Neue Rundschau 3/2004 Zur Übersicht

 

Inhalt

Vereinzelt Schneefall

Eva Jensen Richtung: November. Romanauszug
Hanne Ørstavik Striche, Linien, Kanten, Bänder. Essay
Petri Tamminen Die Welt der Verstecke. Prosa
Helle Helle Fasane. Fahrpläne. Hochzeit. Drei Erzählungen
Gabriella Håkansson Das Mirakel. Erzählung
Marte Huke Delta. Auszug aus einem Gedichtzyklus
Peter Adolphsen Kleine Geschichten
Magnus Florin Der Garten. Romanauszüge
Anni Sumari Der Himmel, Schweizer Luftraum, 30.12.2001. Lyrik
Helena Ljungström Vögel und anderes. Kurzprosa
Johan Harstad Vietnam. Donnerstag | Nokia. Connecting People. Erzählungen
Christina Hesselholdt Guthaben. Kurzprosa
Trude Marstein Großer Hunger, plötzliche Übelkeit. Kurzprosa
Kari Hotakainen Das Leben und andere Kleinigkeiten. Feuilletons aus Helsinki
Aris Fioretos Brief an einen langen kleinen Kosmonauten

Einsprüche und Nachreden

Heinz Ludwig Arnold Die pürierten achtziger Jahre. Ein Rückblick
Tobias Lehmkuhl Horizontal an die Wand gefahren. Karlheinz Stierles Petrarca-Studie

 

Editoral

Neue Texte aus Skandinavien

Wer sich heutzutage skandinavischer Literatur zuwendet, wird nicht mehr unbedingt zu den großen Klassikern der Gründerzeit greifen und das Werk von Autoren wie Henrik Ibsen, August Strindberg, Herman Bang, Jens Peter Jacobsen oder Knut Hamsun aufsuchen. Seit gut zehn Jahren nämlich erlebt die Literatur des Nordens in den deutschsprachigen Ländern eine zunächst kaum für möglich gehaltene Renaissance, die in veritablen Verkaufserfolgen ebenso ihren Ausdruck findet wie in zahlreichen positiven Kritiken der führenden Feuilleton-Redakteuren.
Dass ein kluger Roman wie Peter Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee hierzulande so viel Enthusiasmus auslösen konnte, dass überhaupt die Neugier auf die aktuellen Autoren des nun wieder ständig bemühten »hohen« Nordens so sehr zugenommen hat, mag man auf den ersten Blick für eine ausschließlich erfreuliche Angelegenheit halten. Mindestens zwei Aspekte der gegenwärtigen Skandinavien-Begeisterung sorgen jedoch für Unbehagen. Einerseits werden nur Teile der skandinavischen Literatur, nur bestimmte Genres und die mit ihnen verbundenen Funktionen wahrgenommen und als typische Produkte dieser in Deutschland lange vernachlässigten Region aufgefasst. Neben der traditionell hochgeschätzten Kinderliteratur haben sich vor allem die inzwischen ungezählten Kriminalromane skandinavischer Provenienz als Markenzeichen etabliert, an das lediglich die voluminöse biographische Erzählung noch einigermaßen heranreicht. Auch wenn es sich bei den Wallander-Krimis eines Henning Mankell, den auf direkte Leserinnen-Identifikation zielenden Lebensgeschichten von Marianne Fredriksson oder dem dickleibigen Titanic-Thriller Choral am Ende der Reise von Erik Fosnes Hansen um recht heterogene Werke handelt, verbindet sie doch zweierlei: sie waren bzw. sind auf dem deutschen Markt höchst erfolgreich und bedienen eine Ästhetik, die (wieder) die problemlose Erzählbarkeit der Welt postuliert und den Zusammenhang und die Zielgerichtetheit der menschlichen Existenz betont. Gerade das Kriminalgenre gibt dabei den Blick frei auf ein erstaunliches Paradoxon. Mord, Totschlag und Niedertracht künden scheinbar von einem Weltgefüge im Zustand der Entropie, die zum Zuckerguss eines merkwürdig anmutenden Sprachoptimismus, zu den Harmonien und Klischees einer realistischen Normalprosa in denkbar größtem Kontrast steht. Am Ende siegt in der Regel allerdings – so will es die Logik dieses Genres – die Gerechtigkeit nicht nur über das Böse in der Welt, sondern oft genug auch über derlei Widersprüche. Keine Fragen offen lassen in aller Regel auch jene Prosawerke, die implizit oder explizit die Biographie zu ihrem formalen Prinzip erheben. Ähnlich abschätzig wie Philip Roth, der den allzu offensichtlichen (lies: unraffinierten) Bezug zwischen Literatur und Biographie für kulturellen Vandalismus hält, brandmarkt auch ein noch unübersetzter dänischer Kollege von ihm, Carsten Jensen, die biographische Fiktion als »Trostlektüre für konventionelle Leser«. Genau auf diese Funktion indes reduzieren Kritiker, Marketingstrategen und Gewohnheitsleser die skandinavische Literatur bedenklich oft – vor allem immer dann, wenn sie sich von ihrer vermeintlich »repräsentativen« Seite zeigt. Das zweite aktuelle Rezeptionsärgernis neben der einseitigen Prioritierung bestimmter Textsorten besteht darin, dass die Literatur des Nordens so häufig in eine Frontstellung gegen Moderne und Postmoderne gebracht wird. Wenn sich z.B. geplagte Rezensenten daran erfreuen, wie Erik Fosnes Hansen »zerebrale[n] Sprachspiele[n]« eine Absage erteilt und »wunderbar altmodisch« fabuliert, wird die immer wieder konstatierte »Erzählfreude« der Skandinavier zu einem ideologischen Problem.
Natürlich ließe sich einwenden, dass auch das modernistische lyrische Werk einer Inger Christensen oder eines Tomas Tranströmer, die Roman- und Essaykunst Per Olov Enquists, die Prosalabyrinthe des Norwegers Jan Kjærstad in unseren Breitengraden Anerkennung finden. Das Beispiel Kjærstads, der mit Homo falsus und Rand zunächst hochgelobte Alternativen zu den herkömmlichen Kriminalromanen vorgelegt hatte und mit seinen zuletzt in Deutschland publizierten Werken Der Verführer und Der Eroberer gerade die Biographie lustvoll dekonstruierte, offenbart jedoch das ganze Dilemma des aktuellen Umgangs mit der skandinavischen Literatur. Zwar verweigern die Kulturredaktionen diesem interessanten Oeuvre nicht ihre Wertschätzung, doch Kjærstad gilt ihnen, wie übrigens auch der Schwede Enquist, als europäischer Intellektueller, weniger als skandinavischer Erzähler.

