Neue Rundschau 1/2001 Zur Übersicht

 

Inhalt

GELD UND SPIELE
Jürgen Kaube Arbeit, Verschuldung, Spekulation. Drei Zumutungen des Kapitalismus
Reinhard Blomert Herbstliche Finanzblüten. Warum sind Pensionsfonds eigentlich so attraktiv
Paul Ingendaay Unser Abbild, unser Schatten. Bei William Gaddis wird die Börse literaturfähig
Joachim Kalka Mit Geld spielt man. Späte Halbschlafimpressionen
WERKGESPRÄCH
Erzählen ist die Darstellung von Differenzen. Alexander Kluge im Gespräch mit Jochen Rack
FORUM
Swetlana Geier Das Poem. Zur Neuübersetzung des 'Großinquisitors'
Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij Der Großinquisitor. Aus dem Fünften Buch des Romans »Die Brüder Karamasow«
Michael Ondaatje Handschrift. Vier Gedichte
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Birgit Vanderbeke Billiges Fleisch. Ein Rückblick auf die Leitkultur
Jürgen Busche Infame Spiele. Die »Affäre Goll«
Wolfgang Matz Marcel Proust retrouvé. Zur Frankfurter Ausgabe seiner Werke
Rita Bischof »?aus sicherer Quelle?« Wider das Geraune in der deutschen Bataille-Rezeption
Wolfgang Ullrich Historische Zeitschriftenschau (5). Fit for Fun 8/1994

