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Neue Rundschau 2006/3

Neue Rundschau 3/2006
192 Seiten
Preis € 10,00
ISBN 978-3-10-809066-1

Inhalt

Indien

Raja Rao Am Gangesghat
Amartya Sen Ein »hinduistisches« Indien?
Amit Chaudhuri Amartya Sens diskursives Indien
Josef Winkler Meine Fahrten nach Indien
Jürgen Mayenschein Bombay
Suketu Metha Das Land des Neins
Nirmal Verma Zurück im eigenen Land
Vikram Seth Kathmandu–Delhi. Von China nach Indien: Die letzte Station

Forum

Durs Grünbein Fünf Gedichte
J.M. Coetzee Wenn eine Frau älter wird. Erzählung
Tilman Spreckelsen Neue Wege im Vertrauten. Günter de Bruyn zum 80. Geburtstag
Chuck Klosterman Porno. 1:09

Einsprüche und Nachreden

Wolfram Nitsch Szenarien der Gewalt. Claude Simon in der »Bibliothèque de la Pléiade«
Thomas P. Weber Pflug im Ameisenhaufen. Daniel Dennetts neues Buch »Breaking the Spell«
Joachim Kersten Ein Liebhaber und Handwerker des Geistes. Annäherung an Klaus Harpprecht

Editoral

»Fern im Osten wird es helle«
Novalis

   Indien, das Land der großen spirituellen Anziehung und Versuchung, der Slums und des Elends hat sich in der Wahrnehmung der Medien in den letzten Jahren in ein Wunderland des dot.com gewandelt, dem Bollywood seine poppigen Farben leiht und das als globales Softwarehaus gegen die Weltwerkbank China antritt. Dabei kann eine Ankunft in Indien weiterhin immer noch so verwirrend sein wie die nächtliche Ankunft in einem dunklen Haus – von Zimmer zu Zimmer verschieben sich die gesellschaftlichen und kulturellen Koordinaten: Indien ist ein ineinander gefalteter Kosmos, in dem Gegensätze unvermittelt aufeinander treffen. Die Daten, die man sich vorher zur Orientierung zurechtgelegt hat, verschieben sich unentwegt, und die Selbstbilder, die einem vor der Ankunft übermittelt wurden, stellen sich selbst in Frage – denn das Land der Rättin und das Indien Mutter Teresas ist genauso gegenwärtig geblieben, wie das in der letzten Nacht in Bangalore oder Kerala für uns ausgedruckte Flugticket in unseren Hand real. Indien ist das Land der Ungleichzeitigkeiten, in der Zugluft zwischen den Zimmern des Hauses spüren wir die Differenzen – eine prästabilierte Harmonie aus unendlichen Unterschieden, deren Bewegungsenergie das Land wie der schnelle Takt der Tablas beseelt. Allerdings nur so lange, wie die Dynamik nicht zur Reibungsenergie zwischen den Religionen, Hautfarben und Kasten wird, denn dann wirkt Indien wie ein gigantisches L.A., dessen lässiger Entspanntheit immer die Gewalt über die Schulter zu schauen scheint.
   Raja Rao erzählt von der verstörenden Ankunft am Ganges, bei der die vermeintlich vertrauten grellen Farben des Spirituellen von der Nacht verschluckt werden. Amartya Sen und Amit Chaudhuri arbeiten am Mythos, den der Westen an Indien herangetragen hat und den sich Indien selbst übergestülpt hat, während Josef Winkler beides – die Farben und die Nacht – einer faszinierten Befragung unterzieht, die das eigene Leben heimsucht und umstülpt. Es mag Zufall sein, dass in indischen Texten soviel von der Heimkehr die Rede ist: doch wie bei Nirmal Verma und Vikram Seth geschieht das nicht im Zeichen einer sentimentalen Rückversicherung im Vertrauten, sondern als Selbstvergewisserung des Erfahrenen.
   Es ist vielleicht die rohe Unvermitteltheit dieser Haltungen, Positionen und Differenzen, ihre gleichzeitig fragile Harmonie, zu der sie zusammenfinden, die die unerhörte Aktualität Indiens ausmacht. Und es sind nicht zuletzt die kosmopolitischen Stimmen der Autoren, die ihrer Diskussion und ihrer Darstellung Brillanz und Größe verleihen. In unserem Heft können wir nur ein schmales Fenster auf die Tausenden von Differenzen aufstoßen, die unser Bild des Subkontinents und seine Selbstdarstellung konturieren und grundieren – Nahaufnahmen zu einer Panoramafahrt in eine ungewisse Zukunft.
H.J.B.

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