Neue Rundschau 2/2001 Zur Übersicht

 

Inhalt

VOM ÖFFENTLICHEN UND PRIVATEN GEBRAUCH DER TIERE
László F. Földénynyi Goyas Hund
Burkhard Müller Das frevelnde Tier oder Von der unwiderstehlichen Süßigkeit des Fleischs
Stephan Speicher Von Tieren vor Menschen. Eine kleine Geschichte des Zoos
David Quammen Die weißen Tiger von Cincinnati
Klaudia Brunst Ein Haus mit Garten wäre schön. Tiere im Fernsehen
Marion Janzin/Joachim Güntner Edieren mit Tieren. Betrachtungen zur animalischen Variante des Verlagssignets
Ulrich Holbein Warenkunde für Herr und Hunde. Glück und Paradox heutiger Köterhaltung
Katharina Rutschky Idyllen der Grausamkeit
FORUM
Jürgen Habermas Begründete Enthaltsamkeit. Gibt es postmeta- physische Antworten auf die Frage nach dem »richtigen Leben«?
Mark Harman Die Ästhetik der Andeutung. Kafkas Streichungen im Schreibprozess
Dirk von Petersdorff Kenne dich selbst!
Daniele Dell’Agli mein jüngstes gericht
Roland Koch Ins leise Zimmer
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Eckhard Henscheid Der Literaturnobelpreis und seine Leute. Oder: 100 Jahre Narrentreiben
Wolfgang Matz Rien ne va plus. Deutsch-Französische Kulturprobleme
Manfred Bauschulte »Der Marsch der Gefahr ins Herz der Schöpfung«. Über Franz Baermann Steiner
Wolfgang Ullrich Historische Zeitschriftenschau (6). natur 12/1

