Neue Rundschau 3/2005 Zur Übersicht

 

Inhalt

Shuffle Songs

Chuck Klosterman Crazy – In – Love. Ein Logbuch
John Berger A Song for Tom
John Berger Die andere Seite der Leidenschaft
Tom Waits The Heart of Saturday Night. 1974
Jack Kerouac Beat Haikus
Adam Thirlwell On Not Understanding The Words
Joseph O’Connor »Gloria« von Patti Smith
Matthias Göritz Songs für Tom Waits
Rodrigo Fresán Bob… verzweifelt gesucht
Michael Bossong The music is telling you what to play. Das Amerikanische Songbook des Keith Jarrett Trios
Henning Ahrens KOMMIENEZUSPADT
Audrey Niffenegger Song Of The Womb
Sjón Die Ballade von Liebe und Betrug
Sarah Emily Miano Ikone
Jim Jarmusch Tom Waits Meets Jim Jarmusch, aus Straight No Chaser, Oktober 1992

Werkgespräch

Vom Widerstand der Dinge. Bruno Latour im Gespräch mit Andreas Mayer über symmetrische Anthropologie, die Suspendierung des Sozialen, ANT, das Phantom und einige Mißverständnisse

Forum

Barry Lopez Die Mauern von Yogpar. Erzählung
Sabine Schiffner Wege. Gedichte
Marko Martin Das große Rätsel. Nachdenken über Georges Simenon. Konstanzer Vorlesungen

Einsprüche und Nachreden

Carolin Emcke Das Paradox der Würde. Rede anlässlich der Preisverleihung »Das Politische Buch 2005« am 12. Mai 2005
Martin Seel Das Wagnis des Scheiterns. Fassbinder-Notizen
Horst-Jürgen Gerigk Gibt es unverständliche Dichtung?
Roland Spahr Hans Keilson zu Ehren. Rede anlässlich eines Empfangs in Bad Freienwalde am 10. Mai 2005

Editoral

                                                                                               When we were walking on water
                                                                                                           Rickie Lee Jones

Vielleicht stimmt es, wenn Karlheinz Stockhausen meint, die Qualität der hier gehörten Musik wäre entscheidend für unser späteres Leben. Aber wenn wir keine Lieder gehört hätten, wäre auf anderen Sternen nichts zu erzählen. Wir reisen mit Songs, Liedzeilen, Akkordsplittern, halbvergessenen Versen, verlorenen Refrains – Soundtrack unseres Lebens, Inneneinrichtung unserer Gefühle, Zeitmaschinen für unsere Gedanken.
Einmal lag die Musik vibrierend über der Landschaft, überall packten Jungs ihre Gitarren aus, die Mädchen gingen ans Mikrophon, und nur die Schlagzeuger kannten sich manchmal nicht richtig aus, aber wenn es klappte, lagen sich alle eight miles high in den Armen. Abends am Meer trauten wir uns nicht, das Radio abzustellen, denn mit jedem neuen Song konnte sich alles ändern, als ob die Welt oder einfach nur die Liebe von den Tasten einer Jukebox abhingen: 4a2z.
»The last time I saw Richard was Detroit in sixty-eight« – das Klavier klingt ungeduldig aus den hohen Lagen, will mit hastigen Anschlägen an unser Ohr, dazwischen ruhige Stellen, in denen sich die Harmonie wie in einer schattigen Mulde sammelt: dann die Stimme, die erzählt, wie Richard prophezeit, dass wir alle als angetrunkene zynische Romantiker in dunklen Cafés enden. Und auch dann würden wir immer noch den »pretty lies« glauben – doch nun fliegt die Stimme, und wir singen mit oder versuchen es zumindest, und alles ist so schön, dass Richard mit seiner Eislaufprinzessin, der Geschirrspülmaschine und dem »coffee-perculator« gar nicht Recht behalten kann – er hat keine Ahnung, »love can be so sweet, so sweet«. Durch die Stimme wird die kitschige Fügung zu einer gleißenden Wahrheit – ein Appell, unterwegs zu bleiben, zum nächsten Strand, zum nächsten Song im Radio.
Das Lied kam aus Kalifornien, wie damals so viele. Am Ende der Route 66 saßen Menschen am Strand, lauschten auf die Klänge in Osten und Westen und schrieben Lieder, auf die es ankam, definierten das Great American Songbook neu, und mit jedem Song machten wir weite Reisen, erreichten fernere Sterne.
Über dreißig Jahre später nahm Joni Mitchell ihr Lied wieder auf. Das ungestüme Pulsen des Klaviers weicht einer sanften Orchestrierung. Die golden-helle Melancholie der ersten Aufnahme, die so viel Ernst in sich trägt, aber so viel Verheißung in sich birgt, ist matt geworden: die dunkle sinnliche Stimme scheint immer zerbrechlicher, bis sie doch abhebt: »all good dreamers pass this way someday«. Nun hat der Blues uns doch.
Zwischen den beiden Versionen liegt ein dunkler Spiegel, eine Biographie, die Entwicklung des Pop und jene »dark café days«, in denen unsere Sehnsucht so greifbar und konkret ist wie die Orte in den Liedern: Alburquerque und Buffalo, Los Alamos und Chelsea Hotel. Mit jeder Silbe singt das Lied uns, und für einen Moment sind wir selbst so unnahbar und unangreifbar wie seine Töne, der Song ist eine Emotionsmaschine, die Wasserwaage für »dark café days«, eine Fahne für die Unbedingtheit, mit der wir hören und leben.
H.J.B

0 Artikel  0 €