Neue Rundschau 1/2000 Zur Übersicht

 

Inhalt

... UND NIETZSCHE UND ...
Martin Meyer Deutsche Verhängnisse. Nietzsche-Spiegelungen
Konrad Paul Liessmann Der verstorbene Freund. Friedrich Nietzsche und Ferdinando Galiani
Gustav Falke Dekadenter Klassizismus. Wohin Brahms gehört?
Uwe Justus Wenzel Unter Null. Simmel, Nietzsche, Schopenhauer, Kant und die »ewige Wiederkehr«
Martin Saar Die Kunst des Lebens. Nietzsche und Stifter
Karsten Fischer Ein Geruch von Grausamkeit. Nietzsche als Avantgardist der Rationalisierungskritik
Martin Stingelin Kriegerische und kämpferische Lektüre. Friedrich Nietzsche, Michel Foucault und Gilles Deleuze
FORUM
Christoph Menke Die Gegenwart der Tragödie. Eine ästhetische Aufklärung
Hannelore Schlaffer Jenseits von Schön und Häßlich. Der Ekel als Motiv der neuesten Kunst
Elisabeth Mann Borgese Meine Zeit
Paul Claes Der Dichter. Erzählung
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Jakob Stephan Lyrische Visite (14/2). Bei Nicolas Born
Jakob Stephan Lyrische Visite (15). Bei Ihren Magnifizenzen (I)
Wolfgang Ullrich Historische Zeitschriftenschau (I). Capital 1/1968

