Neue Rundschau 2/2000 Zur Übersicht

 

Inhalt

NETCULTURE
Jonathan Rosen Der Talmud und das Internet. Eine Reise zwischen Welten
Hilmar Schmundt Eine 150-Milliarden-Metapher. Über die Fusion von AOL/Time Warner und warum alles gut wird
Stephan Porombka literatur@netzkultur.de. Auch ein Beitrag zur Literaturgeschichte der 90er
Burkhard Spinnen Mein Jahr im Netz. Zwischen Kulturpessimismus und eigener Homepage
WERKGESPRÄCH
Der Schriftsteller als Sprachforscher Interview mit Thomas Hettche von Daniel Lenz & Eric Pütz
FORUM
Herfried Münkler/Karsten Fischer/Harald Bluhm Korruption und Gemeinwohl. Probleme und Chancen politischer Ordnung in der Krise
Richard Rorty »Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache«. Für Hans-Georg Gadamer zum 100. Geburtstag
Avishai Margalit Ethik der Erinnerung. Erinnerung, Anteilnahme, Moral
Monika Maron Rollenwechsel. Über einen Text und seine Kritiker
Michael Krüger Brief des Dichters Wolfgang Bächler an die deutschen Akademien
Wolfgang Bächler
Zwischen den Stühlen
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Hans-Martin Gauger Ein Genie der Freundschaft. Zum Tod von Herbert Heckmann
Jakob Stephan Lyrische Visite (16): Bei Ihren Magnifizenzen (II) und bei den Anthologisten (III). Abschied des Lyrikdoktors.
Wolfgang Ullrich Historische Zeitschriftenschau (2): Stern 24/1959