Wer wie einst der große dänische Literarhistoriker Georg Brandes gerne in fremde Länder reist, um sich anhand der Belletristik ein Bild von einem unbekannten Sozialwesen zu machen, wird in Skandinavien eine merkwürdige Entdeckung machen. Kaum jemand in Stockholm, Oslo oder Kopenhagen würde einem kulturbeflissenen Touristen nämlich das Studium des traditionellen Romans empfehlen, etwa weil er ein wichtiger Ausdruck der Zeit wäre. Ganz im Gegenteil: Überall, so würde ihm fast unisono im ansonsten keineswegs homogenen Kulturraum des Nordens mitgeteilt, dominiert seit einigen Jahren das kleine Format, die poetische Mikrostruktur in immer wieder neuen ästhetischen Formeln und Facetten. Der Roman hingegen, so käme ihm bisweilen wohl auch zu Gehör, habe so sehr ausgedient wie der Glaube an ein in sich geschlossenes, sinnvolles Universum. Widersprüchlicher könnte damit das Urteil über die skandinavische Gegenwartsliteratur nicht ausfallen; zwischen der postulierten epischen Naivität in Deutschland und dem Insistieren auf einer neuen Ästhetik im Norden liegen Welten. Ungeachtet dieser Unvereinbarkeiten suchen skandinavische Kritiker und Wissenschaftler fleißig nach Ursachen für die von ihnen inaugurierten Tendenzen. Sie verweisen auf die gelegentlich argwöhnisch betrachteten, letztlich aber bewährten Autorenschulen als wichtige meinungsbildende Faktoren, wittern eine bestimmte Verlagspolitik oder diskutieren eine Abhängigkeit der Literatur von allgemeinen medienästhetischen Tendenzen. Der dänische Kritiker Steffen Hejlskov Larsen bezieht den Boom der kleinen Formen außerdem direkt auf das Weltbild ihrer Produzenten: »Viele junge Autoren der 90er-Jahre Generation teilen offenbar die Meinung, dass das moderne Dasein als unzusammenhängend, als Summe sinnloser und wahnsinniger Handlungen aufzufassen ist.«5 Eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Welterklärungsmustern umfassenden und damit ungenauen Maßstabes, gegen die Sinnhaftigkeit von Entitäten wie Biographie oder Geschichte ist in der Tat kaum zu übersehen und kann sich durchaus auch auf eine längere Tradition berufen. Dennoch dürfte Hejlskov Larsens Verdikt zu kurz greifen. Dass ›Heilslehren‹ von der Kontinuität und Kausalität sozialer und individueller Prozesse in Frage gestellt werden, impliziert noch kein undifferenziertes Credo zu einer völlig zusammenhangslosen, atomisierten Welt. Die häufig akademisch ausgebildeten Autoren haben durchaus erkannt, dass sich die von Hejlskov Larsen und anderen ins Spiel gebrachte Zerrissenheit der Zustände selbst längst zu einem Gemeinplatz des Denkens verfestigt hat. Sie ist nicht mehr ausschließlich eine einschneidende Moderne-Erfahrung wie noch vor 100 Jahren, sondern ein Topos, der heutzutage allzu automatisch die Debatte beherrscht. Der jungen Generation kommt es aber darauf an, gegen beide Mythen, gegen das irrige Postulat vom Zusammenhang in der Welt wie gegen das einseitige Gerede von der fragmentarischen Wirklichkeit Stellung zu beziehen. Die Vorliebe für Brüche und Reduktion, für Komprimierung und Verdichtung, so wäre zu präzisieren, besteht durchaus; eine zusätzliche Qualität erlangen die aktuellen Texte jedoch dadurch, dass sie sich eine epistemologische Unbefangenheit zu bewahren trachten und Kunstdoktrinen überhaupt misstrauen.
