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Neue Rundschau 2007/2

Neue Rundschau 2/2007
192 Seiten
Preis € 10,00
ISBN 978-3-10-809069-2

Inhalt

alberto manguel Die Rückkehr. Eine Erzählung
jorie graham Fünf Selbstportraits
sarah shun-lien bynum Komplize
taha muhammed ali Rache 87
willem jan otten Fjodor Dostojewskij 1821–1882

Atheismus

slavoj žižek Auf dem Weg zu einer materialistischen Theologie
herbert schnädelbach Der fromme Atheist
thomas p. weber Von Atheisten und anderen Gläubigen. Über Evolutionsbiologie und Religion
werner hamacher Ungerufen Kommentar zu Kafkas »Prüfung«
hans blumenberg Notizen zum Atheismus Aus dem Nachlaß

Carte blanche

gudrun boch Laudatio auf Felicitas Hoppe
felicitas hoppe In Bremen ist der Mund noch warm. Dankesrede anlässlich der Verleihung des Bremer Literaturpreises 2007

Editoral

»Das 21. Jahrhundert wird religiös sein oder nicht sein«, dieser Aphorismus wird gerne André Malraux zugeschrieben. Ein gutes halbes Jahrhundert später scheint diese Vorhersage eingetroffen zu sein: Die Religion ist so dominant und allgegenwärtig wie lange nicht mehr. Es spielt dabei interessanterweise gar keine Rolle, welche Religion Malraux gemeint haben könnte; Christentum wie Islam machen sich auf allen Erdteilen breit und in vielen verschiedenen Formen. War noch in den achtziger und neunziger Jahren ein eher weichgespülter »Spiritualismus« attraktiv, sind es heute gerade die religiösen Dogmen, die anziehend wirken. In einer globalisierten Welt, die allein durch die Bewegung und den Einsatz von Kapital gesteuert wird, scheint ein festgefügtes Weltbild mit starren Wertvorstellungen von Gut und Böse vielen Menschen Halt und Sinn zu geben. Malraux’ Prophezeiung spricht darüber jedoch nicht; das Jahrhundert wird religiös sein, sagt er, aber das heißt nicht unbedingt fundamentalistisch. Das wäre aber die verblüffende Diagnose für die Gegenwart gewesen, denn das Erstaunliche ist ja, dass heute die Religionen mit ihren längst als überholt gedachten Dogmen eine solche Konjunktur haben. Dabei sind es nicht nur ethische Werte, die in dogmatischer Fassung zurückkehren, sondern auch Ansichten über kausale Zusammenhänge, die man eigentlich für wissenschaftlich geklärt hielt. In gewissen christlichen Kreisen wird z. B. die Schöpfungsgeschichte als tatsächliche Beschreibung der Entstehung der Welt angesehen, die Evolutionstheorie wird trotz ihrer weitgehenden wissenschaftlichen Bestätigung abgelehnt. Das geht so stark gegen die Vernunft, dass man sich fragt, was über 200 Jahre Aufklärung mit allen Erfolgen des wissenschaftlichen Denkens gebracht haben. Dabei war der prominenteste Gegner der Aufklärung damals die Kirche. Der Kampf gegen ihre Deutungsmacht und ihren politischen Einfluss zählte zu den wichtigsten Aufgaben. Unsere gesamte heutige Gesellschaft wäre nicht denkbar ohne den Versuch, Leben und Denken ohne einen Gott vorstellbar und lebbar zu machen. Ein Leben ohne Religion, ein Atheismus, sollte als neutrale Basis dienen, um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen durchzusetzen, gegen religiöse Zensur, Unterdrückung, falsche Wertvorstellungen und gegen die politische Macht der Kirche. Eine rein diesseitsbezogene Haltung sollte als Basis für alle dienen, nicht religiöser Wahn und Allmachtsansprüche. Das alles scheint jetzt in Vergessenheit zu geraten. Daher möchte die »Neue Rundschau« an den Atheismus erinnern, an eine Haltung, die sich um Wertneutralität bemüht, die sich nicht von ungeprüften Behauptungen etwas vormachen lassen möchte, die an die Vernunft des Menschen appelliert. Und sie möchte daran erinnern, dass Malraux bereits 1975 in einem Interview bestritten hat, die ihm zugeschriebene Prophezeiung je gemacht zu haben. In handschriftlichen Notizen zu Gäste im Vorübergehen schrieb er vielmehr: »Man hat mich sagen lassen: ›Das 21. Jahrhundert wird religiös sein oder nicht sein.‹ Lächerliche Formulierung.« Alexander Roesler
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