Neue Rundschau 1/2002 Zur Übersicht

 

Inhalt

VON GLÜCKSVÖGELN UND PECHPILZEN
Joachim Kalka Ach, wenn es keinen Ausweg gäbe! Europa und das Kismet
Friederike Hausmann Der Nachtträumer. Fortuna in Leben und Werk Niccolò Machiavellis
Heinz Dieter Kittsteiner Leere Blätter. Über das Glück in und außer der Geschichte
Charles Lamore Der Begriff des Lebensplans
Andreas Kuhlmann Die Vergesellschaftung des Schicksals. Behinderung, Krankheit und soziales Arrangement
Christian Bommarius Kettelhohn. Ein Geständnis
Keto von Waberer Fortuna, die Schlampe. Eine Nahaufnahme
WERKSGESPRÄCH
Die Vergänglichkeit macht uns Beine. Peter Rühmkorf im Gespräch mit Sandra Kerschbaumer über Kunstautonomie, Amerikanismus und den Kanon
FORUM
J.M.Coetzee Ein Haus in Spanien
David Heyd Ressentiment und Versöhnung. Zwei Antworten auf das Böse in der Geschichte
Hans-Martin Gauger Souveränität, Anmut, Helle. Der Prolog zu Miguel de Cervantes Saavedra Der erfindungsreiche Edelmann Don Quijote von der Mancha
El Ingenioso Hidalgo Don Quijote de la Mancha compuesto por Miguel de Cervantes Saavedra
Rüdiger Görner Wie ich Grün spalte. Drei Gedichte
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Judith Hermann Das Paradox des Genießers. Rede zur Verleihung des Kleist-Preises
Norbert Niemann Strategien der Aufmerksamkeit. Eine Umkreisung
Thomas Sparr Kürze. Zu einem Motiv bei Peter Szondi
Peter Geist Mit den Toten nach Hause. Eine Rück-Sicht auf Thomas Brasch
Burkard Müller Die Farben der Wörter

Editoral

Die Tränen der Welt sind unvergänglich. Für jeden, der anfängt zu weinen, hört irgendwo ein anderer auf. Genauso ist es mit dem Lachen. Sagen wir also nichts Schlechtes von unserer Epoche. Sie ist nicht unglücklicher als die vergangene. Samuel Beckett Dass man das Glück der Menschen nicht messen kann, ist eine alte Erkenntnis und ein schlagender Einwand gegen den Utilitarismus. Der meinte allen, die moralische Orientierung suchen, empfehlen zu können, das eigene Handeln an den Konsequenzen auszurichten, die es für die Mehrung des Glücks der Meisten habe. Was aber, wenn sich Glück und Unglück - wie es Pozzo in Warten auf Godot behauptet - in einem Nullsummenspiel die Waage halten? Was, wenn die Tränen dieser Welt nicht bloß unvergänglich sind, was die deutsche Übersetzung behauptet, sondern eine "constant quantity" bilden, wie es im englischen Original dieses Klassikers absurden Theaters heißt? Um den moralischen Fortschritt der Menschheit wäre es dann schlecht bestellt, die Utilitaristen sähen sich völlig blamiert und die "Misologen" behielten das letzte Wort. Auf diesen Namen taufte ein Königsberger Philosoph jene Enttäuschten, die sich im anfänglichen Vertrauen auf die Vernunft daran gemacht hatten, ihr Glück zu suchen - und sich am Ende schlecht beraten fanden. Ihnen hatte das Leben ein Schnippchen geschlagen, wofür sie in einer merkwürdigen Ersetzung die Vernunft mit ihrer Verachtung belegten, womöglich, weil das Leben selbst so leicht nicht zu bestrafen ist. Offensichtlich kann uns die Vernunft zwar zu einem tugendhaften Leben animieren, aber ein Garant dafür, dass sich Tugend und Glück schließlich versöhnt in die Arme fallen, ist sie keineswegs. Anders als es Schillers Utopie wollte, sind Anmut und Würde keine natürlichen Geschwister. Vielmehr scheint gerade der Vernunftgebrauch mit zwingender Evidenz zu bezeugen, dass die Göttin Fortuna ungemein launisch ist. Sie dokumentiert - wie so manche Macht dieser Welt - ihre uneingeschränkte Souveränität gerade in den Willkürakten, mit denen sie die Gaben aus ihrem Füllhorn ungerecht auf die Geschlechter der Welt verteilt. Kein Kalkül holt ihre Lotterien ein, kein Altar, ihr zu Ehren errichtet, vermöchte sie zu besänftigen. Die Vernunft kommt dem Glück wie seinen Widergängern, dem Unglück, das uns heimsucht, und dem Pech, das uns widerfährt, nicht bei. Allerdings liegt im Eingeständnis solcher Ohnmacht doch auch ein Trost. Wir begreifen, dass die Moral für das menschliche Streben nach Glück, für den "pursuit of happiness", der jenseits des Atlantiks ja sogar Verfassungsrang hat, nicht eingespannt werden kann. Ihr müssen wir uns um ihrer selbst verschreiben. Und kraft dieser Einsicht kommt selbst Pozzos, wenn nicht Becketts Skepsis zu Fall. Auch das pessimistische Credo, Glück und Unglück seien eine weltgeschichtlich konstante Größe, unterstellt, die Tränen der Welt, seien sie nun aus Leid oder Beglückung vergossen, seien zählbar. Doch sind sie faktisch ja ungezählt und auch unzählbar, weshalb Jakob Burckhardt das Wort "Glück" ganz aus dem Vokabular des Historikers streichen möchte. So mag sich die kühne Beobachtung eines begnadeten Mathematikers empfehlen, wonach das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, dem, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Nachzulesen in den Pensées von Blaise Pascal, der vielleicht hätte anmerken müssen, dass in diesem Zimmer eine gut sortierte Bibliothek nicht fehlen sollte. Martin Bauer PS: Der Preis der Neuen Rundschau hat sich seit acht Jahren nicht verändert. Eine Anpassung an die inzwischen veränderte Kostenstruktur war überfällig. Deshalb kostet das Einzelheft der Zeitschrift jetzt 9 Euro, ein Abonnment 34 Euro. Im europäischen Ausland ist die Neue Rundschau für 38 Euro jährlich beziehbar, in Übersee für 45 Euro.
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