Auffallend viele Texte setzen dieses Vorhaben um, indem sie sich auf unterschiedliche Weise paradoxen Strukturen öffnen, ohne allerdings, wie der traditionelle Kriminalroman, auf eine Begradigung eben dieser Widersprüche zu drängen. Bruchstücke einer Ästhetik des »Kurzen« gehen dabei mannigfache und mitunter verschlungene Verbindungen mit Konzepten der Ausdehnung und der Kohärenz ein. In eher angedeuteter Form lässt sich dies bereits an den vielbeachteten Erzählbänden erkennen, die in den neunziger Jahren in großer Zahl auf den Markt gelangten. Das neue Interesse am Genre der so genannten novelle (das eher mit Kurzgeschichte zu übersetzen wäre als mit Novelle) bezieht sich dabei nicht nur auf den Einzeltext, sondern auch auf dessen Funktion im Gefüge eines Bandes. Die Verbindungslinien zwischen den einzelnen Texten können dabei höchst unterschiedlich motiviert sein. In den Erzählungen des jungen Norwegers Johan Harstad z.B. leiden annähernd alle Figuren an den Auswüchsen einer medial und technologisch vollkommen durchstrukturierten Gesellschaft, in der authentisches Empfinden nicht mehr möglich ist. Zum kleinsten motivischen Nenner seines Buches mit dem treffenden Titel Ambulanse entwickelt sich indes schon von der ersten Seite an ein Krankenwagen, der durch alle Texte rast und so die in Ton und Thema recht unterschiedlich ausgeführten Geschichten mit Fingerzeig auf die Verfassung der Welt doch zusammenführt. Noch selbständigeren Wert besitzen die einzelnen Prosastücke seines finnischen Kollegen Petri Tamminen, doch auch in dessen Buch Piiloutujan maa (Die Welt der Verstecke), das sich keiner Gattung unmittelbar zuordnen lässt, durchdringen sich Partikulares und Synthetisches. Die Texte begegnen sich letztlich im gemeinsamen Motiv des Rückzugsgefechts angesichts einer allzu öffentlich gewordenen Welt. Familienähnlichkeit stiften dabei nicht zuletzt die Orte des Buches, die einerseits grundverschieden sind, andererseits aber identische Funktionen als letzte Schlupfwinkel zu erfüllen haben.
Während sich also die in Skandinavien so heftig rezipierten kurzen Prosatexte gerne in größere Strukturen betten, ist auch der umgekehrte Vorgang zu beobachten. Die epische Großform des Romans nimmt in den neunziger Jahren bereitwillig Anleihen beim Partikularen und Fragmentarischen, wiederum in unterschiedlicher Ausprägung. Wenn etwa der schwedische Erzähler Magnus Florin einen kaum klassisch zu nennenden historischen Roman über den weltbekannten Botaniker Carl von Linné (1707–1778) auf quantitativ magere 117 Seiten beschränkt, also der Versuchung widersteht, ein farbiges Milieu und eine ebensolche Biographie breit auszumalen, hat schon diese Entscheidung programmatische Aussagekraft. Gesteigert wird sie noch durch das poetologische Motto, das Florin in apodiktischer Bildhauer-Metaphorik seinem Buch voranstellt: »Weg mit den großen Stücken!« – Über diese ökonomische Handhabung der Ausdrucksmittel hinaus springen in den letzten Jahren allerorten Mischformen ins Auge, zu denen sich novelle und Roman facettenreich verbinden. In einem bezeichnenderweise »Roman in hundert Texten« genannten Buch beschreibt der große dänische Autor Peer Hultberg Dutzende, ja Hunderte von Menschen in der kleinen jütländischen Provinzstadt Viborg – kreuz und quer durch das gesamte 20. Jahrhundert. Genauer formuliert scheinen sich diese Menschen in Die Stadt und die Welt (1992) selbst zu beschreiben, denn sie sind ihre eigenen Erzähler, mit jeweils charakteristischer Stimme, die anheben und schnell wieder verstummen kann und am Ende im gewaltigen Chor des Viborgschen Gesanges, der Summe aller Erzählungen, kaum noch als individuelle Äußerung wahrgenommen wird. Die in jeder Hinsicht fragmentarischen, oft abrupt abbrechenden Einzeltexte verdichten sich zu einem Gewebe, dem letztlich erst die Leser und ihr Gedächtnis Maserung und Kontur verleihen. Oft werden oberflächliche Zusammenhänge von alternativen Webmustern abgelöst, voreilige Erklärungsmodelle verworfen. Das Buch erteilt der traditionellen Kausalität damit eine Absage; es oszilliert zwischen ständigem Fluss und Verfestigung – und lässt auf diese Weise episch konventionelle Romane weit hinter sich. – Ganz unabhängig von Hultberg, auf eigenständigen ästhetischen Wegen, aber mit strukturell durchaus ähnlichem Resultat, konfrontiert auch die bei uns noch unbekannte Dänin Christina Hesselholdt die poetische Kraft punktueller Texte mit umrisshaften narrativen