Neue Rundschau 3/2001 Zur Übersicht

 

Inhalt

BUDDENBROOKS NACH 100 JAHREN
Burkhard Müller Der Fluch des Allerliebsten. Eine Neulektüre der Buddenbrooks nach fünfundzwanzig Jahren
Reinhard Mehring Thomas Manns "Traumgedicht vom Menschen"
Heinrich Detering Lübeck und die letzten Dinge. Eine Skandalgeschichte von und mit Thomas Mann
Lothar Müller Die schwarzen Augen des René Maria von Trotha. Eine Nachprüfung mit Dr. Wegge
Manfred Dierks Zu kurze Nerven."Buddenbrooks" als Neurasthenie-Roman
Werner Frizen Nimm und Lies. Verwegenes im Schicklichen
Bernd Hamacher Buddenbrooks. Roman der Kultur und Apotheose der Lektüre
Leo Domzalski Hanno aus dem Lexikon. Eine kleine philologische Betrachtung
Dorothea Dieckmann Eine schrecklich nette Familie. Vorschlag für eine TV-Vorabendserie
Bernd Ulrich In spaßiger Hoffnungslosigkeit. Thomas Mann und das Bundesrepublikanische Bürgertum
FORUM
Glenn W. Most Nach dem Erhabenen. Stationen in der Laufbahn eines Gefühls
Bruno Preisendörfer Tapfer sein auf einem Bein. Erzählung
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Axel Honnneth Rassismus als Wahrnehmungsdeformation. Über Unsinnigkeiten der Toleranzforderung
Sebastian Kiefer Zwischen Mythos und "Mache". Notizen zum Handwerk Paul Celans
Joachim Seng Damit der Schrei der Opfer nicht verstummt. Paul Celan und der Dokumentarfilm "Nacht und Nebel"
Wolfgang Matz Repräsentative Fopperei. André Gide nach fünfzig Jahren
Wolfgang Ullrich Historische Zeitschriftenschau (7):Playboy 6/1980

