Neue Rundschau 4/2004 Zur Übersicht

 

Inhalt

Standards

Harry Walter Ohne Maßstäbe. Standard als Suchmaske und Forschungslücke
Katja Schmid Edel sei das Metall, verformbar und knapp. Aus der Welt des Goldstandards
Markus Krajewski Zum Glück. Die Organisation der Welt um 1900
Moritz Wiedemann Ausgangspunkt
Harald Welzer »Dies ist kein Silentabteil!« Über soziale Verhaltensstandards, repressive Toleranz und kontraphobische Nachhaltigkeit
Offen ist gut, schneller offen ist besser. finger im Gespräch mit Johannes vom Fluss
Wolfgang Ullrich
Hat, kennt, braucht die Kunst Standards?
Annett Zinsmeister Lebens(t)raum im Bausatz. Eine Genealogie architektonischer Standards

Forum

Thomas Kling Auswertung der Flugdaten
Brandungsgehör. Nachbildbeschleunigung.
Thomas Kling im Gespräch mit Hans Jürgen Balmes
Tobias Lehmkuhl
Von Bienen und Wespen. Thomas Klings gelbschwarze Dichtung
Marcel Beyer Wacholder
Birgit Vanderbeke Anton Pawlowitsch Tschechow

Einsprüche und Nachreden

Martin Seel Der Geist der Dekonstruktion. Vom Philosophieren nach Derrida
Andreas Mayer Vom Werkzeugkasten zum Werk. Michel Foucaults Vorlesungen über die »psychiatrische Macht«
Uwe Justus Wenzel Die biopolitische Reduktion. Über Giorgio Agambens anthropologische Maschine
Thomas P. Weber Viktorianische Vernunft. Karl Pearson und die Geschichte der Statistik
Wolfgang Matz Willensverwirrung verwickelter Worte. Einige Anmerkungen zu Friedhelm Rathjens Moby-Dick und zum Übersetzen überhaupt

Editoral

Standards

Nichts naheliegender mit Blick auf den Begriff »Standard«, als sich seinen Standardgebrauch anzusehen, also zu einem Wörterbuch zu greifen. Da findet man neben »Durchnittsbeschaffenheit« und »Richtschnur« noch den »Lebensstandard« als Beispiel eines »Qualitätsstandards«, der im übrigen auch für Waren gelten kann, an deren Erwerb er sich schließlich bemißt. Etwas weniger geläufig ist der »Feingehalt« von Münzen, während die DDR-Variante für vorgeschrieben Normen eher als terminologischer Sonderfall gelten kann. Er wirft immerhin die Frage auf, warum eigentlich im bürokratischen Jargon der DDR aus Normen – alias »Deutsche Industrie Norm« – Standards werden mußten. War da mitgehört, daß Standards ein wenig mehr nach kühlem Sachzwang klingen, was in den großen ideologischen Rahmen angenommener geschichtlicher Gesetzmäßigkeiten besser passen mochte als die blasseren Normen? In ihnen meint man ein wenig deutlicher den Akzent auf der angesonnenen Setzung und moralischen Forderung zu hören, sofern man nicht gerade an DIN denkt. Doch vermutlich gilt, daß das Interessante an den »Standards« gerade dieser Spielraum zwischen in Anspruch genommener Sachlogik und normativem Akzent ist. Daß Standards im Gesellschaftlichen eine Norm implizieren, liegt auf der Hand. Aber auf einen Standard hinzuweisen, ist immer noch anderes, als die Einhaltung einer Norm anzumahnen. Daß dabei tendenziell weniger Begründungslast übernommen wird, entspricht eher einem Mehr an Nachdruck – was wiederum auf die Bedeutung von Standards als Minimalanforderungen verweist. Auf jeden Fall liegt zwischen technischer Normalausführung und sozialen Verhaltenserwartungen, zwischen Durchschnittsbeschaffenheit und Richtschnur ein Feld wenn nicht von stetigen Übergängen, so doch von Querbezügen. Auf diesem Feld bewegen sich die Essays des Themenschwerpunkts dieses Hefts. Und tatsächlich kommen alle Facetten in den Blick, die der Wörterbuch-Standard nennt, von den sozialen Verhaltensstandards zur Vorgeschichte der DIN, vom Goldstandard zur Geschichte standardisierter Bauelemente bis hin zu den Plattenbauten der DDR. Dem Impetus der Standardisierung, der auf nicht weniger als die Welt ausgreift, wird ebenso nachgegangen wie möglichen tiefliegenden Voraussetzungen für fehlende Standards im gesellschaftlichen Verkehr. Was dabei im sozialen Umgang häufig als Manko wahrgenommen wird, kann sich im Feld zeitgenössischer Kunst immer noch ganz gut halten: der Verstoß gegen Standards als Übung in der Behauptung des Kunstanspruchs. Kein Weg führt da an Platon als Antipharmakon vorbei; dafür führt ein anderer Weg zu überraschenden handwerklich-sportlichen Anwendungen, die von Sicherheitsstandards zu machen sind. Von Platon zur Umgehungstechnik: Es kann als bloßer Standard nicht gelten, was von Standards auf den folgenden Seiten zu lesen ist. Helmut Mayer

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