Linien. Während man ihre ersten Bücher, darunter einen 47 Seiten (!) langer Roman, mit einiger Berechtigung auch als Gedichtbände bezeichnen könnte, deren thematische Zusammenhänge sich erst nach mehrfacher Lektüre zu erhellen beginnen, näherte sich Hesselholdt Ende der neunziger Jahre einer eher realistisch-mimetischen Spielart der Prosa an. Doch auch in ihrem von Kindheitserinnerungen geprägten Buch Hovedstolen (wörtlich: Der Hauptstuhl), verzichtet die Autorin auf einen episch durchgehenden Strom. Die insgesamt 50 kurzen Texte dieses Bandes verbinden sich zum Mosaik einer Kindheit, deren ruckweise Entwicklung gelegentlich erkennbar wird, die sich aber von keiner Deckerinnerung, von keiner Phantasie – auch nicht von Leitmotiven oder zentralen Metaphern – in eine trügerische Kontinuität zwingen ließe.
Es hat den Anschein, dass in der skandinavischen Gegenwartsliteratur »kleine« und »große« Muster in einem Prozess der wechselseitigen Subversion die interessantesten Texte entstehen lassen. Selbst Bücher, die nicht direkt einem Mischgenre zu subsumieren sind, weisen dabei Qualitäten einer reizvollen Hybridästhetik auf. In seinen Små historier (Kleine Erzählungen) kombiniert etwa der dänische Autor Peter Adolphsen die denkbar »größten« Themen (Wissenschaft, Metaphysik, Sprache, Wahrheit etc.) mit kleinstmöglichen Formen und erzielt dabei faszinierende wie humorvolle Kontrastwirkungen. In mehreren seiner Texte wird im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt gehandelt, allerdings nicht in Form eines philosophischen Groß-Essays, sondern in der Stillage einer ultrakurzen Sage, die die abenteuerlichsten Verbindungen zu anderen Genres eingeht – zu Genres allerdings, auf die bestenfalls angespielt wird und die sich nicht im Geringsten ausdehnen, entfalten können. In seiner Geschichte Die verstreuten Knochen bricht eine klassisch anmutende Expedition im Auftrag der Forschung nach 20 Zeilen ab und gleitet in einen rein naturwissenschaftlichen Diskurs hinein, in dem eine Schädelvermessung wie in einem ethnographischen Text der vorletzten Jahrhundertwende für einige Sekunden im Mittelpunkt steht. Der Schädel allerdings gehört nicht etwa dem Repräsentanten einer noch nicht kartographierten Rasse an, sondern Gott höchstpersönlich. Metaphysik und naturwissenschaftliche Präzision stehen sich plötzlich unvermittelt gegenüber. Doch trotz des zweifellos komischen Potentials dieses kurzen Textes wäre es verfehlt, von einer Parodie zu sprechen. Denn der feierliche Ernst eines Kindes, das sich spielerisch, mit Lineal und Phantasie, eine Wahrheit aneignet, jenseits aller Dogmatik, behält seine Würde. – Einen diametral entgegengesetzten Weg – im Verhältnis zur Methode Adolphsens – scheint die Norwegerin Trude Marstein einzuschlagen, die den in Skandinavien derzeit überall kultivierten Detailrealismus in einer bislang kaum bekannten Konsequenz verficht. Während sich Adolphsen teilweise so weit von seinen Gegenständen entfernt, dass er ganze Galaxien in den Blick bekommt und sich im Stil einer quasi-astronomischen Abhandlung an deren Beschreibung machen kann, rückt Marstein den Dingen dem Wortsinn nach derart auf den Leib, dass sich ihre Augen in Mikroskope zu verwandeln scheinen. Die Protagonisten ihrer kurzen Texte beschreiben merkwürdig verfärbte Hautfetzen auf der Unterlippe, Saugschnäbel von sezierten Stubenfliegen, Milchschleim in Mundwinkeln, Spermareste an den Innenseiten von Oberschenkeln oder Orangenfruchtfleisch in schlanken Gläsern. Die Unübersichtlichkeit des Lebens hat in ihrer Prosa solche Dimensionen angenommen, dass nur noch die Konzentration auf kleinste Partikel, auf winzige Veränderungen ein Gefühl von Kontrollierbarkeit vermitteln kann. Das Detail birgt dabei die letzte Ganzheit; Kleinstes und Großes stehen sich bei Marstein in kaum weniger origineller Weise gegenüber als bei Adolphsen.