Editoral

Mittlerweile gehört das Werk Friedrich Nietzsches allen. Die alte und die neue Rechte hat sich immer schon auf den Willen zur Macht und den Übermenschen berufen, um von der »blonden Bestie« und ihren unsäglichen Anhängern zu schweigen. Sie hat mit Nietzsches Demokratiekritik sympathisiert, seine Invektiven gegen die französische Revolution und ihre Nachgeschichte unterschrieben. Sie hat ihn - trotz gegenteiliger Aufzeichnungen - als Antisemiten geschätzt und ist ihm in Betrachtungen gefolgt, die den Egalitarismus als eine problematische Erbschaft christlicher Wertüberzeugungen denunzieren. Doch auch die Linke konnte ihren Frieden mit dem harschen Kritiker des Sozialismus schließen, mit dem Basler Professor, der auf die »soziale Frage« seiner Zeit mit einem flammenden Plädoyer für das Sklaventum antwortete. Waren die haarsträubenden Verkürzungen einmal korrigiert, die ihn bei Georg Lukacs zu einem Vordenker des Faschismus und Cheftheoretiker des Imperialismus gemacht hatten, trat ein anderes, Differenzierungen zulassendes Bild ans Tageslicht. In dieser veränderten Beleuchtung wurde Nietzsches Genealogie gewissermaßen als Antezipation ideologiekritischer Deutungsmuster lesbar, konnte seine Auseinandersetzung mit dem Nihilismus der Moderne zum attraktiven Musterfall einer historisch informierter, dennoch radikalen Gegenwartskritik avancieren. Nietzsches erkenntnistheoretischer Perspektivismus, die ironisch akzentuierte Skepsis gegenüber aufgespreizten Geltungsansprüchen jedweder Provenienz, sein gewaltenteilendes Lob des Polytheismus, all diese Züge eines Werkes, dem ein kleinster wie größter gemeinsamer Nenner fehlt, luden linksliberale Pragmatisten, postmoderne Zeitdiagnostiker, Gott-ist-tot-Theologen ebenso ein wie die avantgardistischen Protagonistinnen der Gender Studies - schließlich hatte der zum Philosophen mutierte Altphilologe sowohl seine Misogynie überwunden, wie die große Vernunft des Leibes gepriesen. Er hatte - gut materialistisch - den Sinn gelobt, der von den Sinnen kommt, und nach Ludwig Feuerbach die Projektionen durchschaut, die uns Sterbliche die eigene Wünsche als Gottesgestalten an den Himmel schreiben lassen. Er wollte auf der Spur Richard Wagners die zerfallende Moderne im Gesamtkunstwerk wieder ästhetisch mit sich versöhnen und gegen Wagners Mythologie eine naturalistisch inspirierte Physiologie des Künstlers ausbuchstabieren, die den Philosophen dazu befähigt, Arzt einer dekadent gewordenen Kultur zu sein. So bereitet schon die Disparität seines Werke eine Wirkungsgeschichte vor, die den Untertitel trefflich illustriert, den Nietzsche seinem Zarathustra-Evangelium mitgab - ein Werk für alle und keinen. Die Hochzeiten der zunächst in Frankreich aufgekommenen Nietzsche-Renaissance scheinen freilich abzuklingen. Auch jüngste Mobilmachungen nietzschescher Topoi angesichts einer vermeintlich die Gattung als ganze erfassenden, neuen Züchtungsnotwendigkeit werden diesen Befund kaum relativieren. In Wahrheit hat die Metaphysikkritik der Gegenwart den Hammer, der bei Nietzsche den Götzen zuleibe rückt, längst aus der Hand gelegt. Argumentierende Sorgfalt, die sich den gelegentlichen Vorwurf einhandeln mag, der bloß harmlose Auswurf nur sitzender Forschung zu sein, ist die allenthalben propagierte Tugend der Stunde. Und unter solchen Auspizien kann Nietzsche - anders als es sein Spätwerk deklariert - kein Schicksal sein, kein Name, auf den eine neue Epoche der Weltgeschichte zu taufen wäre. Daß er kluge Bücher geschrieben hat, werden freilich selbst jene zugestehen, denen Nietzsches oder nietzschesches Pathos immer fremd und seine Kritik hysterischer Rhetorik teuer gewesen ist. Sie tragen ihre Resultate ohne rhetorisches Ornat vor, auch weil die Philosophie - entgegen Platons Vorschrift - nicht enthusiasmieren muß, um ernüchtern zu können. Nüchternheit läßt im übrigen auch konstatieren, daß die Historisierung eines Werkes nicht unbedingt den Zeitpunkt markiert, mit dem seine Wirkungsgeschichte endet. Dieser antigeschichtliche Affekt, der im Historiker stets den leidenschaftslosen Totengräber wittert, wird nicht zuletzt durch die Nietzsche-Rezeption widerlegt. Zahlreich sind die Versuche, den Stellenwert seines Denkens nicht nur im philosophischen Diskurs, sondern auch in den ästhetischenen Artikulationen der Moderne rückblickend auszumachen. Doch all diese Bilanzierungen haben die außerordentlich facettenreiche und komplexe Wirkungsgeschichte Nietzsches keineswegs kanalisieren können. Das von Nietzsche hinterlassene, in Aphorismen und Notate zerschlagene Textkorpus bleibt ein Steinbruch, aus dem sich die Gegenwart bedient. Dabei spiegelt die Vielfalt solcher Rezeptionen nur wider, was schon für die Entstehungsgeschichte des Werkes bedeutsam war: Ob Nietzsche und Wagner oder Nietzsche und Schopenhauer, ob Nietzsche und Burckhardt oder Nietzsche und Overbeck, ob Nietzsche und Voltaire oder Nietzsche und Spinoza, allemal wurde ein Gespräch eröffnet, in dem der Schriftsteller Nietzsche zu seiner Stimme fand. Daß die Verwischung solcher Spuren zur Ausführung der philosophischen Tat gehört, zu dem, was nach Nietzsches Selbstverständnis Autorschaft bedeutet, ist eine Erkenntnis, die nur das philologische und historische Bewußtsein erarbeiten kann. Sie aber depotenziert nicht Nietzsches Orginalität, sondern stellt sie in die Kraftfelder zurück, aus denen Nietzsche seine Inspiration gewann. So liegt es nahe, ihn im Jahre der hundertsten Wiederkehr seines Todestages dort aufzusuchen, wo das Laboratorium Nietzscheschen Denkens verortet war - im nahezu unüberblickbaren Gewirr seiner Bezugnahmen auf andere. Ihm entspricht der Eklektizismus unserer Bezugnahmen auf ihn und in eben dieser Parallelität, die auf den folgenden Seiten bestenfalls exemplarisch sichtbar werden kann, ist Nietzsches anhaltende Zeitgenossenschaft begründet. * Herbert Heckmann ist gestorben. Seiner ist zu gedenken, auch weil er als langjähriger Mitarbeiter der Neuen Rundschau die Geschichte der Zeitschrift geprägt hat. Ein Nachruf wird im nächsten Heft erscheinen. Martin Bauer
0 Artikel  0 €