Editoral

Im Oktober 1901 erschien der erste Roman eines noch sehr jungen Schriftstellers beim S. Fischer Verlag in Berlin. Vier Jahre zuvor hatte derselbe Autor auf gut Glück eine Novelle an den Verlag gesandt, die im Lektorat mehr als positiv aufgenommen wurde. Sie war dort buchstäblich eingeschlagen. Schnell wurde ein Vertrag geschlossen, so dass die eingereichte Erzählung noch 1897 unter dem Titel "Der kleine Herr Friedemann" im Maiheft der "Neuen Deutschen Rundschau" veröffentlicht werden konnte. Weitere Novellen des unerhört fleißigen Mannes kamen in rascher Folge heraus, kommerziell nicht unbedingt erfolgreich, aber Samuel Fischer hatte in Wahrheit ja auf ein "größeres Prosawerk" gesetzt. Den Eingang des lange erwarteten Manuskripts, ein schweres Wertpacket, das in den damaligen Verlagsräumen an der Berliner Bülowstraße eintraf, bestätigte schließlich eine Postkarte, die das Datum vom 15. August 1900 trug. Vierzehn Monate später wurde das Buch wegen seines außergewöhnlichen Umfanges in zwei Bänden, die geheftet zwölf und gebunden vierzehn Mark kosteten, ausgeliefert. Immerhin handelte es sich um 1100 Seiten. Die Startauflage lag bei eher bescheidenen 1000 Exemplaren, die in den ersten zwölf Monaten abgesetzt werden konnten. Die zweite Auflage des unter dem Arbeitstitel "Abwärts" 1897 in Angriff genommenen Manuskripts - der Autor hatte sich zusammen mit seinem Bruder in ein kleines Dorf unweit von Rom zurückgezogen - wurde Anfang 1903 ausgeliefert. Dieses Mal in einem einzigen Band, auf Dünndruckpapier aus dem Stehsatz gedruckt. Der Preis für die broschierte Ausgabe belief sich auf fünf Mark, wer das gebundene Exemplar wollte, musste eine Mark mehr berappen. Die 2000 Exemplare dieser Auflage waren schneller abverkauft, Nachauflagen wurden zügig beschlossen, weshalb mit Ende des Jahres bereits 10.000 Exemplare im Handel waren. Allerdings fand das hunderttausendste Exemplar seinen Leser erst 1918, siebzehn Jahre nach der Erstauflage und bei eher bescheidenen Jahresabsätzen, immerhin hatte vier Jahre lang ein Weltkrieg getobt, von durchschnittlich 6.000 Büchern. Auf den endgültigen Durchbruch mussten Autor wie Verlag weitere elf Jahre warten. Nach komplizierten Verhandlungen gab Samuel Fischer dem drängenden Wunsch des Autors nach und lieferte 150.000 Exemplare des Romans am 7. November 1929 als Sonderausgabe aus - der Preis: 2.85 Mark. Bis zum Jahresende waren dank hektischer Nachdrucke 700.000 Exemplare abgesetzt, denn fünf Tage nach der Erstauslieferung, am 12. November 1929, gab das Komitee in Oslo bekannt, Thomas Mann erhalte für die Buddenbrooks den Literaturnobelpreis. "Ohne viel Hoffnung, ohne viel Verzweiflung" hatte Thomas Mann das erste und einzig vorhandene Manuskript des Romans "auf liniertem Geschäftspapier, doppelseitig geschrieben" an den Verleger geschickt. Und nicht ohne gehörige Skepsis hatten sich beide gefragt, ob dicke Wälzer in einer Zeit der "Nervosität, der Ungeduld, des Kurzen, der keckkünstlerischen Skiz-ze" überhaupt eine Chance haben. Doch traf Thomas Manns Seelengeschichte des Bürgertums offenbar nicht nur den Nerv seiner Zeit, sondern einer ganzen Epoche. So haben wir hundert Jahre nach dem Erscheinen seines Erstlings und zu Beginn eines neuen Jahrhunderts allen Grund, diesen Roman über den Verfall einer Familie wiederzulesen. Unbestritten ist der Roman das Genre der Moderne und hat als solches den Mythos wie die Epopöe historisch abgelöst. Seine Gattungsgesetze sind theoretisch vielfach diskutiert und im Intervall von Goethes Wilhelm Meister bis zu Jocyes Ulysees auch in literarischer Praxis reflektiert worden. Trotz solcher Dekonstruktionen steht das "epische und", in dem Robert Musil das Elementarteilchen allen Erzählens erkannt hat, nach wie vor in hohem Kurs. Die alte Streitfrage, was Mythen seien, ist demgegenüber noch offen. Allerdings lässt sich gefahrlos behaupten, dass sie im Gegensatz zum Roman von dem erzählen, was wir schon wissen. Dennoch kann selbst ein Roman, wenn er zum literarischen Kanon zählt, also wiedergelesen werden will, mythische Qualitäten annehmen. Für eine Leserin, die ihn zum zweiten Mal zur Hand nimmt, spricht er nämlich von Bekanntem, von Dingen und Begebenheiten, die keinesfalls neu sind. Dann taucht im uferlosen Meer des Unvertrauten, der Nachrichten, die wir noch nicht zur Kenntnis genommen haben, eine Insel der Vertrautheit auf. Dorthin lockt jene Lust am Text, die Gelesenes - den Gepflogenheiten der Moderne zum Trotz - noch einmal liest. Sie zielt auf das Rendezvous mit bekanntem Personal, mit schon betretenen Schauplätzen, mit Konflikten, die uns bereits in ihren Bann geschlagen hatten. Auch wir deren Verlauf jetzt vorhersehen können, ist das kein Manko wiederholter Lektüre. Vertrautheiten solchen Typs