Neue Rundschau 2/2002 Zur Übersicht

 

Inhalt

ENTSCHEIDE DICH!
Roger Willemsen Auf Wiedersehen wo anders. Zur Ideengeschichte des Selbstmords in Zeiten seiner Ökonomisierung
Christian Esch Von der Freiheit eines Wirtschaftsmenschen
Claus Pias Was uns entscheidet. Krieg und Spiele
Wolfgang Schäffner Die Entscheidung des Souveräns. Bürger wählen - Maschinen entscheiden
Gisela Schlüter Spontan, kapriziös und böse. Hedonisten der Entscheidung
Valentin Groebner Diese Zumutung kommt von Herzen. Geschenkegeschichten
FORUM
Dirk von Petersdorff Bielefelder Stoa. Zu einigen Motiven bei Niklas Luhmann
Walter Kargl Strafrecht als Probehandeln. Eine Bestandsaufnahme
Arno Geiger Schöne Freunde. Vier Kurzerzählungen
Jeffrey Eugenides Ein post-postmoderner Schriftsteller. Jonathan Franzen zur Einführung
Jonathan Franzen Die Korrekturen
Robert Hass All dies Leben lebt weiter. Gedichte
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Jürgen Busche Der Diplomat in Heidelberg. Zum Tode Hans Georg Gadamers
Wolfgang Matz 200 Jahre Victor Hugo
Arturo Larcati Momentaufnahmen eines verschollenen Gesprächs. Ingeborg Bachmann und Luigi Nono
Reinhard Mehring Der »Gross-Verwerter«. Carl Schmitts Geburtstagsmappe für Thomas Mann
Wolfram Schütte Schreiben Sie das auf, Pokriefke! Der Schriftsteller als Lohnschreiber
Burkhard Müller Die Farben der Wörter. Zweite Lieferung

Editoral

»Der Augenblick der Entscheidung ist ein Wahnsinn.« Sören Kierkegaard Läge die Zukunft wie ein geöffnetes Buch vor uns, dessen Schrift wir zu lesen verstünden, wäre uns alle Last des Entscheidens von den Schultern genommen. Die bedrängenden Fragen, was nun zu tun oder zu unterlassen sei, würden sich nicht mehr stellen. Alles wäre schon gebahnt, der Weg unserer Existenz bis zu ihrem Ende vorgezeigt, ja selbst das Datum unseres Todes bereits festgesetzt. Die Wirklichkeit begegnete uns als ein objektives Ganzes, als ein womöglich kompliziertes, allerdings geordnetes Gefüge, dessen Muster und Gesetz uns im Prinzip bekannt wären. Wir lebten als durch ein Skript programmierte Wesen, die aus dem, was ihnen widerfährt und widerfahren ist, ihre zukünftigen Zustände gewissermaßen errechnen könnten. Jede Unsicherheit, alles Zögern und Zaudern wäre durch eine universale Mathematik beseitigt, die das Handeln orientierte und an die Stelle dessen träte, was im Alltag »Schicksal« heisst. Fast wären wir Maschinen, die nichts zu entscheiden brauchen, weil sich in ihnen jede Operation dank starrer Verknüpfungsregeln an die nächste reiht. Wir würfen jenen Blick auf uns, über den der theologischen Überzeugung zufolge ein allwissender und allmächtiger Gott verfügt, der die Welt mitsamt ihren Bewohnern erschuf. Von derartigen Apparaturen, die bei Lichte besehen weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft haben, da ihre Zeit immer nur die Aktualität der eigenen Berechnungen ist, unterscheiden wir uns - zu einer Freiheit verurteilt, die nach diesem Bild vor allem die Freiheit unseres Nicht-Wissens ist. So jedenfalls hat es Ludwig Wittgenstein gesehen, der eine Zeit lang glaubte, dass wir uns Wahlfreiheiten deshalb zuschreiben, weil die Faktoren, die unser Verhalten tatsächlich steuern, (noch) unbekannt sind. Damit löste sich das Mysterium der Entscheidung für Wittgenstein in dem Versprechen einer Analyse auf, die kraft umfassender Erklärung des menschlichen Verhaltens würde dartun können, dass unsere Entscheidungen in Wahrheit Selbstmißverständnisse gewesen sind. Derartigen Verkennungen sitzen Lebewesen auf, weil und insofern sie für sich selbst intransparent sind. Sobald aber die volle Selbstdurchsichtigkeit, wie sie ein solcher Traum imaginiert, hergestellt wäre, müssten wir begreifen, dass wir gewisse Ereignisse in unserem Verhalten nur zu Entscheidungen stilisiert haben, obwohl sie ihrer Natur nach gleichgültige Elemente eines durchgängig determinierten Verhaltenskontinuums gewesen sind. Man braucht Wittgensteins Metaphysik nicht unterschreiben, um einzusehen, worauf sie grundsätzlich aufmerksam macht: soll es Entscheidungen in einem emphatischen Sinne geben und sollen sie etwas anderes als die Irrtümer einer Gattung sein, die sich gründlich über ihre eigene Verfassung täuscht, muss die Welt Sachverhalte zulassen, die weder unmöglich noch notwendig sind. Denn das etwas entscheidbar ist, setzt ja voraus, dass wir überhaupt die Wahl haben, also in einer Umgebung von Möglichkeiten situiert sind, die sich nicht mit Notwendigkeit realisieren. Allein dort, wo etwas auch anders sein könnte, lassen sich Entscheidungen treffen. Die Zumutung, die im Umgang mit solcher Kontingenz liegt, hat Kierkegaard noch im 19. Jahrhundert auf den pathetischen Begriff des Wahnsinns gebracht. Auch wenn von ihm in diesem Heft nicht die Rede sein wird, bleibt uns die Thematik auch im 21. Jahrhundert erhalten. Wie nie zuvor fühlen wir uns für die Zukunft verantwortlich, ohne doch ausmachen zu können, welche Gestalt sie annehmen wird. Martin Bauer
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