Neue Rundschau 1/2004 Zur Übersicht

 

Inhalt

FACETTEN DES HEILIGEN


Karl-Heinz Kohl Kulthöhlen verschiedener Art. Eine Geschichte von heiligen Dingen
Thomas Macho Deus ex Machina. Bemerkungen zur Technikgeschichte der Religion
Albrecht Koschorke Götterzeichen und Gründungsverbrechen. Die zwei Anfänge des Staates
Christian Kiening Ästhetische Heiligung. Von Hartmann von Aue zu Lars von Trier
Wolfgang Sofsky Der gemarterte Gott. Grünewalds Karlsruher »Kreuzigung«
Thomas Hauschild Die Produktion des Heiligen. Ethnologische Feldforschung im Stammland des Katholizismus
Hanno Helbling Heiligkeit unter Kontrolle. Die Arbeit Roms an der Gewissheit des Wunderbaren

FORUM

Arthur Miller Das entblößte Manuskript. Erzählung
Merete Torp Schwarze Zungen. Gedichte
J.M. Coetzee Er und sein Mann. Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises
Stephan Wackwitz Schnee 

EINSPRÜCHE UND NACHREDEN

Wolfgang Matz Ein surrealistischer Geheimrat. Kleine Nachlese zu Adornos 100. Geburtstag
Aris Fioretos An der Peripherie entlang. Laudatio auf Klaus Böldl
Horst-Jürgen Gerigk Die Brüder Karamasow. Eine Einführung in Dostojewskijs letzten Roman
Martin Seel Notwendige Illusionen? Über die Wirklichkeit der phänomenalen Welt

Editoral

Es ist Zeit, die Welt der Zivilisierten und ihre Aufgeklärtheit zu verlassen. Es ist zu spät, vernünftig und verständig sein zu wollen – das hat zu einem Leben ohne Reiz geführt. Heimlich oder nicht, es gilt ganz anders zu werden oder abzutreten.« Mit so herrischer Geste eröffnete Georges Bataille 1936 die kurzlebige Zeitschrift »Acéphale«. Die moderne westliche Welt als Verfallsstadium einstmals substantiellerer Weltverhältnisse: »In den untergegangenen Welten war es möglich, sich in der Ekstase zu verlieren, was unmöglich geworden ist in der Welt der vulgären Verständigkeit. Die Vorzüge der Zivilisation werden aufgewogen durch die Art und Weise, mit der die Menschen aus ihr Nutzen ziehen: die heutigen Menschen nützen sie, um die heruntergekommensten aller Wesen zu werden, die je existiert haben.« Batailles Verbündete im kurze Zeit später gegründeten »Collège de Sociologie«, Roger Caillois und Michel Leiris, waren da sehr viel zurückhaltender. Aber die Notwendigkeit, in politisch immer prekärer werdender Lage nach einem neuen Verständnis des Zusammenhangs zwischen individueller Psychologie und sozialen Bewegungen zu suchen, schien ihnen unausweichlich. Auf eine »sociologie sacrée« sollte das hinauslaufen: »Der genauer umrissene Gegenstand der anvisierten Aktivitäten kann sociologie sacrée genannt werden insofern er die Untersuchung der sozialen Existenz in allen ihren Manifestationen meint, in denen sich die aktive Präsenz des Heiligen zeigt.« Ein politisches Programm, gemäß Kierkegaards Feststellung – es stand als Motto dem ersten Heft von »Acéphale« voran –, dass sich das Politische eines Tages als religiöse Bewegung enthüllen werde. Und wo zeigt sich das Heilige? Die Antwort konnte und kann eigentlich nur lauten: potentiell überall. Leiris machte darauf die Probe mit seinem Text über »Das Heilige im alltäglichen Leben«: Erinnerungen an die elterliche Wohnung in Auteuil, in der er als Kind seine ersten Erfahrungen sammelte mit Orten, Gegenständen und Worten, die das psychologische Signum des Heiligen trugen, das ambivalente Zugleich von Anziehung und Abstoßung, die »Mischung von Scheu, Verlangen und Schrecken«. Und der Ethnologe, der wenige Jahre zuvor seine erste große Forschungsreise mitgemacht hatte, versäumt auch nicht die ironisch gefärbte Parallelisierung von afrikanischem »Männerhaus« und abendlichen Sitzungen mit seinem älterem Bruder auf dem WC, dessen chthonischer Charakter fraglos ist, und bei denen mythologische Erzählungen entwickelt wurden nebst Hypothesen über die Natur sexueller Dinge. Heiliges also nicht nur abseits vom »offiziellen Heiligen (Religion, Vaterland, Moral)«, sondern auch von seiner exotischen Vergegenwärtigung (und von Batailles Kaprizieren auf ekstatische Entgrenzungen). War das ein Rückzug ins ›bloß‹ Private, wie man Leiris schnell vorwarf? Das kam darauf an, welchen Begriff des Heiligen man in Anschlag bringen wollte, welche seiner Formen als die richtigen oder authentischen zu gelten hatten. Aber am Leitfaden dieser Frage kann man bekanntlich nicht nur Religionssoziologie, sondern auch substantielle Kirchengeschichte schreiben – sofern man das Terrain des »offiziellen Heiligen« nicht scheut. Im Thementeil dieses Hefts wird es einige Male Gegenstand, aus recht unterschiedlichen Perspektiven. Auch den ethnographischen Vergegenwärtigungen begegnet man, auf eigene und fremde religiöse Traditionen gerichtet. Dass das Heilige fortwährend produziert wird, darf als Banalität gelten; aber wie dies geschieht, bedarf der näheren Aufmerksamkeit, ob nun in alten Heiligenlegenden oder im Kino. Enzaubert wird es dadurch sowenig wie durch den Blick hinter die Kulissen heiliger Inzenierungen und Spektakel. Solange wir glauben, dass überhaupt etwas dahinter ist (und wie sollten wir davon lassen?), hält es seine immer auch bedrohlichen Versprechungen. H.M.
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