Neue Rundschau 2/2015 Zur Übersicht

 

Inhalt

Alena Wagnerová
Sie war ein lebendiges Feuer

Milena Jesenská
Briefe aus dem Gefängnis


MOBY-DICK

Moby-Dick– Ein historisch-spekulativer Kommentar

Ethel Matala de Mazza
Kapitel 12: Biographical

Friedrich Balke
Kapitel 26: Knights and Squires

Niels Werber
Kapitel 27: Knights and Squiresvv


LYRIKRADAR

Tom Schulz
Mexikanische Strophen

Peter Balakian
Armenien 2015

Miron Białoszewski
Gedichte

Shimon Bouzaglo
Gedichte

Gundula Schiffer
»Desiring Texts


CARTE BLANCHE

Anne Weber
Der freie Wille in Liebesdingen

Franz Mon
»Das Sehen mit dem Denken verbinden«

John Berger
Ein oder zwei Blätter über Wachsamkeit

John Berger
Ein Geschenk für Rosa

Michael Lentz
Die Rede ist vom Schweigen

Manuela Reichart
Die Kunst ist lang, das Leben kurz

Martin Lüdke
Geboren in Schwyz, zu Hause in der Welt – der Poesie

Sandra Burkhardt
Ekphrasis und Montage bei Friederike Mayröcker

Oksana Sabuschko
Das ukrainische Palimpsest


BEILAGE

Reinhard Kaiser-Mühlecker
Ankleben verboten!
Die Technik des Schriftstellers in 13 Thesen

Editoral

»Woher so viel Freude / beim Anblick des Busses?« Miron Białoszewski

Jeder Leser eines Magazins kennt dieses Gefühl. Es ist dunkel, ein Bus fährt vor, hinter bald glänzenden, bald von innen beschlagenen Scheiben schimmert eine Galerie von Gesichtern, unbekannten, halbwegs bekannten, scheinbar nur allzu bekannten. Und wenn der Bus die Station verlässt, ist der eine oder andere dieser Fahrgäste ausgestiegen, hat sich auf die Bank neben den Leser gesetzt und wartet – darauf, dass der Leser ihn nach anderen Reisen, anderen Passagieren befragt, nach anderen Fahrplänen, Reiserouten. Oder vielleicht macht er nur Rast und wartet auf den nächsten Bus, der ihn wieder mitnimmt.

»Der Pollen aus Staubbeuteln verbrannte Deinen Stift.«
Peter Balakian

29 Jahre lang hat Michael Krüger einen der schönsten Busse kutschiert, die Akzente. Keiner hat in den letzten 40 Jahren so viel zur Multiplizierung unserer literarischen Fahrpläne beigetragen wie dieser Chauffeur. Ossip Mandelstam, den der Vers mit dem verbrannten Stift meint, war in jenen Jahren einer der Passagiere mit einem Vorabdruck von Ralph Dutlis Edition der Armenischen Reise. Oder Peter Handkes Übersetzungen von René Char. Oder das Michaux-Heft, das man beim Verlag dreimal nachbestellte, weil es immer einer zurückzugeben vergaß. Sie alle waren Gäste und Passagiere in einer Zeit, die man als die von 68 entliterarisierte Zone nennen muss. Zahllose deutsche Lyriker hatten in den Jahren ihr Debüt in seinem Heft, Essayisten, Aphoristiker, vergessene Surrealisten und Autoren von geometrischen Abenteuerromanen – all jene, denen die Gattung, in der sie schrieben, den einfacheren Weg zum Buchmarkt versperrte, saßen in dem Bus. Über 17 000 Seiten, hinübergewehte Blätter, poetische Kassiber:

»Das Züngeln nach einem entzündeten Docht.«
Tom Schulz

Dieser Reichtum ist durch ein weites Netz entstanden, das von Neugier geführt, sich doch nie thematisch verengen ließ. Und das ist vielleicht ein wesentliches Moment aller Literaturzeitschriften – dass in ihnen etwas Un--erwartetes zu einer möglichen Begegnung führt, die man als Leser nicht mehr vergisst. In einer Zeitschrift, noch nicht als Buch publiziert, scheinen viele Texte offene Enden zu haben, und diese offenen Enden sind so durchlässig wie das »poetische Ich« von Friederike Mayröcker, in dem sich Autorin und Leser, Kommentatorin und Schreibende treffen: ein Sausen von Texten, ein Träumen von ungeschriebenen Gedichten:

»o Worte! / ihr / setzt / Ding an.«
Miron Białoszewski

Durch einen überraschenden Fund in Prag wurden vierzehn Briefe entdeckt, die Milena Jesenská, die frühere Freundin und Geliebte Franz Kafkas, in der Gefangenschaft geschrieben hat. Nach ihrer Festnahme im -Februar 1940 durch die Gestapo waren die Gefängnisse in Dresden und Prag und schließlich das Konzentrationslager Ravensbrück ihre Stationen. Die bewegenden Briefe an ihren Vater und an die Tochter Honza sind ein erschütterndes Zeugnis, das ihr, die fast ausschließlich im Kafka-Kontext wahrgenommen wird, eine authentische Stimme verleiht.

Sie erhalten also ganz besondere Post. Warten Sie also bitte weiter auf Busse, schreiben Sie Briefe und bleiben Sie den Versen treu!

Hans Jürgen Balmes
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