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Neue Rundschau 2005/2

Neue Rundschau 2/2005
200 Seiten
Preis € 10,00
ISBN 978-3-10-809061-6

Inhalt

Thomas Mann

Wörterbücher

Rainer Maria Kiesow Abcedarium. Von den Trümmerstätten der Wörterbücher
Ralf Konersmann Figuratives Wissen. Zur Konzeption des Wörterbuchs der philosophischen Metaphern
Karl-Heinz Kohl Lamaholot. Geschichte eines Wörterbuchprojekts Wolfgang
Ullrich Edle Einfalt, stille Größe. Über eine epochemachende Formel aus dem Wörterbuch der Kunst
Thomas Macho Die Bäume des Alphabets

Thomas Mann

Richard Powers In den Docks
Alberto Manguel »Exkurs über den Zeitsinn«. Aus dem Tagebuch eines Lesers: Thomas Mann, Der Zauberberg
Michael Lentz Thomas Mann, August 1955
Michael Cunningham Am Lido
Dieter Forte »Der Zauberberg stimmt nicht.« Roman und Realität

Werkgespräch

»Es ist schon ein eigenartiges Schreiben…«. Der Schriftsteller Dieter Forte feiert am 14. Juni seinen 70. Geburtstag. Ein Gespräch mit Matthias Kußmann

Forum

Oscar van den Boogaard Spiegelbild der Schuld
Marlene Streeruwitz Wie man sich als Mädchen einen Mann sein lassen kann. Die Leiden des jungen Werthers. Konstanzer Vorlesung
J. Hellmut Freund Ausgewandert – Eingewandert. Aus: Vor dem Zitronenbaum

Einsprüche und Nachreden

Martin Seel Weil es so gut ist. Noch einmal Geisteswissenschaften
Kirsten Mahlke Adieu voyages – adieu sauvages! Vor fünfzig Jahren erschienen Claude Lévi-Strauss’ Traurige Tropen
Thomas P. Weber Ut plures sint! Über Häretiker, Reformer und andere Darwinisten
Mark Thompson Gegen die Todsünde Banalität. Danilo Kis zum 70. Geburtstag

Editoral

Um Wörterbücher also, oder etwas genauer doch, um eher ausgefallene Wörterbücher geht es im ersten Thementeil dieses Hefts. Das ist immer noch ein weites Feld, denn im Genre der Wörterbücher mangelt es schließlich nicht an Merkwürdigkeiten – ganz abgesehen von den zahlreichen literarischen Anverwandlungen, die das von A bis (manchmal) Z geordnete Wissen pastichisieren, ironisieren und zum Motor enzyklopädischer Phantasien machen. Dergleichen hat eine lange Geschichte, an der man ablesen zu können meint, daß die alphabetische Ordnung – neben dem impliziten Anspruch auf Vollständigkeit – zu solchen literarischen Persiflagen und Übersteigerungen geradezu herausfordert. Als Darstellungprinzip steht das Alphabet für die Lizenz, sich nicht um eine den verhandelten Dingen irgendwie ›angemessene‹ Ordnung kümmern zu müssen. Solche Entlastung war historisch kein kleiner Schritt, wie Thomas Machos Rückblick auf die ›Alphabetbäume‹ zeigt, in denen sich das Prinzip der alphabetischen Reihung noch mit dem mehr oder minder streng hierarchisierten, auf historische wie logische Ableitungsverhältnisse hinauslaufenden Schema des Baums verbindet. Kaum aber ist das Alphabet als Ordnungsform der Enzyklopädie fest etabliert (mit Moréris Dictionnaire von 1674), beginnt auch schon das Spiel mit dieser arbiträren Form der alphabetischen Organisation des Wissens. Von Bayle, der seinen Dictionnaire critique gegen Moréri schreibt und dabei das alphabetische Versteckspiel in subversiver Absicht erfindet, führt eine Traditionslinie bis zu jenem seltsamen »Dictionnaire critique«, den Bataille, Leiris und einige andere Autoren Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts in den Heften der Zeitschrift Documents fortschreiben. Rainer Marie Kiesow erweist ihr in seinem Beitrag eine elegante und das kann hier freilich nur heißen, eine im Wörterbuchformat gehaltene Reverenz. Fremdsprachenwörterbücher wirken wie solide Bastionen gegen solche Extravaganzen. Doch lassen sie auch an eine Frage denken, die insbesondere von Philosophen analytischer Provenienz gerne so weit zugespitzt wurde, daß der feste Boden zu schwanken begann: Wie kann die schrittweise Übersetzung einer ›vollkommen‹ fremden Sprache überhaupt verläßlich gelingen? Philosophische Nullpunktszenarien sind nie nachzustellen, aber der Versuch des Ethnologen Karl-Heinz Kohl, sich ein Wörterbuch seiner Gastgeber zusammenzustellen, darf als realistische Annäherung gelten. Wolfgang Ullrichs Geschichte der Formel ›Edle Einfalt und stille Größe‹, von Winckelmann vor genau 250 Jahren geprägt, verweist dagegen auf ein ›Wörterbuch‹ ganz anderer Art. Es enthält hervorstechende Wendungen, die in den Debatten über Kunst zu Gemeinplätzen wurden. Kunst mag nicht auf den Begriff zu bringen sein, doch Kurzbiographien von Formeln wie jener Winckelmanns lassen Facetten ihres Begriffsgeschichte schön hervortreten. In dieser Hinsicht sind sie den Metaphern gar nicht unähnlich, die das Wörterbuch der philosophischen Metaphern versammeln wird, dessen Grundriß Ralf Konersmann vorstellt. Metaphorologie gräbt freilich noch etwas tiefer, denn die Gegenstände ihres Interesses erlauben, sofern sie nur ›tief‹ genug liegen, die Spielräume begrifflicher Innovationen und theoretischer Haltungen zu erschließen. Die alphabetische Anordnung wirkt da fast wie ein disziplinierendes Komplement zur untergründigen Bewegung. Der naheliegenden Versuchung, auch die Beiträge dieses Thementeils alphabetisch anzuordnen, konnte zuletzt gerade noch ausgewichen werden. Auch einer der berühmtesten Mitarbeiter der Neuen Rundschau wußte sich des Wörterbüchs – unter sehr vielen anderen Büchern – durchaus zu bedienen, wenn es galt, die Szene eines Romans auszugestalten. Zu sei-nem fünfzigsten Todestag am 12.August enthält dieses Heft eine kleine Hommage an Thomas Mann. H.M
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