Neue Rundschau 3/2002 Zur Übersicht

 

Inhalt

ÜBER DEN SCHLAF
László F. Földényi Das nächtliche Wunder. Über den Schlaf
Joachim Kalka Der Halbschlaf. Poetik einer ungewissen Zone
Manfred Koch/Angelika Overath An alle Heiligen der Schlaflosigkeit!
Dorothea Dieckmann Nachtschatten und Mitternachtssonne. Geraubter Schlaf bei Cechov
Andreas Cremonini Schlaf - Tod - Geschlecht. Überlegungen zu einer ›Antwort‹ von Jacques Lacan
Jochen Schimmang Aus der Müdigkeit kommend. Notizen zum Wettlauf mit der Schwarzen Königin
WERKGESPRÄCH
Als wäre ich ein Schriftsteller. Wolfgang Hilbig im Gespräch mit Marie-Luise Bott
FORUM
Sibylle Lewitscharoff Schmerzensmänner. Vom Leiden in der Literatur
Sebastian Kiefer Vom Schauen erfüllt. Michael Hamburgers Poetik zwischen Sprachmagie und Sprachskepsis
Volker Demuth Die Form des Gedichts
Franz Josef CzerninReligion und Poesie. Zur christlichen Dichtung Christine Lavants
Ulrike Draesner Wo wir schlafen. Fünf Gedichte
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Wolfgang Matz Hofmannsthals Gegenwart
Manfred Bauschulte Stark wie der Tod ist Liebe. Die Briefe von Franz Rosenzweig an Margit Rosenstock-Huessy
Reinhard Mehring Ein "Stück verwirklichter Utopie". Zum Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Theodor W. Adorno
Eske Bockelmann Die kesse Wehr. James Joyce, übersetzt
Burkhard Müller Die Farben der Wörter. Dritte Lieferung

Editoral

»Der Mensch, würde er von Zeit zu Zeit nicht souverän die Augen schließen, er sähe zu guter Letzt nicht mehr, was angeblickt zu werden verdient.« René Char, Hypnos Wer in diesen Tagen abends durch die Mitte Berlins spaziert und seinen Schritt schließlich in die Rosa-Luxemburg-Straße lenkt, findet an deren Ende die dort beheimatete Volksbühne verwaist. Theaterferien! So zeigt sich der Platz vor dem bulligen Theaterbau menschenleer, nur oben am gestutzten Dach prangt ein hell beleuchtetes Plakat, wo in überdimensionierten weißen Lettern auf rotem Grund die knappe, wiewohl verwirrende Mitteilung zu lesen ist: Wir schlafen! Dass der Traum der Hüter des Schlafes sei, hatte Sigmund Freuds Traumdeutung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erkannt. Offenbar schützt er ihn vor dem Lärm der Wirklichkeit, schirmt das innerpsychische Areal einer Kreativität ab, die zwar an die Bewußtseinsreste des Tages anknüpft, das Tageslicht selbst aber scheut. In eben dieser Funktion nahm auch die ästhetische Moderne der ersten Dekaden des neuen Jahrhunderts die Träume für sich in Anspruch. Sie zirkelten eine Welt ab, die an der Grenze von Körper und Seele, Leben und passagerem Tod angesiedelt war und deren Erfahrung eine in den Tiefen der Nacht verhüllte überwirklichkeit sichtbar werden ließ. Aus dem Umkreis der Pariser Surrealisten stammt die viel zitierte Anekdote vom Dichter, der sich hinter einer Tür schlafen gelegt hatte, die den Vorbeikommenden schriftlich mitteilte: "Le poète travaille." Wenn dieser Poet in der Obhut des Schlafes also tatsächlich seiner eigentlichen, nämlich imaginativen und sprachschöpferischen Arbeit nachging, muss das irritierende Plakat über dem Portal der Volksbühne anders gedeutet werden. Dann kündet es von einem doppelten Paradox - davon, dass sich die Mitglieder des Theaterensembles in Verkehrung der biologischen Rhythmen bereits im Sommer zu einem kollektiven Winterschlaf zurückgezogen haben, und davon, dass dieser die schöpferischen Energien revitalisierende Schlaf ein Intervall füllt, das nur Unkundige für die Ferienzeit halten können. In Wahrheit ist es der gemeinsamen Arbeit gewidmet, jener Arbeit nämlich, die René Char meinte, wenn er den souveränen Akt beschreibt, der unsere Aufmerksamkeit willentlich unterbricht, um die Wahrnehmung anschauenswerter Wirklichkeiten neuerlich zu ermöglichen. Nach dieser Beschreibung ist der Traum also nicht nur ein Hüter des Schlafes, sondern der Schlaf umgekehrt auch der Hüter unseres Wachbewusstseins. Ohne ihn, ohne die vorübergehende Unterbrechung unserer ständig flottierenden Aufmerksamkeiten, könnten wir nicht allmorgendlich zu der Konzentration erwachen, die uns der Umgang mit den Wirklichkeiten des Tages abverlangt. Daraus folgt aber, dass offenbar nicht nur der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert, wie es die europäische Aufklärung in den eindringlichen Bildfolgen Goyas beschworen hatte. Nein, auch die zur unausgesetzten Wachheit animierte, ja aufgeputschte Vernunft würde die Realität verkennen. Das Begehren zu schlafen wäre also gründlich missverstanden, würde es nur als ein Fluchtversuch diskreditiert. Martin Bauer
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