Editoral

Man hat das Internet die größte Erfindung seit der Entdeckung des Feuers genannt. Solche Superlative klingen immer verkehrt, sind manchmal aber symptomatisch bedeutsam. Und unbestreitbar dürfte sein, dass dem World Wide Web schon wegen seiner Wachstumsgeschwindigkeit etwas geradezu Prometheisches anhaftet. Menschliche Massverhältnisse scheinen den ausserordentlichen Dimensionierungen dieses mehr als nur technischen Phänomens jedenfalls kaum noch beikommen zu können. Auch wenn erst sechs Prozent der Weltbevölkerung Zugriff auf das Internet haben, nimmt die Zahl der Netznutzer in exponentiellen Sprüngen zu. Während des letzten halben Jahres hat sie sich allein in der Bundesrepublik verdoppelt. So ist das Internet im gerade einmal neunten Jahr seines Bestehens dabei, zur unhintergehbaren Voraussetzung unserer Arbeits-, Konsum- und Lebenswirklichkeiten zu werden, zu einem globalen Apriori moderner Existenz. Es macht in beängstigender Aufdringlichkeit von sich reden, kanalisiert unvorstellbare Geldsummen und beschleunigt das soziale Tempo des Lebens weltweit. Aber anders als das Feuer, das nicht entdeckt, schon gar nicht erfunden, sondern den Göttern entwendet wurde, um seine zivilisierende Kraft unter den Menschen entfachen zu können, provoziert die Netztechnologie keine mythopoetischen Anstrengungen. Wie Rad und Schwert, wie Eisenbahn und Dampfmaschine zählt das Internet offenbar zu den technischen Artefakten, die uns - bei all ihrer Bedeutsamkeit für den Verlauf der Gattungsgeschichte - kalt lassen. Sie taugen nicht zur Wiederverzauberung gottferner Wirklichkeiten, geben eher Anlass zu Neidempfindungen gegenüber den technikgeschichtlichen Heroen oder zu alptraumhaften Visionen. Denn dass wir noch zu Lebzeiten Geschichten erfahren und Anekdoten erzählen werden, in denen schreckliche Strafen informationstechnologische Hybris ahnden oder Cyber-Hochmut vor den Fall kommt, dürfte mehr als wahrscheinlich sein. Schon jetzt scheint Nemesis ja die Finger im Spiel zu haben. Kein geringerer als der Devisenspekulant Soros büsst bei Börsen-Wetten gegen die überschätzen E-commerce-Aktien exorbitante Summen ein und den gegen Microsoft angestrengten Prozess wird Bill Gates verlieren, sein Unternehmen also in die sogenannten »baby gates« zerlegen müssen. Wahr ist allerdings auch, dass der Untergang von Microsoft in seiner augenblicklichen Organisationsform aus dem milliardenschweren Firmengründer durchaus keinen Melancholicus macht, dem der Adler regelmässig die Leber zernagt. Auf die Vermutung, er müsse sich doch angesichts der massiven juristischen Verfolgung eigentlich wie Franz Kafka fühlen, fragte Gates entspannt zurück, wer dieser Franz denn sei. Auch Tim Berner-Lee wird die Rolle des Internet-Prometheus nicht besetzen. Er, der das World Wide Web während seines Forschungsaufenthalts am Europäischen Labor für Teilchenphysik 1991 in Genf erfand, taugt ebenfalls nicht für das Exil am Verzweiflungsfelsen, obwohl der Mann allen Grund hätte, mit seinem Schicksal zu hadern. Ihn nämlich hat die bahnbrechende Erfindung nicht zum Netz-Tycoon, sondern eher zum goethischen Zauberlehrling gemacht. Am schönen Charles River zwischen Cambridge, MA, und Boston arbeitet der Physiker heute im renommierten MIT, damit beschäftigt, die gerufenen Geister zu bändigen, will heissen: die technische Weiterentwicklung des www zu koordinieren. »Das Web«, so gab er jüngst zu Protokoll, »ist immer noch in der Frühphase. Worauf es hinaus läuft, ist nicht abzusehen.« Einen ersten Blick in die Zukunft konnte man dennoch schon werfen. Kaum war das XXI. Jahrhundert angebrochen, erwarb AOL, 17000 Angestellte, den weltgrössten Medienkonzern Time Warner, 70000 Angestellte. Sieben Tage später gehörte die Plattenfirma EMI zu Warner und »Citizen Case«, wie Steve Case - Gründer und Boss von AOL - seither heisst, unterzeichnete Kooperationsverträge mit General Motors. Immerhin verkaufte sich jedes zehnte Auto in den USA anno domini 1999 via Internet. Wenn der erste autofreie Sonntag, nach einem dem Philosophen Robert Spaemann zugeschriebenen Bonmot, das wichtigste geistesgeschichtliche Datum der Nachkriegszeit war, so ist der 10. Januar 2000 zweifelsohne eines der wichtigsten Daten innerhalb einer Geistesgeschichte, die fortan wohl als Medien-, wenn nicht als Internetgeschichte zu schreiben sein wird. Denn ein alle klassischen Medien übergreifendes und integrierendes Megamedium wird das Internet in kürzester Zeit sein. In ihm werden Buch, Radio, Fernsehen und Film nicht nur für sich und nebeneinander fort existieren, sondern noch ganz unausgedachte, neue Synthesen eingehen. Das Internet wird zu einem Raum der Interpenetration aller Medien werden. Schon jetzt können wir - um ein ziemlich exotisches Beispiel heranzuziehen - lyrische Texte lesen und gleichzeitig hören, wie ihre Autoren den Worten Stimme geben. Wir lauschen einer Symphonie und verfolgen die Partitur auf dem Bildschirm - selbst ohne der Notenschrift kundig zu sein. Ausserdem werden im Internet Text -, Bild-, Ton- und überhaupt Zeichenarchive entstehen, deren Speicherkapazität alle Hilfsmittel übersteigt, derer sich das animal symbolicum je bedient hat, um seine kollektiven oder individuellen Erinnerungen vor dem Vergessen zu retten. Spätestens mit dem 10. Januar können wir also wissen, dass die Metapher von der Lesbarkeit der Welt ausgedient hat. Soll das Ganze des für menschliche Intelligenzen Erkenn- und Erinnerbaren zukünftig auf den Begriff gebracht werden, sollte nicht mehr von der Natur als einem Buch die Rede sein, das wir uns lesend erschliessen; nein, nun reicht ein pathosloses Kürzel - »www« ist der neue Grenzbegriff. Er bezeichnet ein gigantisches, weder völlig chaotisches noch wirklich geordnetes Beziehungsgefüge, ein chaosm, mit der trefflichen Wortprägung von James Joyce, das sich weiter und weiter ausdehnt, stündlich wächst und komplexer wird, aber kein Zentrum hat. Ganz dem Universum vergleichbar, das uns die moderne Physik als letzte kosmische Wirklichkeit einsichtig gemacht hat. Am 10. Januar 2000 enthüllte das junge Jahrtausend also einige seiner markanten Gesichtszüge. Eine neue, für die beteiligten Firmen unerhört lukrative Konjunktion zwischen Kultur und Kommerz überraschte die weitgehend unvorbereitete Öffentlichkeit. Ganz unvermutet auch, dass jetzt die Stunde kultureller Gehalte schlug. Plötzlich war auf dem Davoser Wirtschaftsgipfel von »content« die Rede, von jenen sogar, die früher einmal Autoren, Schriftsteller, Komponisten oder sonstwie hiessen, und im neuen Jargon als »content-provider« überleben. Welch ein Versprechen, dass sich Nachrichten, Bilder, Ideen, Geschichten und Töne zukünftig annähernd mit Lichtgeschwindigkeit auf dem ganzen Globus verbreiten werden. War da nicht eine digitale Landnahme ohnegleichen angebahnt, eine Kulturrevolution neuen Typs eingeleitet, die Bildung und Information, Wissen und Unterhaltung weltweit verfügbar machen würden? Sollte die Ehe zwischen AOL und Time Warner tatsächlich viel mehr als die Verbindung zweier Kundenkarteien sein, die sich - allein in Nordamerika - auf 70 Millionen Adressen, Kreditkartennummer inklusive, belaufen? Augenscheinlich hätte der Zeitpunkt für das Thema Netzkultur nicht besser gewählt sein können. Doch stellt es sich auf den folgenden Seiten gleichsam noch im alteuropäischen Maßstab. Unser Blick richtet sich nicht auf Bewusstseinsindustrie im Moment ihrer völligen Entgrenzung, sondern noch auf regionale Kulturräume, gewissermassen auf lokale Verständigungsverhältnisse, auf Literatur und Wissenschaft, auf das geschriebene Wort. Ihm wird eine geradezu unzeitgemässe Zärtlichkeit entgegengebracht, ein Vertrauen in es gesetzt, dessen Tage mutmasslich gezählt sind. Gewiss ist nämlich, dass sich der grösste Markplatz der Welt im Internet aufbauen wird, dass alle nur erdenklichen Dienstleistungen und Waren dort Renditen erwirtschaften sollen, und dass die Medien - wie jeder Nationalökonom weiss - nur läppische fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts erwirtschaften. Das Kulturregal wird deshalb ziemlich bescheiden ausfallen im Kaufhaus des vernetzten Westens. Martin Bauer
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