Neue Rundschau 4/2002 Zur Übersicht

 

Inhalt

TIEFE OBERFLÄCHEN
Harry Walter Die Radikalisierung der Oberfläche
Wolfgang Ullrich »Farben sind oberflächlich«. Vom Verschwinden eines Vorurteils
Matthias Kroß Über den weiten Rücken des Sprachmeers hin. Wittgensteins Neuvermessung der Philosophie
Wolfram Pichler/Ralph Ubl Enden und Falten. Geschichte der Malerei als Oberfläche
Marco Dorati Umstülpung
Thomas P. Weber Beschriebene Oberflächen. Vom Eigenleben einer Metapher in der biologischen Anthropologie
Boris Groys Die Topologie der Aura. Über Original, Kopie und einen berühmten Begriff Walter Benjamins
Stefan Heidenreich Verfolgte Objekte. Vom Erscheinen des Gesichts an der Datenoberfläche
GRÜNE EWIGKEIT
Wolfgang Hilbig Die Flaschen im Keller. Der Schlaf der Gerechten
Alberto Manguel Chez Borges
Raoul Schrott Persone & Personaggi
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Wolfgang Matz Wege und Umwege. Friedhelm Kemp und das europäische Sonett
Martin Seel Ästhetik und Hermeneutik. Gegen eine voreilige Verabschiedung
Burkhard Müller Die Farben der Wörter. Vierte Lieferung

Editoral

»...um in einem Buch oder einer Plauderei, was keinen großen Unterschied macht, den vollendeten Eindruck von Oberflächlichkeit zu erzeugen, bedarf es einer Dosis von Ernst, zu dem eine ausschließlich oberflächliche Person unfähig wäre.« Marcel Proust Prousts Bemerkung verlangt geradezu danach, durch eine Beobachtung über die Anmutung von Tiefe ergänzt zu werden. Eine ganz symmetrische Variante sieht so aus: Den vollendeten Eindruck von Tiefe zu erzeugen, bedarf es einer Dosis von Oberflächlichkeit, zu dem eine ausschließlich tiefe Person unfähig wäre. Etwas knapper: Tiefe ist ein Effekt der Oberfläche. Wird sie dagegen jenseits der Oberfläche gesucht, ist Oberflächlichkeit die Folge. Auf den ersten Blick scheinen Tiefe und Oberfläche tatsächlich in einem symmetrischen Verhältnis zu stehen. Keine Tiefe ohne Oberfläche; aber doch auch keine Oberfläche ohne ein Darunter oder Dahinter, also zumindest eine minimale Tiefe, die begrenzt oder verneint wird. Aber der Eindruck täuscht: Wenn auch einsichtig ist, dass Tiefe ein Oberflächenphänomen ist, so verdankt sich doch die Wirkung der Oberfläche keineswegs dahinter liegenden Tiefen. Das läuft auf einen klaren Vorrang der Oberfläche hinaus. Selbst wenn das Adjektiv »oberflächlich« selten lobend verwendet wird. Es meint ja in der Regel schlicht, dass die kritisierte Oberfläche uninteressant sei. Hingegen soll die Feststellung von Tiefe zwar manchmal Wertschätzung zum Ausdruck bringen, aber entweder ist sie ein berechtigtes hartes Urteil oder aber der Gegenstand solch fatalen Lobs ist vor eben diesem in Schutz zu nehmen. Zur Bestätigung noch einmal Proust, einige Bände der Recherche später: »Man zog einem Bergotte, dessen gefälligste Sätze in Wahrheit eine viel tiefere Einkehr erfordert hatten, Schriftsteller vor, die tiefer schienen einfach deshalb, weil sie nicht so gut schrieben.« Mit anderen Worten: Interessante Oberflächen sind tief, während konstatierte Tiefen allenfalls als rhetorische Verlegenheiten gelten dürfen. Als verborgenes oder enthülltes Dahinter ziehen sie die verschiedensten Formen allergischer Reaktionen auf sich. Die ideologiekritische Variante findet man etwa in bündiger Form bei Otto Neurath, Programmatiker des Wiener Kreises: »Es gibt keine Tiefe für den Physikalismus, alles ist ›Oberfläche‹. Die wissenschaftliche Weltauffassung macht vor nichts halt...« Wittgenstein graute es bekanntlich vor solch politischer Inanspruchnahme des Philosophierens, aber seine Kritik an verborgenen Räumen, an einem Dahinter, das die bloße Oberfläche erst intelligibel machen soll, fiel deshalb nur umso grundsätzlicher aus. »Denn, was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht.« Hinzuzusetzen bleibt nur, dass solch Bekenntnis zur Oberfläche für Wittgenstein der einzige Weg war, die Tiefe philosophischer Probleme angemessen zum Ausdruck zu bringen. Überlegungen, seine Philosophischen Untersuchungen mit Bemerkungen über Metaphysik als eine Art von Magie zu beginnen, fügte er hinzu: »Von der Magie müßte die Tiefe beibehalten werden.« Kein Wunder also, dass im Schwerpunkt dieses Hefts Wittgenstein eine prominente Rolle zufällt. Obwohl es, wie die anderen Beiträge zeigen, die Philosophie gar nicht unbedingt braucht, um beim Thema Oberfläche schnell Grundsätzliches zu berühren. Der Parcours führt von den Bildern der altehrwürdigen wie der rezenten Kunstgeschichte zur Metaphorik in der Biologie, vom Datenraum hinter den Bildschirmbildern zur Frage, warum an bestimmten Stellen der Medienoberflächen auratische Tiefen entstehen. Was dabei alles berührt wird, lässt sich so ohne weiteres nicht resümieren. In einem hatte Neurath ja gewiss recht: »Überall ist Oberfläche.« Helmut Mayer
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