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Neue Rundschau 2006/2

Neue Rundschau 2/2006
192 Seiten
Preis € 10,00
ISBN 978-3-10-809065-4

Inhalt

Geisteslandschaften

Jürgen Kaube Das Mengengerüst des Geistes. Zur quantitativen Bestimmtheit der schönen Wissenschaften
Wolfgang Ullrich Der Geist als Freelancer. Vom Geschmack des zahlenden Publikums an Geisteswissenschaftlern
Martin Seel Lob der Einzelforschung – oder: Auszüge aus dem Wörterbuch des universitären juste milieu
Sibylle Peters Forschendes Lernen, Forschendes Lehren. Überlegungen zur Geistesgegenwart im Auditorium
Wolfgang Kemp »Natürlich«. Die Geisteswissenschaften in Zeiten biologischer Korrektheit

Forum

Peter Stamm Die Erwartung. Eine Erzählung
Anne Carson Jeder Abschied eine Ankunft. Ein Lob des Schlafs
Die Koffer der Worte öffnen.
Anne Carson im Gespräch mit Alexander Gumz, Karla Reimert und Uljana Wolf über Dichtung, Philologie, die Eigendynamik der Worte, Mütter sowie das Fragen
Anne Carson Erhabenes
Uwe Wittstock Vom Glück des Verschwindens im Zeitalter der Imperien. Ransmayrs Romane als Musik und Modell
Hans Rudolf Vaget Ein unwissender Magier? Noch einmal der politische Thomas Mann
Chuck Klosterman Billy Sim

Einsprüche und Nachreden

Peter Bürger Bert Brecht damals und heute

Editoral

Was Geist eigentlich nütze, ist eine heikle Frage. Die Feuilletondebatten rund um die Geisteswissenschaften führen es vor Augen. Bemühen sich Geisteswissenschaftler darum, den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Disziplinen einsichtig zu machen, wirkt das schnell etwas verquält. Ob nüchtern oder emphatisch geworben wird: Es scheint auf eine Art von Umwegrentabilität hinauszulaufen, der gegenüber sich die ›geistfreien‹ Fächer durch eine direktere – wenn auch im Einzelnen oft undurchschaubare – Orientierung an gesellschaftlicher Verwertbarkeit profilieren können. In diesem Spiel scheint für die Geisteswissenschaften kaum etwas zu gewinnen. Im Hintergrund steht, dass zerfallende Selbstverständlichkeiten offensichtlich nicht argumentativ zu beheben sind: Wo Bildung, als unterstellter Zweck von Geisteswissenschaften genommen, unter legitimierende Nutzenanforderungen gestellt wird, ist sie bereits hoffnungslos in der Defensive. Solche Nutzenanforderungen sind innerakademisch zwar suspendiert, aber von akademischer Nützlichkeit müssen die geisteswissenschaftlichen Institute an ihren Universitäten natürlich sein, und das heißt mittlerweile zumindest: effizient, eindeutig profiliert, anschließbar, transdisziplinär, syn-ergetisch, drittmittelstark und neuerdings auch exzellenzclustertauglich. Nahe-liegend deshalb, das Regime und die Begriffe näher in Augenschein zu nehmen, mit denen dem Geist in den Universitäten auf die Sprünge geholfen werden soll. Zum Blick auf die gegenwärtigen Verhältnisse fügt der Thementeil dieses Hefts einen Rückblick in Berliner Hörsäle des frühen 19.Jahrhunderts, in denen der forschende Geist sich in eindrucksvollen Gestalten vor seinen Auditorien verkörperte. Aber es müssen nicht unbedingt Hörsaal und Seminarraum sein. Jenseits der akademischen Einhegungen finden Geisteswissenschaftler mit Sinn für exoterische und auf Publikumserwartungen eingehende Präsentationen heute mannigfache Erwerbsmöglichkeiten. Diese Formen als bloß ›feuilletonistisch‹ und unsolide beiseitezusetzen, wie es strenge Verwalter des universitären Hoheitsanspruchs gerne tun, trägt nicht weit. Zumindest sind die dabei in Anschlag gebrachten Kriterien akademischer Solidität sicher keine Gewähr für mehr Geist. Viel interessanter ist, sich einmal genauer anzusehen, was das erfolgreiche Agieren in der außerakademischen Öffentlichkeit dem Geisteswissenschaftler abverlangt. Es sind durchaus nicht nur die Geisteswissenschaften, in denen die Grenzen zwischen ›eigentlicher‹ Wissenschaft und einer an einer breiteren Öffentlichkeit orientierten Darstellung nicht einfach zu ziehen sind. Schöne Beispiele für Popularisierungen, von denen man nicht sagen kann, welchen gediegenen Forschungsstand sie eigentlich aufbereiten, finden sich mittlerweile auch bei Evolutionspsychologen. Nicht zuletzt dann, wenn es darum geht, aus Biologie und Evolutionstheorie den Geist und seine elaborierten Produkte hervorgehen zu lassen. Die zugrundegelegte Maxime ist einfach: Irgendwie muss es ja dabei ›natürlich‹ zugegangen sein und also über Replikationsvorteile von Genen und ›Memen‹ zu verstehen sein. Was dann an Geschichten und Thesen folgt, zeigt auf eindrückliche und nicht selten komische Weise, wie man geisteswissenschaftliche Standards mit Bravour unterbieten kann.Weshalb auch diese Beispiele ›darwinistischer‹ Universalerklärungen zum Thema gehören. H.M.
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