Diese wenigen Beispiele dürften verdeutlichen, dass der Norden mitnichten »die Traumkulisse für eine Flucht in die Regionen des Eises und der Finsternis« darstellt, die selbst deutsche Literaturwissenschaftler gelegentlich in dieser Region erblicken wollen. Das »Sehnsuchtsland für das Lebensgefühl unter der Mitternachtssonne« – die Formulierung stammt aus dem August 2004, nicht aus dem Jahr 1804 – ist ein Produkt hartnäckigster Klischeevorstellungen, die in Deutschland immer noch nicht gänzlich überwunden sind.

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 Die in vorliegendem Band versammelten Texte überwiegend jüngerer Autoren aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland erheben keinen Anspruch auf Repräsentativität; auch wurden sie nicht unter der Prämisse ausgewählt, dass sie bestimmte ideologische oder ästhetische Präferenzen illustrieren sollten. Vielmehr ging es uns darum, das deutsche Publikum mit einer Reihe von Lyrikern und Prosaschriftstellern bekannt zu machen, die in ihren Heimatländern in den letzten Jahren mit ungewöhnlichen Themen oder Formen oder auch ganz einfach mit ihrem schriftstellerischen Können bei Lesern und Kritikern Anklang gefunden haben und von denen wir glauben, dass sie auch in Zukunft von sich reden machen werden. Die Abkehr von der epischen Breite, der vorurteilslose Blick auf das Detail, das ebenso unbefangene Interesse an den Naturwissenschaften, die literarische Erkundung der Lebensbedingungen des Menschen im 21. Jahrhundert und seiner Voraussetzungen ohne den bewährten Rückgriff auf konventionelle Erzählmuster und vorgefasste Deutungsmodelle, all das vereint die im übrigen höchst unterschiedlichen Gedichte und Prosatexte, die in diesem Band vorliegen. Das Bild, das diese Anthologie von der kontinentalskandinavischen Literatur der Gegenwart entwirft, ist, wie bereits angedeutet, notwendig ein subjektives. Wir hoffen aber doch, den Lesern einen gewissen Eindruck von der Vielgestaltigkeit, der Originalität und dem hohen stilistischen und formalen Niveau der Literatur unserer Nachbarn im Norden vermitteln zu können. Wenn uns dies gelungen sein sollte, so dank des Engagements einer ganzen Anzahl jüngerer wie auch längst etablierter Übersetzerinnen und Übersetzer, deren Engagement und Begeisterung die Voraussetzung für die vorliegende Anthologie war.
Klaus Böldl/Uwe Englert

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