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Neue Rundschau 2005/4

Neue Rundschau 4/2005
184 Seiten
Preis € 10,00
ISBN 978-3-10-809063-0

Inhalt

Heiligenleben

Henri Michaux Ein Weg für das Aufbegehren
Wolfgang Sofsky Heilige Askese. Die religiöse Erfahrung der Wüste
Christian Kiening Familienroman, christlich besetzt. Eine Heiligenlegende als Kippfigur
Dorothea Hollnagel Ende einer Offizierslaufbahn. Über Reliquienkonkurrenz und einen ungewöhnlichen spätantiken Heiligen
Bernhard Lang Verehrt, geschmäht und von Voltaire gerettet. Über den heiligen Josef von Ägypten
Francis Ponge Schnecken
Nicole Janowski & Christian Meyer Ungeheure Heilige. Gottheiten, Geistwesen und Blutopfer in den afro-brasilianischen Religionen
Rainer Maria Kiesow Mandarinen

Forum

Michael Krüger Meditationen unter freiem Himmel. Gedichte
Die Wege des Dichters.
Ein Gespräch zwischen Michael Krüger und Piero Salabè
Oliver Vogel Vertrauen in Sprachskepsis. Laudatio zur Verleihung des Preises der Literaturhäuser an Michael Lentz, gehalten am 13.Juni 2005 im Münchner Literaturhaus
Michael Lentz Kredit. Ein Protokoll
Joachim Kersten In einem zerbrochenen Spiegel. Dieter Forte zum 70. Geburtstag
Dieter Forte Über Literatur und den Untergang der Welt. Dankesrede zum Erhalt des Grimmelshausen-Preises, gehalten am 13.Oktober 2005 in Renchen
Etgar Keret Simion
Claudia Rusch Die Wahrheit ist … mit Bulgakow auf der letzten Bank. Konstanzer Vorlesung

Einsprüche und Nachreden

Martin Seel Teilnahme und Beobachtung. Zu den Grundlagen der Freiheit
Helmut Böttiger Elefantenrunden. Walter Höllerer und die Erfindung des Literaturbetriebs
Walter Schübler Bilder und Retouchen. Edward Timms zweiter Teil der Biographie von Karl Kraus und eine Neuedition von dessen Briefen an Sidonie Nádherný
Willi Goetschel und David Suchoff Das Vermächtnis des deutschen Judentums. Hermann Levin Goldschmidts unzeitgemäße Betrachtung

Editoral

»Der Gott, der unbeschadet seiner auch nachher fortdauernden Macht erschossen wird. Ausdrucksvolle, schwer analysierbare Vorstellung.«
Robert Musil, Tagebücher

In den Spuren von Ernst Bloch findet sich das Stück über den »Armen und reichen Teufel«. Die Geschichte geht so: Ein reicher amerikanischer Unternehmer lässt einem Bergarbeiter den Schliff der großen Welt angedeihen und schickt ihn auf eine dreijährige Weltreise, versehen mit genügend Kreditbriefen, so dass noch die ausgefallensten Wünsche in Erfüllung gehen. Doch der Glückspilz musste zuvor auf eine Bedingung eingehen: Nach diesen drei Jahren ins Bergwerk zurückzukehren, wieder in die Grube zu fahren, als wäre nichts gewesen. Das tut der junge Mann denn auch, nach drei Jahren Luxusleben. Doch statt die vorgeschriebenen zehn Jahre im Bergwerk zu bleiben, fährt er kurz darauf zu seinem Gönner nach New York und erschießt ihn.
Der Arbeiter wurde freigesprochen, wie Bloch weiter erzählt. Doch nicht darauf kommt es an, sondern auf Blochs Begründung: »Ist das Leben, das mit uns spielt, anders als der reiche Mann, der gute? Zwar er selber ist aufzuheben und der Arbeiter erschoß ihn; … Aber der reiche Mann steht noch wie ein Götze des anderen Schicksals da, unseres naturhaften mit dem Tod am Ende, dessen Roheit der reiche Teufel ja kopiert und sinnfällig gemacht hat.« Da ist gleich der Punkt berührt, an den keine »Aufhebung« heranreicht, und konzediert ist, dass die Theologie einen Vorsprung hält, den keine innerweltliche Umwälzung egalisieren kann.
Bloch spinnt das aus, indem er den reichen Teufel dem Calvinschen Gott vergleicht, der gerade den vermeintlichen »Heiligen« in die Verdamnis stürzt, der sich sicher im Gnadenstand wähnt. Und so sieht seine Folgerung aus: »Kein Mensch könnte es dem ›Heiligen‹ verüblen, wenn er diesen Gott abschösse wie der Arbeiter den Millionär.« Das ist ein Theologumenon der besonderen Art, gemildert scheinbar durch die Anmutung, es ginge nur um »diesen«, nämlich Calvins dunklen Gott. Doch nichts in Blochs Lesart der Geschichte zwingt zu dieser Einschränkung. »Calvin hin, Hölle her: im Tod, der keinem sein eigener Tod ist, per definitionem sein kann (denn unser Raum ist immer das Leben oder was mehr, aber nicht was weniger als dieses ist) – auch im Tod ist etwas von jener reichen Katze, die die Maus erst laufen läßt, bevor sie sie frißt.«
Mit dem Befreiungsschlag gegen Gott kann es selbstverständlich nichts werden, denn weder »hat man je Gewisses von diesen Dingen gehört, noch ist das Gericht bekannt, das uns freisprechen würde.« Weshalb auch die Schlusswendung, dass der Revolver des Arbeiters immerhin »schon sehr sympathisch« sei, eigentlich ins Leere geht. Aber es ist das Reizvolle an diesem dicht gefügten Stück, dass man nicht ohne weiteres sagen kann, dies geschehe gegen die Intention des Autors.
Blochs Geschichte blendet aus, was den Heiligen zuallererst zum Heiligen macht: seine bedingungslose Unterwerfung. Ohne durchdringendes Gefühl der Abhängigkeit kein Gläubiger und erst recht kein Heiliger. Doch auch wenn man Blochs fiktiven Heiligen beiseite setzt: Es bleibt genug Merkwürdiges an den Heiligenleben, ob nun auf christlichem oder anderem Terrain. Einige Facetten dieses kaum auszuschöpfenden Gegenstands, aus recht unerschiedlichen Perspektiven anvisiert, finden sich auf den folgenden Seiten im Thementeil dieses Hefts.
H. M.
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