sensibilisieren nämlich für die konzentriertere Wahrnehmung von Abweichungen, von nonkonformen Details, die sich ohne Eile und ohne die nagende Ungewißheit über den Ausgang des Ganzen dem zweiten Lesen besser einprägen. Nicht Spannung, die Kapitel für Kapitel auf- und wieder abgebaut würde, ist dann gefragt, sondern schrittweises Einverständnis. Wir erkennen die Geschichte im Nachvollzug ihrer Entfaltung wieder und genießen es, die Unterschiede, die sich im Kontrast zur ersten Lektüre einstellen, wahrzunehmen. Der wiedergelesene Text liefert interessante Gelegenheiten, unsere Teilnahme an literarischer Kommunikation als ein höchst subjektives Verhalten zu erfahren. So zweigen wir in der Romanlektüre gewissermaßen Nebeneffekte zur Ausprägung von Individualität ab. Formales Raffinement kann kontrollierter goutiert werden, Nebenfiguren bekommen ein stärkeres Profil, reflektierende Passagen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, nachdem die erste Lektüre sie schnell überblättert hatte. Dem vorbereiteten Auge geht womöglich auf, wie viel solides Handwerk für die Kunst des Schreibens vermag. Die romaneske Erzählung, darin ist sie für jeden, der ein Buch wieder liest, den spezifischen Leistungen des Mythos verwandt, übermittelt also keine neuen Informationen, sondern Solidarität. Solidarität zuerst mit den Protagonisten der Erzählung, deren Schicksal uns vertraut ist und jetzt besonders nahe geht, weil wir ihre Lebensgeschichten - anders als unsere eigene - zu jedem Zeitpunkt des Dramas überblicken. Sie sind Nächste, ja Allernächste geworden, weil wir ihr Glück oder ihr Unglück buchstäblich kommen sehen. Solidarität aber auch mit dem Kreis derer, die ihr bewußtes Leben � wie wir - im Umgang mit diesem Werk und seinen Bedeutungen führen. Selbstverständlich sind diese Leser weit verstreut durch die Zeiten und Räume der Rezeption, allerdings lassen sie sich im Prinzip und häufig ganz ohne Mühe auffinden. Das durch die Lektüre entstandene Gedächtnis, dessen Besitz sie sich teilen, ist ein überindividuelles Sinnarchiv, das schnell aktiviert werden kann. Eine flüchtige Anspielung, vielleicht aus einer Gesprächssituation geboren, reicht gewöhnlich aus, um dem Adressaten zu signalisieren, dass sein Gegenüber auch zum Clan gehört, zur Leserschaft der Buddenbrooks beispielsweise. "Werde glöcklich, mein liebes Kind..." Und binnen eines Augenblicks ist jene Vertrautheit geweckt, die mich mit Bestimmtheit wissen läßt, dass auch der oder die Andere weiß. Dem Rückblick erweist sich das kommunikative Risiko einer Anspielung als passender Eröffnungszug in einem kommunikativen Spiel, das nun fortgesetzt und mit größerer Gewißheit nach Regeln weiter gespielt werden kann, die gemeinsamen Wissen entstammen. Inbegriff dieser Begegnungsformen ist der literarische Salon gewesen. In solchen Situationen, das ist ihr Analogon zum Milieu des Mythos, geht es nicht um die Zukunft, die per definitionem unbekannt ist, sondern um Vergangenheit. Die gelungene, d.h. treffende Anspielung ruft ein Werk auf, das nun mit Blick auf gegenwärtige Ausdeutbarkeit erinnert wird. Und der Geist, Witz oder Sinn der Erinnerung bewährt sich an ihrer Kraft, Deutungen freizusetzen, die für den Augenblick des Gesprächs den Zauber der Evidenz haben. Es sind diese Sinnerlebnisse, die den virtuellen Reichtum literarischer Kultur aktualisieren und für deren Teilnehmer, Vertrautheit im Unvertrauten zu erzeugen. Sie erkennen sich an Nuancierungen und Modulationen der Rede, an Latenzen ihres sprachlichen Verhaltens, die allein ihnen signifikant sind. In der Binnenperspektive solcher Verständigungsverhältnisse bezeichnet die Zukunft eine bedrohliche, ja zerstörerische Macht, der sowohl die situativen Evidenzen wie die ihnen zu verdankende Solidarität zum Opfer fallen könnte. Der Abwehr solcher Besorgnisse dient und diente, was seit dem 19. Jahrhundert "Bildung" heißt. Und kein Zweifel kann daran bestehen, dass Formen religiöser Kommunikation deren sozial wirksamste Vorläufer gewesen sind. Echos dieser, zumeist verdeckten Kontinuität klingen noch im Begriff der Kunstreligion an. Daran ist zu erinnern, um ein naheliegendes Mißverständnis auszuräumen, das in der Themenstellung dieses Heftes lauert. Keinem der Beiträge, die hier versammelt sind, ist an der kultischen Aufladung von Thomas Manns Roman gelegen. Und doch ist jede Wiederlektüre, ob sie nun kritisch oder apologetisch verfährt, re-ligio im Wortsinne. Diesem Formgesetz entkommt das wirkungsgeschichtliche Bewußtsein nicht. Mit dieser Einsicht ist nach allem Gesagten über die Zukunft der Buddenbrooks nicht entschieden, denn ein Kanon � man mag es bedauern - ist kein Gegenstand gut gemeinter Imperative. Martin Bauer
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