss

Editoral

Kurz, der Mensch ist nicht nur ein lachendes, sondern auch ein lächerliches Tier. Michel de Montaigne Wir sind Naturwesen - selbstverständlich. Wir sind nicht lediglich Naturwesen - gewiß. Aber abgesehen davon, daß da schon bestimmte Naturbegriffe im Spiel sind: Wie paßt eines zum anderen? Was kommt denn da Rätselhaftes hinzu, das den Menschen aus dem Tierreich heraushebt? Und vor allem: Wie? Oder ist schon diese Frage falsch gestellt, gerade weil sie nach einer Art von »Mehrwert« fragt, dessen Entstehung uns dann so rätselhaft scheint, wenn wir ihn aus unserer Naturgeschichte erklären oder zumindest erhellen wollen? Zugegeben, diese Fragen sind keineswegs neu. Und doch hat sich die Gewichtung der Antworten und Argumentationslasten in den letzten Jahren um einiges verschoben. Ein mehr oder weniger harscher Naturalismus ist dabei, populär zu werden. Wobei »Naturalismus« hier dafür steht, daß der Mensch als Naturwesen betrachtet wird, dessen biologische Ausstattung, Fähigkeiten und Verhaltensweisen Gegenstände von als naturwissenschaftlich firmierenden Erklärungsansätzen sind. Die Durchsetzung und vor allem die Popularisierung einer solchen »naturalistischen« Perspektive hat freilich auf intime Weise damit zu tun, daß diese Erklärungsansätze zunehmend als vorrangige Instanzen menschlicher Selbstinterpretation empfohlen werden. Blickt man sich auf dem Markt der Angebote um, so kann man vom Ratgeber für die Feinabstimmung seiner genetischen Ausstattung zwecks maximaler »performance« bis zur allseits beliebten naturgeschichtlichen Entzauberung unserer Partner- und Sexualvorlieben mittlerweile so ziemlich alles haben. Vieles daran ist natürlich den hübschen Effekten zuzuschreiben, auf welche Sachbuchautoren und »science writers« aus begreiflichen Gründen nur ungern verzichten. Doch sollte man gerade deshalb nicht unterschätzen, was hier an neuen populären Weltbildangeboten, welche die »wissenschaftliche« Karte ausspielen, offeriert wird. Waren die Erinnerungen an unsere Naturbasis früher vor allem schätzenswert kritische Ernüchterungen, so hat sich die Empfehlung zur Selbstauslegung als naturgeschichtlich konditioniertes Menschentier mittlerweile endgültig ins Affirmative gewendet. Lange vorbei die Zeiten, wo man noch sinnvollen rhetorischen Gebrauch von diesen Erinnerungen machen konnte. Im Hintergrund dieser Entwicklung stehen meist Interpretationsangebote von Evolutionstheorie und Biologie - an ihnen wird nun aufgehängt, was die Grundansicht jedes Szientismus ist: Daß wir über ein »wissenschaftliches« Basisvokabular verfügen, das zeigt, wie die Dinge »eigentlich« liegen. Was dann vermeintlich aus der »Natur« an normativen Vorstellungen hervorgezaubert wird, hat sich freilich immer noch nach den Vorlieben der Proponenten gerichtet. Grund genug, hier auf der Hut zu sein. »Naturalisierung« hat viele Facetten - und um einige geht es im Schwerpunkt dieses Hefts. Daß zwei seiner Beiträge auf das Gebiet philosophischer Diskussionen führen, hat mit dem Umstand zu tun, daß auf philosophischem Terrain Strategien der Naturalisierung seit geraumer Zeit einen prominenten Platz einnehmen und ausführlich verhandelt werden. Daraus ist einiges zu lernen, ebenso wie von einem genaueren Blick auf die Faszinationskraft der Gehirnforschung, die ihrerseits sowohl in der Wissenschaftslandschaft wie in der Populärkultur deutliche Spuren hinterläßt. Und aus dem Blick sollte dabei auch nicht kommen, welche grundsätzlichen Stolpersteine sich Positionen einhandeln, die uns aufgrund neuer Einsichten in unsere Naturbasis mit einigem Pathos denkbar grundsätzliche Reformen unseres Selbstverständnisses anempfehlen. Einige Facetten also, kein vollständiges Spektrum. Doch so wie es aussieht, wird das Thema dieses Heftes uns in der einen oder anderen Gestalt ohnehin noch lange beschäftigen. Martin Bauer, Helmut Mayer und Uwe Wittstock
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