Editoral

Zunächst hatte er noch Monopol-, danach dann Spätkapitalismus geheißen - so als würde ihm die historische Stunde schlagen, so als wäre seine Zeit eigentlich schon abgelaufen. Doch alle Suggestionen haben ins Leere gegriffen und die einstmals erhobenen apokalyptischen Töne sind inzwischen verklungen - nahezu echolos. Auch jüngste Straßenschlachten in Seattle, Washington oder Prag vermochten die Welt des Kapitals nicht zu erschüttern. Zwar zirkuliert die schnell zur abgegriffenen Münze gewordene Kritik der Globalisierung allenthalben, doch wird sie den Systemwechsel bestimmt nicht herbeiargumentieren. Ihre vagen Evidenzen verpuffen einstweilen vor der Gewalt des Faktischen. Allein der Deutsche Aktienindex wartet seit 1996 mit jährlichen Steigerungen von 30 Prozent auf. So spricht denn auch die Soziologie mit einer für ihre Begriffsbildung ungewöhnlich verniedlichenden Prägung vom Casino-Kapitalismus und konstatiert - hundert Jahre nach dem Erscheinen von Georg Simmels »Philosophie des Geldes« - zugleich eine fachspezifische Chrematophobie. Sie scheut sich - im Gegensatz zur Literatur - vom Gelde zu sprechen, obwohl doch jeder Sozialwissenschaftler weiß, dass das liebe Geld ein offenbar unverzichtbares Schmiermittel allen gesellschaftlichen Lebens ist. Es ist sogar das »absolute Mittel«, wie der hellsichtige Simmel im Jahre 1900 formuliert hatte. Zur Natur des neuen Casino-Kapitalismus gehört, dass er Gelderwerb und Arbeit entkoppelt. Seine Protagonisten sind keine Unternehmer mehr, wie sie neue Industrieprodukte entwickelt, die zu ihrer Verfertigung nötige Arbeit effizient organisiert und die nötige Nachfrage erzeugt haben. Demgegenüber ist die Ikone der new economy ein gewiefter Spieler. Er nimmt allerdings nicht - wie die Metapher nahe legt - am Roulettetisch Platz, sondern vor Batterien von Telefonen und Computerbildschirmen. Dort tätigen die Broker ihre Einsätze, schalten sich mit unvorstellbar hohen Summen in sekundenschnellen Operationen an der Börse und auf den internationalen Finanzmärkten ein. Um den Rest scheint sich das mobilisierte Geld dann selbst zu kümmern, arbeitet im Auf und Ab der Kursverläufe und Währungen an seiner eigenen Vermehrung. Dies Geld ist - wie es sprechend heißt - Vermögen, ein Kapital, das die Souveränität über Waren, Güter und Dienstleistungen sichert, das ganze Nationalökonomien in Bedrängnis bringt, das die Macht entfaltet, Industriezweige aufblühen oder ersterben zu lassen. Tom Wolfe, dessen Roman The bonfire of Vanities die Arbeits- und Lebenswelten der Kasino-Kapitalisten Ende der achtziger Jahre aufgesucht hat, stellt die Makler als »Masters of the Universe« vor, als hypertrophe Superegos, die ihre Allmachtsphantasien ausleben und deren Hochmut schließlich doch vor den Fall kommt. Ihre Habgier ist eine pathologische Macht, die stets das Böse will und das Gute macht. Kein Wunder, wenn die auffälligen Ähnlichkeiten zwischen Börsenprofis und Glücksspielern sogar die psychiatrische Forschung animieren, die dem Thema auf dem Jahreskongress der World Psychiatric Organization 1999 in Hamburg gleich ein eigenes Symposion gewidmet hat. Es drängt sich die Schlußfolgerung auf, dass eine zweite Besonderheit des Casino-Kapitalismus in der Entkoppelung von Geld und Rationalität besteht. Als ein absolutes Mittel verliert es den Kontakt zu Zwecken, die mit ihm zu realisieren wären. Vernunft als das menschliche Vermögen, Zwecke zu setzen und Mittel zu bestimmen, die ihrer Verwirklichung angemessen sind, dankt ab. Ein infantiler Spieltrieb übernimmt das Kommando und wagt sich in immer neue Wetten. Wie ungesund der hier waltende Menschenverstand tatsächlich sein kann, hat allerdings kein berühmter Tycoon der Wall Street bewiesen, sondern ein mittlerer Angestellter in der Niederlassung einer traditionsreichen englischen Bank. Auf dem Geheimkonto 88888 der Barings Bank in Hongkong hat Nick Leeson die gigantischen Einlagen seines Arbeitgebers verspekuliert, was dem gesichtslosen Nobody neben plötzlichem Weltruhm eine Gefängnisstrafe und der Bankenwelt 1995 eine Riesenpleite eingetragen hat. Allerdings straft eine Gestalt wie Leeson Tom Wolfes Portraits der metropolitanen Broker Lügen. Der Physiognomie des anonymen, ganz aus dem Abseits und Verborgenem agierenden Brokers ist ein anderer amerikanische Romancier bereits in den sieb-ziger Jahren auf die Spur gekommen. Der Protagonist des von William Gaddis verfaßten Romans JR ist ein elfjähriger Junge, der sich im Schutz geliehener und simulierter Stimmen als genialer Börsenmakler erweist - zumindest für eine gewisse Zeitspanne, denn auch JR endet im Fiasko. Es ist bemerkenswerterweise gerade die Absage an den realistischen Gesellschaftsroman von Balzac über Zola bis zu Wolfe gewesen, die den Avantgardisten Gaddis befähigte, jenen roman fleuve zu verfassen, den Paul Ingendaays Interpretation als die literarische Form identifiziert, kraft derer sich die allerjüngsten Wirklichkeiten der Börsenwelt überhaupt darstellen lassen. Unbezweifelbar ist nämlich auch, dass sich im Casino-Kapitalismus Expertenwissen und finanzieller Erfolg entkoppeln. