Neue Rundschau 4/2003 Zur Übersicht

 

Inhalt

UNSCHULD
Wolfgang Ullrich Das unschuldige Auge. Zur Karriere einer Fußnote
Veronika Schöne Die Hände in Unschuld waschen. Zur Geschichte des Pontius Pilatus
Berend Lindner Unschuldig | schuldlos. Eine knappe juristische Einlassung
Michaela Krützen Das Unschuldslamm. Wie Hollywood erzählt
Saskia Haag Die verlorene Unschuld. Präservative Vorkehrungen des Mädchenratgebers
FORUM
Adam Thirlwell Das kyrillische Alphabet
W. S. Merwin Federn
Roger Caillois Der Achat des Pyrrhus. Das mutmaßlich Bild
Heinz Ludwig Arnold Ausgehend vom Labesweg 13. Rückblick auf Günter Grass
Stendhal Das Krähen des Hahns. Ein Kapitel aus Rot und Schwarz in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl
Elisabeth Edl »Ein Mensch nach meinem Geschmack«. Stendhal deutsch
Stendhal Über Rot und Schwarz
Wolfgang Matz Porträt des jungen Mannes als Mann. Drei Skizzen von Julien Sorel
Gérard Genette Liebeskryptographie. Über Stendhal
Helmut Mayer Elevationen. Anmerkungen zu einigen hochgelegenen Orten bei Stendhal
EINSPRÜCHE UND NACHREDEN
Martin Seel Das Unmögliche möglich machen. Adorno und das Potential der Kunst
Andreas Mayer Bildausfälle. Zum Beginn einer deutschen Werkausgabe von Louis Marins
Helmut Mayer Ach, das Gehirn. Über einige neue Beiträge zu neurowissenschaftlichen Merkwürdigkeiten

Editoral

Das Schöne ist keine Erfindung, sondern eine langsame Entdeckung. Roger Caillois Seine erste kleine Schrift erschien 1935. Der normalien Roger Caillois ist damals zweiundzwanzig Jahre alt und stellt ihr einen Brief an André Breton voran, der ihm bereits den Zugang zu den Zeitschriften der Surrealisten eröffnet hatte. Respektvoll, aber entschieden distanziert er sich darin vom surrealistischen Programm: Nicht um fragile »illuminations dispersées« sei es ihm zu tun, die ohne vorauseilenden Glauben nichtig seien, sondern um die Erprobung der Kohärenzen, wie das wissenschaftliche Denken sie vor Augen führe. Mit Verve führt er das Beispiel der neuen Physik ins Feld, die nicht »hübsche Bilder« bestätige, sondern die meisten bildhaften Evidenzen und intuitiven Begriffe zum Einsturz gebracht habe. Da liege eigentlich »das Wunderbare, das Erkenntnis nicht zu fürchten brauche, im Gegenteil sich von ihr nähre« - im Gegensatz zu den surrealistischen »Mysterien«, die Bréton sorgsam gegen mögliche Erklärungen abschirme. Seine Entscheidung sei gefallen, hätte eigentlich immer schon fest gestanden: Schließlich habe er schon als Kind, so Caillois, seine Spielzeuge immer öffnen müssen, um ins Innere zu sehen und den Mechanismus zu begreifen. Das klingt fast so, als ob sich hier ein werdender Naturwissenschaftler vom Surrealismus verabschiedete. Der Weg verlief aber dann bekanntlich doch etwas anders. Er führte zu anthropologischen Fragen und zu einer an ihnen orientierten Soziologie, die sich nicht zuletzt als Instrument der politischen Analyse in Zeiten des heraufkommenden Unheils verstand. Nach dem Krieg wich diese politische Stoßrichtung zurück, das Interesse an tief liegenden anthropologischen Zügen blieb, die Literaturkritik trat deutlicher hervor - und die Naturwissenschaften kam doch wieder ins Spiel. Natürlich nicht in ihrer fachlich >ordentlichen< Gestalt, denn Caillois - nie im akademischen Betrieb beheimatet - bewegte sich auch hier zwischen den disziplinär eingehegten Gebieten: Die »sciences diagonales« sollten sich den »démarches transversales de la nature« widmen, den hinter den Phänomenen liegenden Gesetzmäßigigkeiten, die über die Grenzen verschiedener Bereiche hinweg Gültigkeit haben. Das war kein Rückfall in analogisches Assoziieren, sondern hatte durchaus Methode und Disziplin. Auch dort, wo die Überlegungen und Beschreibungen am Waghalsigsten wurden, nämlich im Vergleich zwischen Werken der Kunst und Hervorbringungen der Natur. Nie stellte Caillois in Frage, dass diese beiden Reiche grundsätzlich voneinander geschieden sind, dass die künstlerische Entscheidung nicht mit Naturprozessen zu verwechseln ist. Doch gerade deswegen ließ er nicht davon ab, immer wieder Entsprechungen zwischen den beiden Reichen vor Augen zu führen: am Beispiel der Zeichnungen auf Schmetterlingsflügeln etwa oder der mimetischen Formen im Tierreich und in einer Reihe von Texten über die >Bildersteine<, aus denen in diesem Heft ein Auszug zu finden ist. Auch sie sollten erkennen lassen, was Caillois zum Grundstein einer »esthétique généralisée« machen wollte, dass der Mensch, weil selbst »von der Natur gewebt«, aus der Natur seine Kriterien des Schönen beziehe. Ob das schon zu weit spekuliert war? Auf jeden Fall ist es weit interessanter als die meisten heutigen Einlassungen über Ästhetik und Naturwissenschaften. Man könnte Caillois Hindeuten auf die eine unterliegende Natur auch mit der Wendung ausdrücken: Es gibt nicht den unschuldigen Blick auf die Phänomene der Natur, der nicht deren ästhetische Qualitäten wahrnehmen könnte. Womit fast schon die Formulierung vom »unschuldigen Auge« gefallen ist, deren Geschichte der erste Beitrag im Thementeil nachzeichnet, bevor die Unschuld ihre Auftritte an Bei spielen vertrauter Redewendungen hat. Und zwischen Unschuld und Schuld schwebt schließlich auch der Held in Stendhals Roman Rot und Schwarz, dem anlässlich der Neuübersetzung ein kleiner Seitenflügel eingeräumt wurde. Helmut Mayer
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