Neue Rundschau 4/2001 Zur Übersicht

 

Inhalt

RADIOPHONIE
Ulrich Raulff Ich höre Radio. Eine Liebeserklärung
Wolfgang Hagen "Was mit Marconi begann ...". Radio und Psychoanalyse
Burkhard Spinnen Auf der Luft. Sehr persönliche Anmerkungen zum Radio
Thomas Hauschild Nachrichten aus dem Jenseits. Radiophonie und Anthropologie
Lorenz Engell Radio als Welt. Über das Vernehmen
Bernd Siegert Ein höheres Walten des Wortes. Sportreportagen im deutschen Radio 1923-1933
Oliver Thomas Domzalski Ballett im Radio. Ein Lob der Konferenzschaltung
René Aguigah Die Phantasie der Schallarchive. Über das Radio von Walter Filz
Kathrin Röggla der akustische fichte
Dirk Asendorpf Die Technik ist da, der Inhalt fehlt. Die Zukunftswerkstatt des Radios
FORUM
Manfred Bauschulte Die Gräser und Körper laden zum "Frühstück im Freien". Ein Porträt des Dichters Franco Fortini
Franco Fortini Die Vernunft der Gräser. Gedichte
Stefanie Golisch Das kurze Leben der Antonia Pozzi
Antonia Pozzi An der Schwelle zum Herbst. Gedichte
Heinrich Detering Drei Gedichte
Ales Steger Da geschah es. Gedichte
Sebastian Kiefer Zwischen Mythos und "Mache". Notizen zum Handwerk Paul Celans
Wolfgang Matz Jenseits der Geschichte. Der Roman der französischen Provinz
Wolfgang Ullrich Historische Zeitschriftenschau (8) - Gong 3/1975

Editoral

Der wahre Kontinent des Radios ist gegenwärtig Afrika. Dort nimmt das Interesse am Medium der Stimme und des Klanges sprunghaft zu, wobei - um nur einige Beispiele anzuführen - Angola, Burundi, Eritrea, Gabun, Gambia und Ghana zu einer Gruppe vergleichsweise junger Staaten zählen, in der sich die Zahl der Radiobesitzer seit 1995 mehr als verdoppelt hat. Sicherlich liefern stattliche Entwicklungssprünge wie diese keinen Beweis dafür, dass sich radiophone Öffentlichkeiten, mithin zivilgesellschaftliche Institutionen sozialer Aufklärung, auf der südlichen Halbkugel in beschleunigter Geschwindigkeit herausbilden. Eher handelt es sich wohl um ein Indiz für konsolidierte Staatsfinanzen, für einen sich langsam mehrenden Wohlstand, der auch den privaten Medienkonsum beflügelt. So wird es niemanden überraschen, wenn sich derart exorbitante Zuwächse in unseren, saturierten Breitengraden nicht verzeichnen lassen. Trotz der Szenarien, die im digitalisierten Radio der Zukunft, das Wort, Bild und Musik verbinden soll, ein "Vollinformationsmedium" anpreisen, kommen auf hundert Einwohner Kontinentaleuropas nach wie vor nur zwischen fünfzig und hundert Radios. Allein in Großbritannien und Dänemark erfreut sich das Radio einer ähnlich dichten Verbreitung wie etwa in Australien, Kanada, den Vereinigten Staaten und - last but not least - Finnland, allesamt Länder, für die penible Medienstatistiker berechnet haben, dass jedem ihrer Einwohner mehr als nur ein Radio gehört. Nun verrät der Besitz eines Radiogerätes freilich noch nichts über dessen faktische Nutzung. Und da mag denn doch verblüffen, dass die Bundesbürger im statistischen Mittel 206 Minuten pro Tag Radio hören, was bedeutet, dass sie ihm immerhin zehn tägliche Minuten mehr als dem Fernsehen widmen. Insofern ist die verbreitete Ansicht, das Radio führe ein eher kümmerliches Schattendasein im Zeitalter von Fernsehen und Internet jedenfalls nicht die ganze Wahrheit. Vielmehr darf es mit treuen Zuhörerschaften rechnen, die in diesem Heft sowohl mit mediengeschichtlichen Analysen, wie mit veritablen Liebeserklärungen an ein vermeintlich antiquiertes Medium zu Wort kommen. Wer wollte angesichts solcher Auskünfte noch kategorisch ausschließen, dass es zu den Paradoxien des medialen Überflusses gehören könnte, wenn ein ganz dem Ohr verschriebenes Medium aus dem evolutionären Nachteil, stets nur einen unserer Sinne anzusprechen, in the long run seinen Nutzen ziehen wird? Tatsächlich wissen wir ja spätestens seit Marshall McLuhan, dass neue Medien die alten gewöhnlich nicht ersetzen. Vielmehr lehrt die Zivilisationsgeschichte, dass sich nach der Einführung neuer Medien häufig unerwartete Koexistenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft eingespielt haben. Die Geburt des Fernsehens hat jedenfalls weder das Buch noch das Kino verdrängt, und heute ist schon absehbar, dass sich das Radio selbst außerhalb digitaler Netzwerke dank neuer Programmformen auch neue Hörer erschließen kann. Davon profitiert nicht zuletzt eine der Stimme und Akustik so eng verwandte Ausdrucksform wie die Literatur. Vielleicht beginnt in Afrika ja doch die Zukunft? Martin Bauer
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