Neue Rundschau 3/2003 Zur Übersicht

 

Inhalt

BILDKOMPETENZEN
Schwarze Legenden, Wucherungen, visuelle Schocks. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp im Gespräch mit Wolfgang Ulrich
Peter Greiner Weniger Schönheit. Mehr Unordnung. Eine Zwischenbemerkung zu »Wissenschaft und Kunst«
Wolfgang Kemp Reif für die Matrix. Kunstgeschichte als Bildwissenschaft
Harry Walter Total anschaulich
Soroya de Chadarevian Helix überall. Über den Karrierebeginn einer Wissenschaftsikone
Wolfgang Ulrich Das Vorzimmer Gottes und andere Sensationsbilder. Über die Rolle der Geisteswissenschaften im Zeitalter bildseliger Naturwissenschaften
FORUM
Susan Sontag Einzigartigkeit
Anne Carson Schaum. Essay mit Rhapsodie. Über das Erhabene bei Longinus und Antonioni
Franz Josef Czernin einführung in die organik. aphorismen, passagen, fragmente.
Heinrich Detering Abendröte. Drei Gedichte
Hubert Winkels Zum Lob von Liane Dirks
Liane Dirks Meine Freundin
Helmut Mayer Claude Simon | Henri Michaux. Ein Aufeinandertreffen
Henri Michaux Tanz
Claude Simon [Über Fotografie]
Helmut Mayer Im Bannkreis der Bilder. Über Claude Simon
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Peter Bürger Verschüttete Spuren. Georg Lukács in der Frankfurter Schule
Tobias Lehmkuhl Nicht für den Moment, mein Herr. Das »Jahrbuch der Lyrik« im 25. Jahr
Sebastian Kiefer Sounds. Eine Poetengeneration stellt sich vor
Arthur Miller Eine schreckliche Ironie. Dankesrede anläßlich des Jerusalem-Preises

Editoral

Bildkritik ist nicht gerade ein neues Stichwort. Doch ein ›Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik‹ unter dem Titel ›Bildwelten des Wissens‹ macht neugierig. Zumal von einem der Herausgeber, dem Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp, einschlägige programmatische Äußerungen schon seit einiger Zeit zu hören waren. Mit Verve hat er in den letzten Jahren der Kunstgeschichte eine wichtige Rolle zugesprochen: Sie habe schließlich wie keine andere Disziplin die Kompetenzen für die Analyse von formalen Bildqualitäten und historischen Formvariationen ausgebildet, die im Umgang mit modernen Bildwelten notwendig seien. Aber es schien nicht nur um eine Rolle für die Kunstgeschichte auf dem Terrain kulturwissenschaftlicher Profilierungsversuche zu gehen. Am Beispiel Galilei wollte Bredekamp demonstrieren, dass das Spielfeld der theoretischen Einbildungskraft ästhetisch präformiert sein kann. Galileis Weigerung, andere als kreisförmige Bahnen der Planeten in Betracht zu ziehen, hatte bereits Panofsky mit der Abneigung Galileis gegenüber einer unklassischen, manieristischen Figur wie der Ellipse in Verbindung gebracht. Allerdings doch eher in der Form eines gelehrten Aperçus. Nun aber sollte es - und Galilei war ja offenkundig nur ein Beispiel - um einen höheren Einsatz gehen. Man fühlte sich ein wenig an Hans Blumenbergs Insistenz erinnert, dass sich an bestimmten Bildern und Metaphern Aufschlüsse über tiefliegende Voraussetzungen von theoretischen Ambitionen und Ansprüchen gewinnen lassen. Nur zeigte das Blumenberg durchweg an Texten. Nicht verwunderlich also, Galilei im Vorwort zum neuen Jahrbuch wieder zu begegnen. Aber der Anspruch, der sich mit ihm verknüpfte, taucht jetzt eher am Rande auf. Im Zentrum steht das im Titel festgehaltene kritische Moment, zu dem die Kunstgeschichte beitragen könne: Den Schein der Natürlichkeit unserer modernen Bildwelt aufzubrechen, indem sie die gewählten Formen und Formanleihen der Darstellungen vor Augen führt. Wer wollte dagegen etwas einwenden. Obwohl einem vielleicht der Gedanke durch den Kopf geht, dass die Kompetenzen der Kunstgeschichte damit unterboten sein könnten. Es braucht ja kaum aufwendige Form- und Kontextanalyse, um den Schein der Natürlichkeit auffliegen zu lassen. Die Beispiele technischer und naturwissenschaftlicher Bildproduktion, welche sich einige der Beiträge des Jahrbuchs vornehmen, führen das schön vor Augen. Ein wenig nachdenklich wird man also schon, wenn die interessantesten Aufschlüsse abseits jeder beschworenen Formanalyse kunsthistorischer Provenienz zustande kommen. Und ob eine Stilgeschichte der naturwissenschaftlichen Illustrationen wirklich viel an Einsichten verspricht? Eine alte Frage angesichts neuer Bilder steht jedenfalls im Hintergrund: Wie hoch deren Verführungs- und Prägekraft eingeschätzt wird. Darüber ist im Themenschwerpunkt dieses Hefts einiges zu lesen; und die Frage nach Rolle und Status einer ›Bildwissenschaft‹ führt unmittelbar zu derjenigen nach den Kompetenzen eines Faches wie der Kunstgeschichte und nach dem Gebrauch von Bildern in Selbstdarstellungen von Wissenschaft. Vom Stichwort ›Bild‹ ließen sich mühelos Brücken zu einer Reihe weiterer Beiträge in diesem Heft schlagen. Doch diese Übung wird beiseite gesetzt, um noch eine andere Bemerkung in Sachen Bildkompetenz anzubringen: Keiner durchschlagenden Bildkritik, sondern nur einem schwer erklärbaren technischen Gebrechen war es nämlich zu verdanken, dass im letzten Heft eine Abbildung zu Benthams Briefen über das Panoptikum fehlte. Der Text wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen - und das Bild ist nun auf Seite 188 nachgetragen. Helmut Mayer
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