Neue Rundschau 4/1999 Zur Übersicht

 

Inhalt

WILLKOMMENE ABSCHIEDE
Wolfgang Kemp DJ David Knapp gegen Ilja Kabakov. Eine Runde im Ring west-östlicher Vergessenskulturen
Terry Eagleton Was ich mit Vergnügen hinter mir lasse. Eine Auswahl
Hans Ulrich Gumbrecht [Links/Rechts]. Ein Coming-out in Moll
Dieter Thomä Vergessen wir den 10. September 2000! Warum Julian West nicht aufwachen soll oder: Kein Vergleich zwischen dem einen 20. Jahrhundert und dem anderen 20. Jahrhundert. Aufruf von Herrn ***, aufgezeichnet von D. Th.
Rainer Hank Kommandohügel. Vom Ende des Keynesianismus
Uwe Justus Wenzel Vergessen - Verabschieden - Verlernen. Einige vorläufige Mutmaßungen
Heinz Dieter Kittsteiner Vergebliche Abschiede. Deutsche Erinnerungslandschaften
Harald Eggebrecht Die Unerreichbarkeit. Vom Aufgehobensein im Netz
Andreas Platthaus Kommandohügel. Vom Ende des Keynesianismus
Sten Nadolny Abschied von der Rammdösigkeit. Vom Flaneur im unendlichen Kramladen der Angebote
Franziska Augstein Vorortweise oder Wo man sich trifft
WERKGESPRÄCH
Ich brauche kein Mahnmal für meine Trauer. Hans Keilson im Gespräch mit Ulrich Walberer über einen kultivierten Mann, der Nazi wurde, über Leben und Lesen im Exil, die Faszination des Hasses sowie die pathologischen Anteile an der deutschen Vergangenheit
FORUM
Adam Gopnik Geht ein Mann zum Arzt. Aus den Annalen der Psychoanalyse
Wolfram Pichler Schmutz und Schminke. Über Goyas Malerei
Paul Claes Die Reise. Eine Erzählung
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Dieter Thomä Der bewegte Amerikaner (4). Nachrichten aus der noch immer neuen Welt
Jakob Stephan Lyrische Visite (14/1). Bei jung und alt. Poetische Presseschau
Stefan Pegatzky Vor sechzig Jahren. Thomas Mann und der Beginn des Zweiten Weltkriegs
Tora Nordström-Bonnier Thomas Mann meint

Editoral

»Er drehte sich um, ging durchs Zimmer und hinaus. Ich sah, wie die Tür sich schloß. Ich lauschte seinen Schritten, als er den Korridor aus imitiertem Marmor hinunterging. Nach einer Weile wurden sie schwächer, dann verstummten sie ganz. Ich lauschte trotzdem weiter. Wozu? Wollte ich vielleicht, daß er plötzlich stehenblieb und sich umdrehte und zurückkam und mir das Gefühl ausredete, das ich hatte? Nun, er tat es nicht. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Ich habe keinen von ihnen allen wiedergesehen - außer den Bullen. Von denen Abschied zu nehmen, ist noch kein Mittel erfunden worden.« Raymond Chandler, The Long Good-Bye Abschiednehmen ist eine Kunst. Und keine einfache. Ein Leben lang üben wir uns darin, und doch bleibt es fast immer eine schwierige Übung. So schwierig, daß wir das Verabschiedete meist gut im Gedächtnis behalten, ja vielleicht gerade das auch wollen. Nur um dann später einmal festzustellen, wie selten wir tatsächlich daran gedacht haben, wie vollständig wir das alles wider erwarten vergessen haben. Aber gibt es nicht auch willkomme Abschiede? Also jene seltenen, kostbaren Momente der Trennung von etwas, das wir schon lange in den Orkus gewünscht haben, und von dem wir nun mit einiger Sicherheit annehmen dürfen, daß wie es künftig endgültig los sein werden? Erfahrungsgemäß werden uns diese nicht von Melancholie umwölkten, sondern vom Auf- und befreitem Duchatmen begleiteten Abschiede daraufhin unauslöschlich in der Erinnerung bleiben - und folglich werden die Abschiede nur scheinbar sein. Wie im Fall des alten Dieners Lampe, den wir nicht mehr vergessen können, nachdem sein ehemaliger Dienstherr Immanuel Kant notierte, daß »der Name Lampe völlig zu vergessen sei« - und uns diese schriftlich fixierte damnatio memoriae durch einen rührigen Biographen überliefert wurde. Alles verschwor sich zu Lampes (vermutlich höchst unverdientem) Nachruhm; an ihm ist nicht zu rütteln. Was bleibt noch? Vielleicht nur eins: Wir widmen dieses Heft seinem Gedächtnis. Wenn es in diesem Heft um »Willkommene Abschiede« geht, dann darf man das als rhetorische Zuspitzung verstehen, der Frage nämlich, was man nicht vermissen würde und wovon man sich deshalb glaubt trennen zu können oder zu sollen. Eine heikle Frage, gewiß, denn höflicher und politisch korrekter ist es allemal, die Frage nach demjenigen zu stellen, wovon wir uns keinesfalls verabschieden sollten. Aber davon ist ohnehin dauernd und zu Recht die Rede, und bei Annäherung an die Jahrhundert- und Jahr tausend schwelle werden wir noch manche Kanonvorschläge zu lesen bekommen. Zugegeben, der innige Wunsch zu vergessen, hat die Erinnerung allemal am besten am Leben gehalten. Zugegeben, weitausgreifende Traditions linien lassen sich weder durch einen kalendarischen Wechsel noch durch einen voluntaristischen Akt abschneiden. Doch die Sehnsucht danach etwas loszusein oder loszuwerden, ist für die Epoche auf seine Weise vermutlich ebenso kennzeichnend, wie die Sehnsucht etwas zu besitzen und zu erhalten. Ob sich also die willkommen geheißenen, die erhofften Abschieden tatsächlich werden vollziehen lassen, ist nicht sicher. Doch daß diese Wünsche so manches über den Zeitpunkt verraten, zudem sie entstanden, das ist wohl gewiß. Martin Bauer, Helmut Mayer und Uwe Wittstock
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