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Neue Rundschau 2005/1

Neue Rundschau 1/2005
192 Seiten
Preis € 10,00
ISBN 978-3-10-809060-9

Inhalt

STATT KUNST

Wolfgang Ullrich Vorsicht mit Blankoschecks! Wie die Autonomie der Kunst zum Verhängnis wurde
Christian Demand Warum ist »Kunst« ein Singular?
Hanno Rauterberg Sehnsucht Leben. Von der verzweifelten Suche der Kunst nach sozialer und politischer Bedeutung
Wolfgang Zinggl Was Kunst wird. Einige grundsätzliche Überlegungen

FORUM

Christian Schloyer Pinkarnation. Gedichte
Robert McLiam Wilson Die Geträumten
Alfred Kolleritsch Gedichte Menschenopfer. Les Murray im Gespräch mit Thomas Poiss über Dichtung und Religion, Europa und Australien, den Vers-Roman Fredy Neptune und den Schwarzen Hund
Les Murray Leerer Koffer. Gedichte
Wolfgang Bächler Es schnurrt durch München
Wolfgang Bächler Kata–Strophen
Verena Nolte Erinnerung an einen lebenden Dichter. Wolfgang Bächler zum 80. Geburtstag
Felicitas Hoppe Sieben auf einen Streich. Konstanzer Vorlesung

EINSPRÜCHE UND NACHREDEN

Martin Seel Grenzfälle der Selbstbestimmung. Über die Teilnahme am Leben und Sterben anderer
Thomas P. Weber Von der Ameise lernen. Neues zur Faszinationsgeschichte der Insekten
Natascha Gentz Was einem Kavalier so bleibt. Xu Xings Romandebüt zwischen Arglosigkeit und Auflehnung
Erik Wallrup Nietzsches drittes Ohr

 

Editoral

Ob es sich bei etwas um Kunst handelt, weiß jeder. Warum es sich bei etwas um Kunst handelt, ist dagegen eine Frage, über die man streiten kann. Wenn auch eher darüber, ob sie zu stellen überhaupt Sinn hat, denn über mögliche Antworten. Nicht, daß es an solchen Antworten gemangelt hätte, zumindest bis vor einigen Jahrzehnten. Aber seitdem, ungefähr seit dem Auftauchen des Ready-made, gilt die bescheidene Auskunft: Kunst ist, was als Kunst auftritt – ob nun im privaten Album, in der Kreissparkasse oder im großen Haus. Weil Kunst schlicht das ist, was im System Kunst verarbeitet wird, ist der Kunst auch nicht zu entkommen. Kein Weg führt ins Leben und überhaupt keiner aus dem Kunstsystem hinaus. Das sind recht bescheidene Einsichten. Aber immmerhin genügen sie bereits, um vieles von dem, was über Kunst geredet und geschrieben wird, als recht verschlissen zu empfinden. Die Werbetexte fast jeder Ausstellung erwecken diesen Eindruck, und allein daran zu denken, daß es immer noch Kunsthochschulen gibt, berührt so merkwürdig, als hätte sich das 19.Jahrhundert greifbar ins übernächste gerettet. Natürlich läßt sich kaum erwarten, daß alle Mitspieler im Kunstsystem – oder doch besser: in den verschiedenen Kunstsystemen – in jener Nüchternheit exzellieren, die man als Antwort auf die mittlerweile erreichte Historisierung des Systems Kunst nicht unsympathisch finden würde. Aber daß es gar so wenige sind, die sich der Vollmundigkeiten entschlagen, möchte man auch nicht so ohne weiteres durchgehen lassen. Selbst wenn man konzediert, daß die überkommene Rhetorik der Kunstkommentare einfach zu leicht bei der Hand ist und mittlerweile selbst Seniorenrunden restlos von den Segnungen rezenter Avantgarden überzeugt – sie wird dadurch um keinen Deut interessanter. Zu den Vollmundigkeiten zählen auch manche Erklärungen über das Ableben einer alten und den Aufbruch einer neuen Kunst, ob nun im Zeichen der guten alten neuen Medien oder gleich direkt im Zugriff auf soziale und politische Fragen. Auf einige wird man im Thementeil dieses Heftes stoßen. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, daß auch diese Wendung ›ins Leben‹ Spätfolge einer Überforderung ist, die gern unter dem Signet ›Autonomie der Kunst‹ verhandelt wurde und wird. Weshalb ein Streifzug durch die Geschichte dieses Topos ein naheliegender Auftakt ist. Vorsicht ist freilich auf dem Kunstterrain geboten. Das Lächerliche und Langweilige ist oft nur ein Schrittchen weit entfernt von der gut gesetzten Pointe, der gelungenen Wendung. Je weiter das Spielfeld – und jenes der Kunst ist mittlerweile unbegrenzt –, um so schwieriger wird dieses Spiel. Das heißt, müßte es eigentlich werden. Allerdings scheint das Kunstsystem einstweilen für den weitgehenden Dispens von solchen Anforderungen zu sorgen. Das kann man als Zeichen einer unumgehbaren Risikofreudigkeit lesen: Wo nicht weniger als die Kunst auf dem Spiel steht, ist noch jeder Fehlschlag immerhin ein Versuch, das Unverfügbare zu treffen. Man könnte daraus aber auch mit wohlkalkulierter Naivität die Forderung ableiten, das Ziel etwas niedriger zu hängen. Das Spiel gewänne dadurch vielleicht. Helmut Mayer
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