Editoral

Tier als Rätsel, nicht als Rätsel von der Art, wie sie das Denken erzeugt (...), sondern unvermeidliches Rätsel – uns entgegenstehend durch seine Ähnlichkeit – Paul Valéry, Cahiers Sie waren einmal Angst einflößende Bestien, wurden bei René Descartes zu seelenlosen Maschinen und gelten uns heute als Brüder. Wie »Mitgeschöpfe eigener Art« sollen wir die Tiere behandeln, so jedenfalls will es das 1990 erlassene »Gesetz zur Verbesserung der Rechtsstellung des Tieres im bürgerlichen Recht«. Aber was ist denn die Eigenart der Tiere? Welche ihrer Eigenschaften rechtfertigt die sicherlich wohlmeinende Rede vom »Mitgeschöpf«? Und wenn die Tiere für uns trotz industrieller Nutztierhaltung und im Widerspruch zu anstehenden Massentötungen, die ein zusammenbrechender Rindfleischmarkt angeblich erzwingt, in Tat und Wahrheit keine »Sachen« mehr wören, kommt ihnen deshalb schon der Status von Quasi-Personen zu, deren Rechtsverhältnisse im bürgerlichen Gesetzbuch zu regeln sind? Neuseeland hat den Primaten sogar Menschenrechte eingeräumt, sie also im Rahmen ziviler Rechtskultur vor Eingriffen geschützt, die ihre »Freiheit« verletzen. Rechtsdogmatisch ist die Massnahme höchst umstritten, aus handgreiflichen Erfahrungstatsachen folgt sie nicht. Zu ihrer Begründung wird auch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms nichts beitragen, obwohl sie vor einigen Wochen definitiv bewiesen hat, dass Darwins Vermutungen über den Ursprung der Arten und die Genealogie der menschlichen Gattung zutreffend gewesen sind. Für unseren Begriff von den Tieren ist die kartografische Erfassung des genetischen Materials zunöchst viel weniger bedeutsam als etwa die jederzeit und überall wiederholbare Erfahrung, von der ein französischer Landedelmann bereits im 16. Jahrhundert erzählte. Ob er mit seiner Katze oder sie in Wahrheit mit ihm spiele, blieb eine für Michel de Montaigne unentscheidbare Frage – doch das Faktum der Frage selbst revolutioniert den Blick auf die Fauna. Wo einem Tier, wie in Montaignes Essais, Affekte, Empfindungen, ja ein Spieltrieb zugesprochen wird, hat sich die Skepsis gegenüber der Ausnahmestellung des Menschen auf der scala naturae Bahn gebrochen. Der Anthropozentrismus gerät ins Wanken. Seither hat das animal rationale sein Überlegenheitsbewußtsein Schritt für Schritt eingebüßt. Diese Geschichte hat Sigmund Freud schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eine Kaskade narzißtischer Krönkungen rekapituliert. Mittlerweile haben sich die Konturen des Menschenbildes gönzlich verwischt. Weitere Revisionen an den bereits ernüchterten Selbstbeschreibungen der Gattung werden unvermeidlich. Sie tangieren, wofür der Beitrag von Jürgen Habermas argumentiert, in erster Linie ihr normatives Selbstverständnis. Die ungeheuren Fortschritte der Molekularbiologie stellen reproduktionsmedizinische Technologien in Aussicht, in deren Licht sich die vormals scharfe Grenzziehung auflöst »zwischen der Natur, die wir sind, und der organischen Ausstattung, die wir uns geben«. Zeugung und Geburt verlieren ihre für naturwüchsig gehaltene Unverfügbarkeit. Der sich damit ankündigende, zivilisatorische Souveränitätsgewinn mutet der zeitgenössischen Philosophie die ausserordentlich prekäre Aufgabe zu, das menschliche Freiheitsverständnis unter dem Blickwinkel einer neuen Kosmologie auszubuchstabieren. Ist die bloße Ahnung einer tiefgreifenden Ähnlichkeit, die Mensch und Tier übergreift, zur unumstösslichen Gewissheit geworden, löst sich das Rätsel der Animalität keineswegs wie von selbst. In modifizierter Gestalt wird es neuerlich offenkundig und nimmt unsere Neugierde in Anspruch. An ihm haben sich aber nicht nur Philosophen, Theologen, Naturwissenschaftler und Schriftsteller abgearbeitet, nein auch die Malerei suchte dem beirrenden Problem gerecht zu werden – und zwar in einem der bedeutendsten Gemälde europäischer Kunst, wie László Földényis Deutung von Goyas Hund darlegt. Goya, so sein bewanderter Interpret, konnte Tiere wie Menschen »mit den Augen der Tiere« sehen. Wer über diesen Blick verfügt, legt im Bild eines aufblickenden Hundekopfes auch die Dimension einer gewissermaßen archaischen Solidarität zwischen Mensch und Tier frei. Sie mahnt an mythische Genealogien, in denen – anders als bei Charles Darwin - die Tiere nicht Vorfahren der Menschen, sondern umgekehrt die Menschen Vorläufer der Tiere waren. Um solcher Verbundenheit inne zu werden, bedürfen wir nach Burkhard Müllers Überzeugung nicht unbedingt der Talente eines Goyas. Es genügt, zu begreifen, dass die Tiere ein Empfindungsvermögen, das ihnen der Cartesianismus stets bestritten hatte, in Wirklichkeit mit uns gemeinsam haben. Damit sind sie noch keine Personen im emphatischen Sinne, allerdings Individuen, deren