Neue Rundschau 2/2003 Zur Übersicht

 

Inhalt

MASCHINENWELTEN
Peter Niesen Mühle, die Schurken mahlt. Jeremy Benthams Panoptikum
Jeremy Bentham Panoptikum oder Das Aufsichtshaus &c.
Michaela Krützen Der perfekte Vater und der ideale Sohn. Zwei Maschinenmenschen im Film
Gustav Falke Wider die Küchenmaschine
Benjamin Péret Im Paradies der Gespenster
Alexandre Métraux Die Maschine im Denker. Von Vaucanson zu Valéry
Andreas Mayer Der Körper des Komponisten als Maschine. Erik Saties »Phonometrie«
Peter Geimer Begegnungen mit Automaten
WERKGESPRÄCH
Das Material bleibt in Bewegung. Heiner Goebbels im Gespräch mit Susanne Van Volxem und Hans Jürgen Balmes
FORUM
Thomas Kling und Ute Langanky Mahlbezirk
Yves Bonnefoy Die Orangerie
Jean Starobinski Schönheit und Wahrheit. Ein Streifzug durch Yves Bonnefoys Dichtung
Yves Bonnefoy Die ferne Stimme
Dieter Forte »Es wird immer um Genauigkeit gehen«. Dankesrede zur Verleihung der Heinrich-Heine-Ehrengabe
Manfred Durzak Dieter Fortes Weg in die Literatur. Eine Laudatio
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Luzius Keller Der Hahnenschrei in Vinteuils Quartett. Einblicke in die Werkstatt: Marcel Prousts Notizbücher
Thomas P. Weber Maschinen aus erster Hand. Neues von der »Darwin-Industrie«
Manfred Bauschulte Einübungen und Mitschriften der Geduld. Die »Logbücher einer Meerjungfrau« von Ingeborg Horn

Editoral

»Denn es ist keine poetische Redensart, sondern kahle nakte Wahrheit, daß wir Menschen bloße Maschinen sind, deren sich höhere Wesen, denen diese Erde zum Wohnplatz beschieden worden, bedienen.« Jean Paul Ach - Ach - Ach!«, sagt der Automat Olimpia. Mehr nicht. Aber das genügt ja dem unglücklichen Imaginationskünstler Nathanael in E.T.A. Hoffmanns Erzählung, um sein Spiel der Projektionen zu entfalten. Es endet für ihn schlimm. Doch auch die bessere Gesellschaft bleibt von der Geschichte mit dem Automaten nicht ganz unbeeindruckt, schleicht sich doch »in der Tat abscheuliches Mißtrauen gegen menschliche Figuren« ein. Weshalb bei den Konversationen der Teegesellschaften nun auf Indizien daf'fcr geachtet wird, dass das »Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze«. Dass zu diesen Indizien nicht zuletzt Gähnen und Nießen zählen - die im mechanischen Repertoire des gesellschaftsfähigen Automaten nicht vorkommen -, spitzt die satirische Pointe zu. Nimmt man Olimpia noch ein wenig ernster, als es die satirische Absicht unmittelbar nahe legen mag, ist ein Moment der Irritation und Faszination berührt, das noch bis zum jüngsten Cyborg seine Wirkung ent faltet: Sie drohen mit der Einsicht, dass sich nicht wenig dessen, was wir für unser Eigenstes halten, vielleicht zuletzt auf ›blinde‹ Mechanik reduzieren lässt. Jenseits allen Denkens. Wobei dieser Zusatz mit Blick auf die rezenten Kreationen im Schnittfeld von KI-Forschung und Robotik am ehesten bedeutet: Ohne eine vor sich hinrechnende Zentralinstanz, sondern mit parallel arbeitenden, bottom-up organisierten Steuerungselementen. Und wie raffiniert diese Elemente auch oft entworfen sind: Die neuen Androiden führen doch recht schön vor Augen, dass es vor allem auf vertraute leibhafte Verhaltensmuster und Oberflächen ankommt. Selbst wenn wir uns darauf festlegen wollten, dass diese Maschinen nie denken oder empfinden werden - sie könnten uns trotzdem seltsam vertraut werden. Olimpia hat also immer noch Nachfahren. Weshalb es bei den Automaten, die in den ›Maschinenwelten‹ dieses Hefts auftreten, um Rückblicke in eine veritable Faszinationsgeschichte geht, die noch lange nicht zu Ende ist. Von Jeremy Bent hams panoptischer Maschine möchte man sich das zwar kaum wünschen, aber ihre Wirkungsgeschichte ist imposant. Erstaunlich deshalb, dass seine Panoptical Letters bisher nicht auf Deutsch vorlagen. Von den Maschinen zum ›Mahlwerk‹ ist es nur ein kleiner Schritt. Doch zu Yves Bonnefoy führt einer, der sich anderem Anlass verdankt: Er feiert am 24. Juni seinen achtzigsten Geburtstag. Fast fünfzig Jahre - die Jean Starobinskis Streifzug durch Bonnefoys Dichtung durchmisst - liegen zwischen dem ersten und seinem bislang letzten Gedichtband, aus denen jeweils ein Zyklus für unsere kleine Hommage ausgewählt wurde. Helmut Mayer
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