Neue Rundschau 2/2004 Zur Übersicht

 

Inhalt

FÜR PETRARCA

Friederike Mayröcker Petrarcas Laura
Thomas Kling/Ute Langanky Petrarca an den Kardinal Colonna
Oskar Pastior Hexenprobe
Francesco Petrarca Sonette. Übertragen von Thomas Eichhorn
Thomas Eichhorn Überlegung Petrarcas, bevor er den Mont Ventoux bestieg
Anne Carson Fern
Werner Hamacher Responsionis fragmenta Michael Donhauser Sonette
Anja Utler für daphne: geklagt
Francesco Petrarca An Giovanni Colonna. Poetische Briefe III,5. Aus dem Lateinischen von Karlheinz Stierle
Karlheinz Stierle Petrarcas Hund
Levent Yilmaz Africa. Liber II (Im Entstehen)
Franz Josef Czernin Drei Variationen
Ferdinand Schmatz An Guido oder Die Quelle der Sorgue
Martine Bellen Secretum
Ilma Rakusa Der Windberg
Ulrike Draesner ihm wollt ich wohl den lau(f)paß geben . Petrarca, Sonett 18 des Canzoniere, ein Echo
Ralph Dutli Petrarcas Sieben Leben
Francesco Petrarca Cantai, or piango. Sieben Sonette. Übersetzt von Christoph Ferber
Yoko Tawada Kaeshiuta zu Canzoniere
Ulf Stolterfoht drei triumphe und ein wunderblock
Oswald Egger Nichts als nicht, was ich gesehen habe, das sich im Wort betrug. Petrarcas Carpentras
Michael Hamburger Flüchtige Notizen zum verschwundenen Petrarch
Dirk von Petersdorff Nach dem Lesen in Petrarcas »Epistolae Metricae« Ostersamstag 2004
Robert Gernhardt Petrarcasonett. Ein Akrostichon
Matthias Göritz Besteigung und Berufung. Francesco Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux, der 23. Brief aus der Neuen Héloise und Goethes Harzreise im Winter. Eine dreifache Lektüre
Michael Hack Canzoniere CXXXI

WERKGESPRÄCH

Ein gelernter Beobachter. Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp im Gespräch mit Wolfgang Ullrich über kunsthistorische und andere Texte, die zeitgenössische Kunstwelt, das Fach und die schöne neue Welt der deutschen Universitäten

FORUM

Tilman Spreckelsen Bloomsday. Drei Ansichten eines Tages
Henri Michaux Wer ich war
Helmut Mayer Logik des Beins. Anmerkung zum jungen Michaux
Henri Michaux Die Träume und das Bein. Ein philosophischer und literarischer Essay
Helmut Mayer Michaux’ Bäume
Henri Michaux Bäume der Tropen

EINSPRÜCHE UND NACHREDEN

Hubert Winkels Lust und Leere. Über Ralf Rothmann
Martin Seel Im Raum der Gründe. Über die Wissenschaften vom Verstehen

 