Existenzrecht wir anzuerkennen haben. Man könnte Müller entgegen, dass es »das metaphysische Faktum« einer Selbigkeit von menschlicher und tierischer Individuiertheit nicht gibt. Müsste auch fragen, welches Erkenntnisorgan uns solche metaphysischen Fakten überhaupt zu Bewußtsein bringt? Wahrscheinlich reicht doch unser Mitgefühl aus, um die Integrität tierischer Leiblichkeit praktisch zu respektieren, ihnen also keine Schmerzen mehr zuzufügen, sie – kurz gesagt - zu schonen. Dann würde die goldene Regel antiker Ethik gelten, der zufolge Anderen nicht zugefügt werden darf, was man selbst nicht erleiden möchte. Freilich sollte eine solche Achtung oder – vorsichtiger formuliert – ein solches Mitgefühl nicht mit jenem, im Herzen ja immer noch christlichen Respekt vor der Kreatürlichkeit verwechselt werden, die der bundesrepublikanische Gesetzgeber fordert, wenn er in den Tieren Mitgeschöpfe erkennen will. Demgegenüber ziehen die Müllerschen Meditationen über den Menschen als frevelndes Tier Motive einer antichristlichen, namentlich Schopenhauerschen Mitleidsethik aus, die aller Schöpfungstheologie mißtraut. Von elementaren Mitleidsempfindungen, die niemals die Kreatur als solche, sondern immer ein gequältes Individuum betreffen, berichtet Klaudia Brunst. Ihr Blick richtet sich allerdings nicht auf Schlachthöfe, auch nicht auf Käfige oder sadistische Hundehalter, sondern auf die Mattscheibe. Wie das Fernsehen unseren privaten Gebrauch der Tiere abbildet, wie es tierpflegerische Fürsorge gleichsam nachbarschaftlich motiviert und damit zugleich kollektive Aufmerksamkeiten modelliert, die prägend für die Wahrnehmung der Tierwelt überhaupt sind, macht ihre medientheoretisch inspirierte Analyse deutlich. Auch Stephan Speichers Skizze zu einer Geschichte des Zoos handelt davon, wie Menschen Tiere betrachten und betrachtet haben. Sie legt dar, wie eng die Darstellungsformen der Tierwelt, die sich zunächst in höfischen Wunderkammer, danach in den zoologischen Gärten bürgerlicher Gesellschaften entwickelt haben, mit kulturellen †berzeugungen verwachsen sind, die sich historisch wandeln. Selbstverständlich können die städtischen Zoos suggestive Unmittelbarkeiten für die Begegnung von Mensch mit Tier nutzen, die in der sterilen Atmosphäre eines Fernsehstudios keine Chance hätten. Dass dort alle animalische Natur je schon künstlich präparierte ist, sollte jedoch nicht zu der naiven Annahme verleiten, wir sähen die Tiere im Zoo bar jeder Inszenierung. Auch wenn in Hagenbecks Tiergarten eines Tages die Zäune fielen, bleibt die Natur im Zoo ausgestellt. Ihre Musealität verschwindet nur vor dem Auge, das die Zurichtungsspuren an Flora wie Fauna ignoriert. Die weißen Tiger von Cincinatti, von deren Existenz David Quammen berichtet, sind buchstäblich Musterexemplare des modernen Zoolebens. In ihm verschwindet die Differenz zwischen Zirkus und Zoo. Seine Kunden sind auf Sensationen geeichte Naturkonsumenten. Mag dem Zoobesucher des 19. Jahrhunderts die anschauliche Belehrung über eine durch die Industrialisierung verdrängte Natur wichtig gewesen sein, so steht inzwischen Familienentertaiment auf dem Programm. Jetzt muss die Natur attraktive Sprünge machen, um überhaupt für sich interessieren zu können. Also tritt Züchtung auf den Plan, die dem Verlangen der Märkte nach wilden Nutztieren, nach zirzensischen Hybriden, genügt. Das vorläufig letzte Kapitel in der Geschichte des Zoos kehrt ironischerweise in seine feudalen Ursprünge aus den höfischen Wunderkammern zurück. Das von Ulrich Holbein konsultierte Warenangebot für Herr und Hund entführt wohl eher in ein modernes Horrorkabinett als in eine Wunderkammer, so wunderlich die Produktpalette für den begüterten Tierfreund auch ausfällt. Dort ist zu studieren, was armen Tieren widerfährt, die es gut haben sollen. Noch ein reich illustriertes Lehrstück über die unabwendbare Hilflosigkeit, der selbst die noch so fürsorgliche Zuwendungen des Menschen an seine vierbeinigen Mitgeschöpfe selten entkommt. Besser als mit Katharina Rutschkys paradoxer Überschrift lassen sich die Schauplätze, auf denen sich das Convivium von Mensch und Tier abspielt, wohl nicht charakterisieren. Mehrheitlich handelt es sich um »Idyllen der Grausamkeit«, die menschliche Sehnsüchte nach erlöster Natur bezeugen, sich aber zu einem beklemmenden Panorama zusammenfügen. Das Paradies ist verloren. Nur der im Verlagswesen überlebende Totemismus, dem Marion Janzin und Joachim Güntner ihre kleine Studie gewidmet haben, stimmt versöhnlich. Hier steht die Sache der Tiere, wie Emile Zola gesagt hat, höher als die Sorge, sich lächerlich zu machen – wohl, weil sie zur Sache symbolischer Zeichen geworden ist. Martin Bauer
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