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten belegen, dass die Ratschläge der Analysten keine besseren Resultate zeitigen als die in zufälligen Interviews mit Passanten ermittelten Börsentipps. Ein neues Gespenst geht denn auch um im elektronischen Handel, das Gespenst des in seinen Entscheidungen völlig unberechenbaren Kleinaktionärs, des day-traders im Amateurstatus. In der Bundesrepublik revolutionierte eine groß angelegte Privatisierungsoffensive die Börsenlandschaft buchstäblich über Nacht. Das ehe-ma-lige Staatsunternehmen Deutsche Bundespost suchte in Sanierungsabsicht den Wettbewerb und emittierte als Deutsche Telekom Aktien, die vor allem den Kleinanleger ins Auge fassten. Als aufsässiger Polier noch aus Frank Beyers Spur der Steine in bester Erinnerung, danach als Tatort-Kommissar und Liebling Kreuzberg zum ost- wie westdeutschen Fernsehstar avanciert, machte sich Manfred Klug, nein, Manfred Krug zum Advokaten der kleinen Leute. Sie wurden bei der Zuteilung der Telekom-Aktien den institutionellen Anlegern vorgezogen, weshalb am 18. November 1996 1,9 Millionen Bundesbürger zeichneten. Sprunghaft stieg der Anteil der Aktienbesitzer bei Angestellten und Beamten von 11 auf 18 Prozent, bei Hausfrauen von 8 auf 11 Prozent und bei Facharbeitern sogar von 6 auf eindrucksvolle 10 Prozent. In den Annalen der Börsengeschichte taucht seither neben dem New Yorker »Schwarzen Freitag« ein »Goldener Montag« in Frankfurt auf, der den Anbruch der neuen Epoche markiert. Hatte die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland vor dem Goldenen Montag bei 3,75 Millionen gelegen, so stieg sie nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts auf über 6,2 Millionen im ersten Halbjahr 2000. Noch stärker fiel der Anstieg bei den Besitzern von Aktien- und gemischten Fonds aus: Er beläuft sich gegenwärtig auf 3,2 Millionen. Knapp über 10 Prozent der bundesrepublikanischen Bevölkerung hat inzwischen also Gründe, zuzuhören, wenn die Börse spricht. Von zwei bedeutenden Faktoren, die jetzt und in Zukunft den Börsenboom in Deutschland weiter anheizen werden, ist in den Beiträgen von -Jürgen Kaube und Reinhard Blomert- die Rede. Die staatlich betriebene -Privatisierung der Altersvorsorge wird die Bundesbürger in absehbarer Zeit dazu nötigen, den Ausstieg aus der Erwerbsbiografie durch Aktienportfolios oder Einzahlungen in Pensionsfonds vorzufinanzieren. Eine auf den Kopf gestellte Alterspyramide und Fehlentscheidungen der Renten-politik haben den viel beschworenen Generationenvertrag aufgelöst. Vater Staat kollabiert unter seiner überkommenen Rolle als Wohlfahrtsspender. So wachsen dem Aktienmarkt neue Konjunkturen zu, sollen doch auf ihm die privaten Guthaben erwirtschaftet werden, aus denen sich der Lebensabend bestreiten läßt. Und schon eilen die erklärten Deregulierungsapostel herbei, klammern die unangenehmen Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit zwischen Alt und Jung ein, um den freien Märkten als Ressource der Altersfinanzierung zu huldigen. Schließlich prämiert die selbst finanzierte Rente die Eigenverantwortung des homo oeconomicus und straft im Interesse der wirklich Bedürftigen die unguten Versorgungsmentalitäten ab. Dass solche Behauptungen nicht die ganze Wahrheit auf ihrer Seite haben, zeigt der Beitrag des Finanzsoziologen Blomert, der die handfesten Interessen jener Großbanken ausleuchtet, die als Agenten eines reformierten Rentensystems von den Unsummen profitieren, die ihnen aus privaten Haushalten zufließen werden. Und damit sind wir bei dem zweiten Faktor, der den Epochenwandel auf den bundesrepublikanischen Aktienmärkten mitbedingt. Anders als eine florierende US-Ökonomie, die von Konsumenten profitiert, die sich Geld leihen, um ihre Wünsche zu erfüllen, mag sich der deutsche Michel nicht auf Pump amüsieren. Folglich lagern beträchtliche Guthaben auf deutschen Konten. Dieser Wohlstand, den die Erbengeneration in naher Zukunft ausgehändigt bekommt, wird das Spekulationsfieber begünstigen. Wen Verluste nicht wirklich schmerzen, bei dem schießen Träume leicht ins Kraut, in denen die Börse zum Schlaraffenland wird, das keine Verlierer mehr kennt. Im Lichte solcher Phantastereien gehört das Nullsummenspiel der Ökonomie der Vergangenheit an - freilich nur bis zum nächsten Krach. Eine bis heute unüberbotene Studie des Spielers und seiner ruinösen Leidenschaft verdankt die Weltliteratur Dostojewskij. Nicht vom Spiel, auch nicht vom Geld, aber vom Schicksal religiöser Überzeugungen ist in seinem Poem »Der Großinquisitor« die Rede, das wir in der Neuübersetzung durch Swetlana Geier veröffentlichen. »Es könnte sein«, hat ein Tübinger Soziologe unlängst vermutet, »dass der Gesellschaft nach dem Niedergang der traditionellen Religionen die eigentliche religiöse Desillusionierung erst noch bevorsteht - der Abschied von der Religion des Geldes.« Martin Bauer
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