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Neue Rundschau 2006/4

Neue Rundschau 4/2006
192 Seiten
Preis € 10,00
ISBN 978-3-10-809067-8

Inhalt

Mensch | Tier

Felicitas Hoppe Ingrids Affen. Ein Berliner Geburtstag
László Krasznahorkai Kamojäger
Henning Ahrens Tiertage
John Berger Sie sind die letzten
Barry Lopez Der Bär mitten auf der Straße
Das Tier, das keines sein will. Der Anatom, Human- und Evolutions-biologe Carsten Niemitz über den Menschen als evolutionäre Momentaufnahme. Ein Gespräch mit Jörg Bong
Silvia Bovenschen Schon vergessen? Ekelfleisch und Fleischekel
Benjamin Bühler/Stefan Rieger Vom Übertier. Ein Bestiarium des Wissens
Markus Wild Talk to me, walk with me like lovers do! Versuch über die ideengeschichtlichen Wurzeln der Tierkommunikation
Tilman Spreckelsen Wir und die Störche. Die Störche und wir
Dominik Perler Können Tiere denken? Eine Überlegung
Scott Bradfield Schweineparadies

Einsprüche und Nachreden

Klaus Hoffer Mutter, Vater, Kind. Anmerkungen zu zwei Lebensgeschichten von Urs Widmer

Editoral

Warum betrachten wir die Tiere so oft? Auch Menschen, die bestens über die Trostlosigkeit der Tierhaltung aufgeklärt sind, stehen gern vor Gehegen und Käfigen und versuchen, den Kreaturen in die Pupillen zu schauen, als wäre dort zu erkennen, was uns mitt-lerweile trennt – die Steine, das Feuer, das Denken, die Sprache. All das hatte zur Folge, dass sich die Distanz zwischen uns und den Tieren bis ins Unendliche vergrößerte, bis schließlich die Vögel und Großtiere in die Minderheit gerieten und zunächst die Pferde aus den Städten, dann die Herden aus den Savannen und schließlich die Kühe von den Weiden verschwanden. Mensch und Tier – eine gekippte Symmetrie. Die Totemtiere unserer langen Reise, die Tiermasken, mit denen wir uns deren Gefährlichkeit überstülpten, die Fabelwesen, mit der wir deren List annektierten, wirken heute in den Museen wie bloßes Strandgut einer Geschichte, die schon uralt gewesen ist, als wir die ersten Zeichen in Ton ritzten. Der Bann, mit den man die Tiere belegen wollte, als man in dunklen Höhlen ihre Silhouette in den Felsen rieb, ist verflogen. In ihren Pupillen regt sich ein Flackern, aber die wilde Fremdheit, die in den Menagerien loderte, ist einer matten Traurigkeit gewichen. Federn, Bälge, Trophäen, ein letztes Souvenir. Mag sein, dass Tiere nicht denken, aber sie träumen – und ihr Blick sagt uns, sie haben uns durchschaut. Das ist der Moment, in dem wir die Last des Tieres in uns spüren – unsere Kreatürlichkeit. Reptiliengehirn, Vogelgehirn, sie leben als wichtige Funktionsträger unter dem Dach unseres Schädels weiter. So groß der Abstand zu den Tieren auch geworden ist, die Wand, die uns trennt, wird immer dünner, bis sie nur noch ein Stück Glas ist, an das wir die Wange legen, um die Gefährlichkeit der Schlange aus sicherer Entfernung zu spüren. Zum Greifen nah, unendlich weit. Und während die Schattenrisse der Tiger über die Lampenschirme der Zivilisation jagen, hören wir es durch die diaphane Zwischenwand flüstern: Auch du gehörst zu uns. 
                                                                                                                           H.J.B

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