Neue Rundschau 1/2007 Zur Übersicht

Neue Rundschau 2007/1

Neue Rundschau 1/2007
192 Seiten
Preis € 10,00
ISBN 978-3-10-809068-5

Inhalt

Historische Stoffe

antje rávic strubel Ausgestorben lebendig
michael lentz Die Nachricht
daniel kehlmann und michael lentz »Die Fremdheit ist ungeheuer« Gespräch über historische Stoffe in der Gegenwartsliteratur
christof hamann Historische Stofffetzen
felicitas hoppe Auge in Auge. Über den Umgang mit historischen Stoffen
henning ahrens Die erfundene Historie. Zum Phänomen der Fantasy-Literatur
ilija trojanow Die Entzündung des narrativen Motors
alexander honold Ankunft in der Weltliteratur. Abenteuerliche Geschichtsreisen mit Ilija Trojanow und Daniel Kehlmann
dieter kühn Ein Mozart in Galizien
roman lach Walter Scott gegen E.T.A. Hoffmann. Warum jeder Roman ein historischer Roman ist
aleida assmann Geschichte im Familien-gedächtnis. Private Zugänge zu historischen Ereignissen

Carte blanche

ingo schulze Eine Amerikanerin in der Akademie
tilman spreckelsen Laudatio auf den Übersetzer
Manfred Allié Ägyptische Weisheit gegen Mosaisches Dynamit.
luca di blasi im Gespräch mit jan assmann
Der Papagei im Norden. Die Literaturzeitschrift »Den Blå Port«
henrik nordbrandt Sechs Gedichte
lone hørslev Lieber Traumdeuter. Drei Gedichte
martin glaz serup Der Verkehr ist unwirklich. Vier Gedichte aus einem Zyklus sjón Das Geschenk. Erzählung

Editoral

Wie war das eigentlich, damals …? Wie haben Menschen im Alten Rom, im Mittelalter, im 18. Jahrhundert gelebt, was haben sie gefühlt, wie haben sie Entscheidungen gefällt, wovor hatten sie Angst? War es – neben der Kleinigkeit, dass es weder Telefone noch Autos gab – anders als bei uns? Es ist ein alter Traum: Wir wären gern dabei gewesen. »Die Atmosphäre in unseren Romanen« sagen Iny und Elmar Lorentz – Spezialisten für historische Schmöker und Autoren zum Beispiel von »Die Wanderhure« – »entsteht durch ein intensives Eintauchen in die entsprechende Zeit.« Es scheint manchem also möglich zu sein. Und zum Glück ist es auch für andere mit geringem Aufwand machbar: Man kauft sich ein entsprechendes Buch, setzt sich in die geheizte Stube, beginnt zu lesen und siehe da: die Tartaren reiten über die Steppe, Karl der Große wird gekrönt, Hannibal beruhigt seine Elefanten. Wir werden unterhalten, lernen etwas, bekommen, wenn es gut läuft, einen Ratschlag fürs Leben – und fallen nicht vom Pferd. Die Dichtung, so hieß es einmal (nämlich bei Aristoteles), erzähle das Wahrscheinliche, die Geschichtsschreibung das wirklich Geschehene. Die Erkenntnis, dass es keinen objektiven Standpunkt beim Blick des Historikers auf die Geschichte geben kann, bedeutete einen Verlust. Die Sehnsucht nach der großen Erzählung ist geblieben. Es gibt seitdem zahlreiche Versuche der Dichtung, das verwaiste Feld zu übernehmen, auf dem Geschichte erzählt wird. Manchmal erscheinen diese Versuche als anachronistisch, oft soll die fremde Zeit der eigenen als Spiegel vorgehalten werden. Nachdem historische Stoffe traditionell eher in der Unterhaltungsliteratur ihren Platz fanden (mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen), ist in den vergangenen Jahren ihr verstärktes Erscheinen in der neuen deutschen Literatur zu beobachten. Dieses Heft widmet sich der Suche nach den Gründen dieses Phänomens und der Frage, wie heute historische Stoffe erzählt werden können. Letzteres ist ja für jede Art der Literatur eine wichtige Frage: Wie kann erzählt werden? Und »derjenige, der schreibt, ist derjenige, der Ratschläge gibt«, sagt Ilse Aichinger. Es gibt einen Text von Walter Benjamin (»Ankleben verboten!« in: »Einbahnstraße«) über die Technik des Schriftstellers in dreizehn Thesen, eine auf den ersten Blick einfach erscheinende und praktisch orientierte Regelsammlung. Die Neue Rundschau wird von nun an Autoren bitten, eine ähnliche Regelsammlung für den Schriftsteller zusammenzustellen, die natürlich nicht nur verstanden werden sollte als ernsthafter Rat- und Regelschlag für die freundlichen, aber hilflosen Kollegen, sondern vielmehr als literarisches Gesellschaftsspiel, das das Schreiben nicht nur als geniehafte, sondern auch als ganz praktische Tätigkeit beschreibt. Den Anfang macht Michael Lentz. Trotz des Titels kann das Plakat »Ankleben verboten!«, das der Neuen Rundschau ab sofort regelmäßig beiliegt, neben jedes Buchregal und über jeden Schreibtisch gehängt werden. Oliver Vogel
0 Artikel  0 €