Neue Rundschau 1/2003 Zur Übersicht

 

Inhalt

NATÜRLICHE VERHÄLTNISSE
Michael Hampe Natur, die wir sind Über einige Spielarten des Naturalismus
Michael Schefczyk Ordnung, die sich bildet Versionen der Naturalisierung in der Ökonomie
Michael Pauen Entzauberungen, die uns erwarten Über Konsequenzen neurowissenschaftlicher Forschung für unser Menschenbild
Holm Tetens Farben, die sich zeigen. Vom Verschwinden einer Erklärungslücke bei näherer Betrachtung
Klaus Günther Grund, der sich begründet. oder Was es heißt, eine Person zu sein
NACH DER NATUR
John Berger Der Passeur
Martine Bellen Zehn griechische Gedichte. Für Guy Davenport
J. Bernlef Eine halbe Geschichte
Christopher Hitchen Die Deutschen und der Krieg W.G. Sebald schrieb über die Qual, zu einem Volk zu gehören, das, in Thomas Manns Worten, »sich nicht sehen lassen kann«
J.M. Coetzee Erbe einer düsteren Geschichte Zu W.G. Sebalds ›Nach der Natur‹
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Thomas Macho Shining oder: Die weiße Seite
Tobias Lehmkuhl Doch ein Mausoleum Zur Neuauflage von Hans Magnus Enzensbergers »Museum der modernen Poesie«
Sebastian Kiefer Der Naturmagier als sozialistischer Funktionär Zum 100. Geburtstag von Peter Huchel
Wolfgang Matz Das zweite Handwerk Ein Seitenblick auf den Dichter Philippe Jaccottet
Josef H. Reichholf Stets am Ursprung angelangt Über Stephen Jay Gould (1941-2002)

Editoral

»La couleuvre qui s'enroule autour d'une souris, ce n'est pas pour jouer. C'est - après l'ingestion qui suivra - pour répondre à la demande de son organisme en graisses, protides, sels minéraux assimilables, etc., etc. Sans doute, sans doute. Mais sûrement la réponse que se donne à elle-même la couleuvre est plus belle, plus émouvante, plus digne, plus excitante, plus cérémonielle, plus sacrée peut-être, et assurément plus ›couleuvre‹.« »Die Natter, die sich um die Maus ringelt, tut dies nicht, um zu spielen. Sie tut es, um - nach der folgenden Einverleibung - dem Verlangen ihres Organismus nach Fetten, Proteinen, Mineralsalzen etc. etc. zu entsprechen. Gewiss, gewiss. Aber sicher ist die Antwort, die sich die Natter selbst gibt, schöner, rührender, würdiger, aufregender, gravitätischer, vielleicht weihevoller, und ganz sicher mehr ›Natter‹.« Henri Michaux Michaux' kleines Stück über die Natter lädt natürlich zur Rückübertragung auf uns selbst ein. Schließlich sind wir es, die mit dem Doppelsinn dieses ›répondre‹ fortwährend zu tun haben, das sich sowohl als Reagieren auf ein natürliches Bedürfnis lesen lässt wie auch als uns selbst gegebene Begründung oder Beschreibung unseres Handelns. Herauszukommen ist aus dem Zwiespalt selbstverständlich nicht - es sei denn um den Preis einer Abtrennung von der Natur oder einer ebensowenig strikt durchzuhaltenden objektivierenden Beschreibung ›von außen‹, sei es aus der Perspektive der ersten sei es der dritten Person. Es kann gar nicht um die saubere Auflösung dieses Zwiespalts gehen, sondern bloß um Formen der richtigen Balance. Von jeher übrigens, denn schließlich war schon die Aristophanische Komödie ein Naturalisierungsprojekt eigener Art, das überzeugend wirkte, weil die kathartische Abzweckung unverkennbar war - und es in der vielfältig ausgestalteten und beerbten Tradition des komödiantisch entzaubernden Blicks auch blieb. Man kann den ernüchternden wissenschaftlichen Blick ›von außen‹ auf das Menschentier und seine gesellschaftlichen Verhältnisse als Erben dieser Tradition ansehen. Doch zweifellos steckt in diesen Formen der Entzauberung mehr, dem Anspruch wie ihrer Wirkung nach. Dieses Mehr drückt sich nicht zuletzt darin aus, dass die jeweils ins Auge gefasste Erklärung als die eigentliche oder grundlegende, in gewissem Sinn unhintergehbare aufgefasst wird: ›Eigentlich‹ geht es der Natter doch darum, ihren Nahrungsbedarf zu decken; ›eigentlich‹ sind junge Frauen anziehender, weil die Gene das Kommando führen und sich im Innersten unserer idiosynkratischen, nicht selten schmerzhaften Vorlieben mit ihren ewig gleichen Replikationssorgen eingerichtet haben; ›eigentlich‹ ist die Willensfreiheit ein Spuk, weil sie der Gehirnforscher nirgends entdeckt; etc., etc. Der generalisierte Kosten-Nutzen-Kalkül der Ökonomen ist zumindest ontologisch bescheidener, aber die Evolutionsbiologen stehen auf dem Sprung, dem methodischen ›Als ob‹ der Spieltheorie eine Grundlage zu verschaffen, die uns wieder auf das Beispiel der sexuellen Wahl mit ihren investments und pay-offs zurückbringt. Man sieht, die Balance ist nicht gerade leicht zu halten. Zwar fällt es nicht schwer, das Wörtchen ›eigentlich‹ und die mit ihm einhergehenden Ansprüche in Grund und Boden zu dekonstruieren. Aber das ändert nichts daran, dass Naturalisierungsprogramme an Breite gewinnen, manchmal auch an empirischer Tiefe. Es empfiehlt sich daher, die konkreten Entwicklungen in den Wissenschaften im Blick zu behalten: Auch die Balance zwischen recht grundsätzlichen Erwägungen und konkreten, im Detail untersuchten Beispielen ist verlangt. Die Beiträge zum Schwerpunkt dieses Hefts führen das vor Augen. Auf Michel Serres geht die Rede von ›hybriden‹ Objekten zurück, die sich weder ganz als ›natürliche‹ noch als ›soziale‹ fassen lassen. Es versteht sich, dass wir selbst als vornehmste Beispiele, ja als Verursacher aller anderen ontologischen Unreinheiten zu ihnen gehören. An dieser Vorrangstellung ist nicht zu rütteln, keine weitere »Kränkung« wird sie uns nehmen. Wir haben es tatsächlich immer auch mit uns selbst zu tun. Das ist nicht unbedingt angenehm, doch was soll man machen. »›Me genesthai‹, sagt der Weise, nicht geboren zu werden ist das Beste. Aber wer hat schon das Glück?« (Alfred Polgar) Helmut Mayer
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