Neue Rundschau 3/2015 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2015/3

Neue Rundschau 3/2015
192 Seiten
Preis € 15,00
ISBN 978-3-10-809103-3

Inhalt

ERZÄHLEN :: WISSEN

Richard Powers
Was weiß die Literatur?

J. M. Coetzee
Die alte Frau und die Katzen

Jan Wilm
Überlistungsduell mit dem Leser

Kenzaburō Ōe
Der Tag, an dem eine neue Izumi Shikibu geboren wurde

Leopold Federmair
Reflexion und Naivität

Anne Weber
Ahnung und Vergangenheit

Arthur Miller
Tod eines alten Mannes

Arundhati Roy
Kapitalismus

Richard Powers
Der Geist in der Flasche


MOBY-DICK

Harun Maye
Kapitel 72: The Monkey-Rope

Matthias Bickenbach
Kapitel 96: The Try-Works

Nicolas Pethes
Kapitel 98: Stowing Down and Clearing Up


LYRIKRADAR

Anne Carson
Variationen auf das Recht zu schweigen

Kevin Powers
Über Larry Levis

Larry Levis
Wespen und Sterne

Jan Volker Röhnert
Von Amseln und Spatzen – Neun Gedichte


CARTE BLANCHE

Chimamanda Ngozi Adichie
Mehr Feminismus!

David Cronenberg
Der Käfer und die Fliege

Adam Thirlwell
Eine kurze Geschichte des Schocks

Ernst-Wilhelm Händler
Die Romantik, die Roboter und die hegelsche Wirklichkeit

Hans-Jürgen Heinrichs
Reise ins Sagbare

Gerhard Roth
Die Fremden, die Fremdheit und das Fremde in uns

Oksana Sabuschko
Das ukrainische Palimpsest


BEILAGE

Ilja Trojanow
Ankleben verboten! Schreiben schwer gemacht in 21 Schritten

Editoral

Vor Jahren betreute ich als Lektor ein Buch, geschrieben von einem Freund, dessen Ende mich aufwühlte – der Pilot hat einen Schlaganfall, der Sohn eines Passagiers übernimmt, der mit seinen Kenntnissen von Videospielen den Flieger sicher zur Landung bringt. Ein Märchen am Schluss. Monate später gewinnt in der Wirklichkeit ein Anfänger beinahe sein erstes Grand-Prix-Rennen: Er hat die Strecke an seiner Playstation von Kind an geübt.
Die Linie der Plausibilität hatte sich verschoben. Liest man zu viel Dostojewskij, glaubt man einer mit metaphysischer Panik unterlegten Psychologie alles. Die Wissenschaften, die Dostojewskij noch mit einem starrenden Blick an die Schultafel bannen wollte, waren immer schon überall, und seit die Sciences zu Apps geworden sind, sind sie oft als solche nicht zu erkennen. Hidden lines, moving frontiers.
Zum Selbstmarketing muss jeder seine Geschichte haben. Bieretiketten erzählen die Entstehung des Inhalts aus 1000 Meter Höhe, aus 7 Quellen, nach Reinheitsgebot. Nach der Plausibilität fragt keiner, solange die Geschichte gut klingt. Aber wenn alles unablässig zu Geschichten gewendet wird, storytelling zum Date genauso gebraucht wird wie bei der nächsten Vertreterkonferenz, was ist dann noch relevant? Allein die Akzeptanz? Die Selbstaussage wird zum Selfie, auf dem man auf die immer gleiche Weise sich selber über die Schulter blickt, best look. Und der Roman zu einem Bandwurm aus sich selbst verzehrenden und wieder generierenden Sehnsüchten, Ängsten und Träumen an der Krücke von Realitätspartikeln? Eine Serie, ein Fest für Kulissenbauer, die die alten Erzählmuster zum High End hochrecyclen. Aber was wissen sie noch von der Welt?
Und hier begegnet die Erzählung wieder dem Wissen – dem alten Gegengewicht im Kiel der Geschichte, das man aber nicht als Steine mit an Bord bringen und unter Deck verstauen kann, sondern das sich während des Törns da unten ablagert. Das ist die Arbeit des Erzählens – ein Gegengewicht aus Verknüpfungen, Assoziationen, Widerspruch und Affirmation entstehen zu lassen. Diese Steine entscheiden, ob die Geschichte nicht nur plausibel, sondern auch wahr sein kann, ob sie über die Idee eines fortgesponnenen Einfalls hinaus Relevanz besitzt. Und nur mit diesem Gewicht segelt man gegen den Wind.
Man muss sich die Fragen nur stellen.

Hans Jürgen Balmes
0 Artikel  0 €