Editoral

In seinem Konzept einer Weltkultur, die das große »Bienensummen« der Literatur aller Zeiten und Völker umfasst, wies Ossip Mandelstam Italien die »Zikadensprache« zu, »Petrarcas Freundin«. Der Held aber seiner Idee einer mediterranen Kultur, die von Homer zu Horaz, von den provenzalischen Troubadouren zu Puschkins Schwermut in St. Petersburg reichte, war Dante, wie überhaupt das 20. Jahrhundert das Jahrhundert Dantes zu sein scheint: Ezra Pound, T.S. Eliot und Rudolf Borchardt wandten sich der Göttlichen Komödie zu, deren Weltenarchitektur besser zwischen die Kriege zu passen schien als das welke Laub des sich im 19. Jahrhundert im Vershunger der Parnassiens erschöpften Petrarcismus. Vom 16. Jahrhundert, seit den Sonetten Shakespeares und den verliebten Dialogen Romeos und Julias, an, war es Petrarcas Zeit gewesen, doch nun stellte Pound apodiktisch fest: »Dante war besser als Petrarca, aber das darf man nicht allen ankreiden, die Petrarca zu Tisch geladen hatten.«
Heute wird man das anders sehen und auf die Eleganz der Konstruktion des Canzoniere hinweisen, den 366 Gedichten, in denen Petrarca ein einzigartiges Panorama seiner sich entfaltenden Subjektivität und Gedanken vorlegt – eingebettet in die Liebe zu der sich ihm entziehenden Laura, in der Meditation über die Zeit und Sterblichkeit und angetrieben von einer Verskunst und Rhetorik, deren Erfindungsreichtum und Frische heute noch überrascht. »Petrarcas Originalität«, schrieb der Kritiker Edgar Quinet im 19. Jahrhundert, »besteht darin, dass er als erster bemerkte, dass jeder Moment unserer Existenz den Keim eines Gedichts in sich schließt.« (Und es ist ein interessantes Gedankenexperiment, sich vorzustellen, wie dieses spielerische Element auf die Klassiker der Moderne gewirkt hätte – statt des »Petrarcismus Li Pos« etwa, dem sich Pound als Übersetzer widmete.)
Diese Gedichtmaschine, an der Petrarca 47 Jahre lang arbeitete, hat Oskar Pastior mit seinen 33 Gedichten genauestens geprüft und mit seinen Texten ins Herz des Uhrwerks geschaut. Sein Buch wurde zu einem der einflussreichsten Lyrikbände der 80er Jahre – ein Impuls, den viele unserer hier versammelten Beiträger aufgreifen, die wir zum 700. Geburtstag Petrarcas vorlegen – nicht als Beweis einer Distanz, sondern als Probe auf die »Zikadensprache.«

Hinter dem Lyriker mit dem auf Italienisch verfassten Werk verschwand aber schon bald der lateinisch schreibende Humanist, Polyhistor und Philologe, der sein Leben als Ineinander von Schreiben und Lesen begriff. Dem Hören auf die Texte korrespondiert das wache Auge des Dichters, der mit dem Maler Simone Martini befreundet gewesen war. Seine Beschreibung der Besteigung des Mont Ventoux als emphatische Gründungsakte des Alpinismus zu interpretieren unterläuft sicherlich die Komplexität des rhetorisch versierten Textes. Nichtsdestotrotz markiert er aber einen wichtigen Schritt in den Raum und zeigt, wie groß die Fenster der Studierstube doch waren, durch die die Welt zu Petrarca hineinleuchtete. Vielleicht war mein Gang auf den Ventoux, zur 666. Wiederkehr des von Petrarca genannten Datums, ebenso naiv wie der Versuch, den Ventoux-Brief als reines Zitatenmobile zu interpretieren: Damals lag noch Schnee, und als ich Philipp Jaccottet die von seinem Arbeitszimmer aus sichtbare weiß leuchtende Pyramide zeigte, konnte er über so viel Übermut nur den Kopf schütteln.
Es war nicht zuletzt das Verdienst des 1979 gestifteten Petrarca-Preises, an diese Dimension des Renaissance-Künstlers zu erinnern, indem neben Schriftstellern und Dichtern auch Kunstwissenschaftler, Übersetzer und Philologen eingeladen wurden, um auf Symposien diese Aspekte zu beschreiben. Mit auf der Reise war auch Karlheinz Stierle, der damals schon seine Forschungen zu Petrarca begonnen hatte, die er mit seiner beinahe enzyklopädistischen Monographie Francesco Petrarca. Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts abschloss.
Viele Arbeiten unserer Hommage widmen sich diesem Werk im Schatten der Sonette, den lateinischen Episteln oder dem lateinischen Epos Africa: »Dann werde ich die schönsten Zweige ergreifen, und du selbst, Hochherziger, wirst mir helfen mit deinen Taten und der schwankenden Feder festen Halt geben.«
Der Hg. dankt Thomas Kling und Bob Dylan für »she is true like ice, like fire«.

Hans Jürgen Balmes.

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